Netzpolitik 13.09.2013

Datenspionage: "Gesellschaft muss Grenzen setzen"

Zukunftsforscher Moshe Rappoport plädiert angesichts der NSA-Enthüllungen für einen gesellschaftlichen Diskurs. Auch technisch sei Schutz möglich.

Eigentlich war Moshe Rappoport zur diesjährigen Future-Network-Technologiekonferenz in Zürich gekommen, um über die aktuellsten IT-Trends von Big Data bis zu mobilen Anwendungen zu referieren. Die Diskussion über die Smartphone-Revolution, und wie Systeme sich in Zukunft intelligent ihrem User anpassen werden, mündete allerdings schnell in eine Datenschutz-Diskussion.

Emotionale Debatte

Auch das IT-Urgestein Rappoport, seit den späten 60er-Jahren in der Technologie-Branche tätig, wirkte in der emotional geführten Diskussion stellenweise verunsichert. "Es gibt derzeit einen Konflikt zwischen dem in der US-Verfassung festgelegten "Recht auf Privatsphäre", das besagt, dass man eben nicht einfach ungefragt in ein Haus hingehen und alles durchsuchen kann, und dem "Recht auf Geheimhaltung", auf das sich die Regierung bezieht. Dazu kommt dann noch das Recht der Bürger, zu wissen, was eine Regierung eigentlich macht", so Rappoport.

Wie Rechtsexperten bescheinigen, finden nicht zuletzt durch die technologischen Errungenschaften der vergangenen Jahre und die fehlenden Präzedenzfälle viele der bekannt gewordenen Vorkommnisse in einem rechtlichen Graubereich statt. Auch Rappoport plädiert dafür, hier Klarheit zu schaffen. "Wir befinden uns definitiv in einer Zeit des Umbruchs und müssen die Gunst der Stunde nützen, um als Gesellschaft Grenzen zu setzen. Was darf man, was soll man mit Daten tun, wo brauchen wir unbedingten Schutz der Privatsphäre? Was wollen wir als Gesellschaft erreichen", so der Zukunftsforscher.

IT-Konzerne unter Druck

In der Diskussion wurde einmal mehr auch die Zwickmühle deutlich, in der sich große Technologiekonzerne wie Google, Facebook, Microsoft oder Apple derzeit befinden. Zum einen sind die technischen Voraussetzungen, die Rechenpower, die entsprechenden Sensoren und Algorithmen sowie die verwendeten mobilen Geräte soweit, einen Quantensprung in der Informationsgesellschaft zu erzielen. Intelligente Computersysteme können zukünftig nicht nur unser Leben vereinfachen, sondern auch enorme Fortschritte in der Medizin oder der Bekämpfung von Armut und sozialen Ungerechtigkeiten erreichen.

Die Veröffentlichungen rund um das Datensammeln der NSA und etwa des britischen Geheimdienstes sowie die unklare Rolle, welche die großen Technologiekonzerne darin spielen, sorgen nun aber für massive Verunsicherung, wie auch aus den Publikumsmeldungen nach Rappoports Vortrag deutlich wurden. Für die Konzerne ist die Diskussion in jedem Fall unangenehm. Zum einen müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, eventuell doch mit den Regierungen unter einer Decke zu stecken. Ist das nicht der Fall, wie sie nicht müde werden, öffentlich zu betonen, wirft das ebenfalls ein schlechtes Licht auf deren Unfähigkeit, User-Daten vor einem Zugriff staatlicher Institutionen zu bewahren.

Anonyme Analyse

Denn technisch ist laut Rappoport schon jetzt einiges möglich, um Daten - Stichwort Big Data - intelligent auszuwerten, ohne die Privatsphäre von Usern zu kompromittieren: "Genau in diese Frage investiert die Forschung seit vielen Jahren. Wie kann man etwa gewährleisten, dass der Händler beim Verkaufen eines Autos weiß, dass ich als Kunde zahlungsfähig bin, aber ohne, dass er den Namen meiner Bank, meine Kontonummer oder gar die dort aufscheinende Geldsumme kennt."

Wenn man von der Analyse von Big Data profitieren wolle, müsse man solche Herausforderungen lösen. "Natürlich kann man auch ganz auf Big Data verzichten. Damit verliert man aber auch die Möglichkeit, etwa in der Bekämpfung von Krankheiten oder im Katastrophen-Management viele Leben zu retten.“

Informatikunterricht reformieren

Die derzeitige Diskussion sollte laut Rappoport auch dazu genützt werden, vor allem junge Leute für das Thema Datenschutz und Datenmissbrauch zu sensibilisieren. Denn gerade die junge Generation habe - wie der sorglose Umgang mit Facebook und anderen sozialen Plattformen im Web zeige - kaum ein Bewusstsein dafür, was sie für persönliche Dinge von sich preisgebe. Diese Aufklärung müsse schon in Schulen stattfinden.

"Ich halte wenig davon, sich im Informatikunterricht ausschließlich auf eine Programmiersprache zu konzentrieren, die nach drei Jahren vielleicht ohnehin nicht mehr in Gebrauch ist. Vielmehr muss man Schüler auch beibringen, worauf sie in unserer Informationsgesellschaft besonders aufpassen müssen und wie sich sich vor Datenmissbrauch schützen können", meinte Rappoport.

( futurezone ) Erstellt am 13.09.2013