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Netzpolitik
06/17/2020

Die Corona-Apps der EU verstehen sich nicht

Viele europäische Apps folgen dem gleichen Prinzip, können aber noch keine Informationen untereinander austauschen.

von Franziska Bechtold

In Deutschland startete diese Woche die Corona-Warn-App, die in Zusammenarbeit der deutschen Bundesregierung, des Robert Koch Instituts und SAP entwickelt wurde. Sie ist eines von vielen europäischen Projekten, das dem Vorbild der österreichischen „Stopp Corona“-App folgt. Auch die Niederlande, Polen, Irland, Italien, Estland und die Schweiz zogen inzwischen nach, sind aber untereinander noch nicht kompatibel. Alle Corona-Apps funktionieren nach dem selben Prinzip. Per Bluetooth wird erfasst, ob man sich mindestens 15 Minuten lang in weniger als 2 Meter Abstand zu einer anderen Person aufgehalten hat. Dieser Kontakt wird dann gespeichert, man spricht von einem digitalen „Handshake“. 

Google und Apple haben für derartige Apps im Zuge der Pandemie die Schnittstelle DP-3T geschaffen. Gerade bei iPhones ist das essenziell, weil Kontakte nicht automatisch gespeichert werden können. In Österreich soll das mit dem nächsten Update umgesetzt werden. Das wurde für Mitte Juni angekündigt, verschiebt sich aber etwas, wie die App-Entwickler von Accenture der futurezone mitteilten. 

Länderübergreifende Funktionen

Nach dem Update wäre die „Stopp-Corona“-App zumindest technisch auch in der Lage, mit den Apps anderer Länder zu kommunizieren. Es scheitert allerdings noch an den unterschiedlichen Standards der Apps, teilte ein Sprecher des Roten Kreuzes der futurezone mit. Ein Thema sei etwa, wie mit Krankmeldungen umgegangen wird. Hat eine Person Symptome oder wird positiv auf das Coronavirus getestet, trägt man diese Information freiwillig in die jeweilige App ein. Danach wird automatisch eine anonymisierte Benachrichtigung an alle Nutzer versandt, mit denen man innerhalb der letzten 14 Tage Kontakt hatte.

Infiziert sich ein Österreicher aber im Ausland mit Corona und meldet dies über die App, kann die Benachrichtigung nur an österreichische Kontakte übermittelt werden. Das liegt daran, dass der dafür zuständige Server in Österreich nicht mit App-Nutzern in Italien oder Deutschland kommunizieren kann. Aktuell arbeite man aber an einer Lösung für dieses Problem, wie es heißt. „Wir befinden uns in Austausch mit den anderen Ländern, um auch in Hinblick auf die bevorstehende Reisezeit die Möglichkeit der Interoperabilität zu schaffen“, heißt es vonseiten des Roten Kreuzes. 

Dezentrale Datenspeicherung

Ein anderes Problem beim Zusammenspiel internationaler Apps liegt beim Umgang mit Daten. Die Apps von 8 EU-Ländern speichern die Daten dezentral, also verschlüsselt auf dem jeweiligen Smartphone. Frankreich und Großbritannien verfolgen einen anderen Ansatz: Hier werden alle Daten auf einem einzigen Server gespeichert. Da das nicht den Datenschutzanforderungen von Apple und Google genügt, dürfen die Apps deren DP-3T Schnittstelle nicht nutzen. So sind sie auch nicht mit den anderen Apps kompatibel.

Zudem nutzen beide Apps nicht nur Bluetooth, sondern auch GPS, um den Standort der Nutzer zu bestimmen. Momentan wird zwar eine neue App in Großbritannien getestet, die nur den Bluetooth-Handshake nutzt, die Daten werden jedoch weiterhin auf einem zentralen Server gespeichert. 

EU–Standard entwickelt

Reist man ins Ausland, wird aktuell empfohlen, die jeweilige Landes-App herunterzuladen. Allerdings ist das nicht überall möglich. So kann die österreichische „Stopp Corona“-App nur aus dem österreichischen App-Store heruntergeladen werden und Besucher aus anderen Ländern können sie nicht installieren. Am Dienstag konnten sich die EU-Mitgliedsstaaten nun auf einen Standard einigen, der einen sicheren Austausch zwischen den Apps ermöglichen soll. Der zuständige EU-Kommissar Thierry Breton erklärte: „Mit Blick auf die bevorstehende Reisesaison ist es wichtig, dafür zu sorgen, dass die Europäerinnen und Europäer die App aus ihrem eigenen Land nutzen können, unabhängig davon, wo in der EU sie unterwegs sind.“

Der erste Interoperabilitäts-Test soll schnellstmöglich zwischen Deutschland, Niederlande und Polen stattfinden. Eine der wichtigsten technischen Voraussetzungen, die in einem 10-seitigen Dokument festgehalten wurden, ist eine dezentrale Architektur – was die französische App aber ausschließt. Ob sie noch angepasst werden soll, ist unklar. Probleme gibt es auch außerhalb der EU: Die norwegische App „Smittestopp“ musste nach Kritik von Datenschützern gar ganz zurückgezogen werden. Wie es damit weitergeht, ist ungewiss.

Obwohl derzeit in vielen Ländern, inklusive Österreich, die Lockerungen voranschreiten, ist man mit den Apps nicht zu spät dran, versichert das Rote Kreuz – ganz im Gegenteil: „Während eines Lockdowns hat man verhältnismäßig wenig Kontakt mit Menschen außerhalb der Familie. Jetzt ist man wieder im Restaurant, Taxi oder Zug unterwegs und daher wird die App immer wichtiger“, so ein Sprecher gegenüber der futurezone.