Netzpolitik
16.01.2014

“Sascha Lobo hat den Nagel auf den Kopf getroffen”

Die fundamentale Internetkritik von Sascha Lobo hat hohe Wellen geschlagen und eine neue Netzdebatte vom Zaun gebrochen. Die Reaktionen reichen von Zustimmung bis Belustigung.

"Das Internet ist kaputt" - Mit dieser Aussage im Feuillton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) hat Autor und Journalist Sascha Lobo, der gemeinhin auch als einer der wichtigsten sogenannten Internetexperten im deutschsprachigen Raum gehandelt wird, für Furore gesorgt. Seine Meinungsumkehr, seine Enttäuschung, seine (Selbst)Kritik am Netz, wie wir es heute angesichts des NSA-Skandals vorfinden, hat eine Welle an unterschiedlichen Reaktionen und eine neuerliche Debatte über den Umgang mit dem Internet, Geheimdienste, Vernetzung, Technologie, ja sogar, Demokratie, ausgelöst.

Während sich die einen auf Lobos Seite schlagen, seine Analyse begrüßen, werfen andere ihm Übertreibung vor oder spötteln gar über die “Kränkung”, von der Lobo schreibt. Relativ einig scheinen sich Experten und Beobachter jedoch darüber zu sein, dass es eine solche - wie auch immer ausformulierte Debatte - angesichts des Jahres 2013, in dem die NSA-Spähaffäre alles überschattete, nun dringend braucht.

Nachvollziehbare Frustration

“Meine spontane Reaktion auf Sascha Lobos Artikel in der FAS war, dass er damit wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Ich empfinde die Frustration und Enttäuschung ebenso”, sagt der Informatiker Peter Rastl, der als “Vater des Internets” in Österreich gilt, zur futurezone. Denn es sei eine bittere Erkenntnis für jemanden, der sich persönlich viele Jahre für die Verbreitung des Internets engagiert hat, damit zugleich die Implementierung des größten und gefährlichsten Überwachungstools aller Zeiten vorangetrieben zu haben - mit einem solch enormen Repressionspotenzial in der Zukunft, erklärt Rastl.

Freilich habe Sascha Lobo pointiert formuliert. “Doch wie könnte sein Mahnruf denn sonst durch die dicke Haut der Snowden-Enthüllungs-abgestumpften Leser dringen, die sich darin gefallen, ohnehin alles längst gewusst zu haben oder sich davon nicht betroffen zu fühlen”, sagt Rastl.

Definitionsfrage

Ob das Internet "kaputt" sei, hänge davon ab, was man unter "dem Internet" verstehe, so Rastl weiter. “Auch Lobo meint damit ausdrücklich nicht die Idee der digitalen Vernetzung.” Die Entwicklung des Internet sei außerdem noch längst nicht abgeschlossen - Rastl verweist etwa auf das "Internet der Dinge" mit Netzwerkanbindung aller technischen Geräte, vom Auto über den Stromzähler, vom Heizungsregler bis zum Herzschrittmacher. “Bedenkt man, welches Überwachungs- und Missbrauchspotenzial sich erst da erschließen wird, mag man durchaus die Meinung vertreten, dass dieses Internet kaputt ist.”

Verschlüsselung und Sanktionen

“In der Formulierung übertreibt Sascha Lobo sicherlich. Immerhin ist es nichts Neues, dass es Überwachung gibt”, sagt Datenschutzrat Andreas Krisch zur futurezone. Überraschend sei vielleicht das Ausmaß, aber dass es zum Ausspähen kommt, sei auch vor dem NSA-Skandal hinlänglich bekannt gewesen.

“Grundsätzlich brauchen wir aber jetzt sicherlich eine solche Debatte”, meint Krisch. Es stelle sich nun die Frage, wie man aus dieser Überwachungssituation wieder herauskomme und sich künftig sicherer im Netz bewegen könne. “Auf jeden Fall muss sehr stark in Richtung Verschlüsselung gegangen werden, was Konzerne wie Google mittlerweile bereits umsetzen, wobei sich die Frage stellt, wieso das alles nicht schon viel früh und flächendeckender geschehen ist”, so Krisch weiter. Außerdem habe die Thematik auch viel mit der Durchsetzung des Datenschutzrechts zu tun, was bislang nicht zur Zufriedeheit funktioniere. In Österreich etwa gibt es das Problem eines jahrelangen chronischen Personalmangels, sodass die Behörde gar nicht in der Lage ist, alles Nötige umzusetzen. “Das muss jedenfalls verbessert werden”, betont Krisch.

Darüber hinaus seien stärkere Sanktionen gefragt, womit eine Gegenbewegung ausgelöst werden könne - “was sich letztlich auch positiv auf die heimische Wirtschaft auswirken kann”, glaubt der Datenschutzexperte. Wenn sich etwa kleinere heimische Firmen nun im Bereich der Sicherheitstechnik stark machten, könnten sie sich damit auch international etablieren. “Wir müssen jetzt diese Trendumkehr schaffen.”

Fortschritt durch Kränkung

Für Maximilian Schubert, Generalsekretär des Verbandes der österreichischen Internet-Provider (ISPA); ist Lobos “Kränkung” durchaus eine wichtige. “Man denke nur an Kopernikus, Darwin oder Freud - es gab in der Geschichte immer wieder diese Kränkungen der Menschheit. Doch jede dieser Niederlagen hat uns weitergebracht”, sagt Schubert. Vor diesem Hintergrund sehe er Lobos Analyse also durchaus positiv, weil dadurch eine wichtige Diskussion in Gang komme, die die Entwicklung des Internets weiterbringen könne.

“Jedenfalls ist jetzt auch die Politik in Österreich gefordert. Es kann nicht sein, dass die Agenden von IKT und digitaler Ökonomie zwischen mehreren Ministerien aufgeteilt sind”, kritisiert Schubert. Auch in Sachen Vorratsdatenspeicherung sieht der ISPA-Generalsekretär Handlungsbedarf. “Wir wollen auch, dass das Internet endlich nicht mehr nur so als Querschnittsmaterie nebenbei behandelt wird, die ISPA will einen fixen Zuständigen für netzpolitische Themen”, so Schubert.

Symbiose Mensch-Technologie

“Die Kritik ist sicher übertrieben”, meint Hermann Maurer, Erfinder der Bildschirmtechnologie MUPID, die als richtungsweisende Vorstufe für europäische Internet-Technologie gilt. Es gebe aber durchaus negative Aspekte am Internet. Maurer hat sich unlängst dazu in einem ausführlichen Fachartikel im Magazin Informatik Spektrum geäußert. Darin spricht er davon, dass diese negativen Aspekte nicht zwingend negativ sein müssten, sondern viele davon - aus neuen Gesichtspunkten betrachtet - ins Positive gewendet werden könnten. Es seien nicht die Technologien gefährlich, sondern es brauche vielleicht einen neuen Begriff “Mensch”. “Ein Mensch ist heute nicht nur eine biologische Substanz, er hat in und um sich diverse Technologien, und er darf nur mehr als Symbiose mit diesen verstanden werden”, argumentiert Maurer.

Die Symbiose Mensch-Technologie gehe unaufhaltsam weiter. “Solange wir emotional und kreativ Mensch bleiben und dabei immer ‘mächtiger’ werden, weil wir mit einem Gerät wie Google Glass oder internetfähigen Armbanduhren viele Funktionen besser ausführen können als ohne diese Geräte, sehe ich daran nichts Gefährliches”, so der Wissenschaftler mit dem Verweis: “Wenn wir uns gegen eine totale Abhängigkeit von der Technologie durch Redundanz oder Alternativtechnologien schützen.”

“Wasser in der Suppe”

Der Autor und Journalist Henryk M. Broder hat für Lobos “Enttäuschung” hauptsächlich Spott und Hohn übrig. In einer Replik in der Welt zieht Broder den Vergleich mit der Entdeckung, seine Mutter habe “Suppen auch nur mit Wasser gekocht”. Nicht das Internet sei das Problem, sondern es gehe darum, was man damit mache - so wie man mit einem Messer einerseits ein Stück Brot abschneiden und andererseits jemanden töten könne, schreibt Broder betont polemisch. Ähnlich, allerdings auf etwas sachlicherer Ebene, analysiert Thomas Stadler, Fachanwalt für IT-Recht, in einem Blogeintrag auf Internet-Law.de . Auch Stadler verweist darauf, dass nicht das Internet per se kaputt sei. Vielmehr müsse die Frage gestellt werden, ob die Demokratie kaputt sei, da Geheimdienste weit mehr gefährden würden als bloß das “Internet”.

Der bekannte Medientheoretiker Evgeny Morozov hat sich ebenfalls in einer ausführlichen Replik auf Lobos “Kränkung” hin geäußert. Morozov sieht etwa das Problem des Internetzentrismus, wie er es nennt, dem auch Lobo unterliege. Gemeint ist: “Die Vorstellung, dass allem, was im digitalen Bereich geschieht, eine kohärente Logik zugrunde liege”, schreibt der Medientheoretiker. Diesen Internetzentrismus gelte es abzulegen.

Dringlichkeit

Wie wichtig eine grundlegende Debatte zum Thema ist, beweist für Internetpionier Rastl jedenfalls schon allein die Tatsache, dass nach wie vor nirgendwo eine Regierung wirksame Gegenmaßnahmen gegen die Ausspähung und Aufzeichnung aller Lebensäußerungen ihrer Bürger setze. “Mir drängt sich geradezu der Verdacht auf, dass die Regierenden insgeheim sogar ein Interesse an der Überwachung der eigenen Bürger haben, um künftig einen allfälligen Dissens in der Bevölkerung, der die eigene Machtposition gefährden könnte, rechtzeitig zu bemerken und im Keim zu ersticken”, sagt der Internetpionier.

Es sei gefährlich naiv zu glauben, dass die Regierenden, denen man vielleicht heute Vertrauen entgegenbringt, nicht durch andere abgelöst werden könnten, welche die aus vorauseilender Terrorangst errichtete perfekte Überwachungsinfrastruktur missbrauchen werden. “Wenn es nicht bald, und im internationalen politischen Konsens, gelingt, dieses Risiko abzubauen, dann ist das Internet tatsächlich kaputt, und die Menschen werden früher oder später die Folgen sehr schmerzlich zu spüren bekommen”, ist Rastl überzeugt.