Netzpolitik 07.05.2018

Satire-Aktion gegen rechten Hass: Böhmermann will Netz zurückerobern

© Bild: ZDF und BEN KNABE / ZDFneo/BEN KNABE

Mit „Reconquista Internet“ gibt es seit kurzem eine „unbeabsichtigte Bürgerbewegung“ im Netz, die statt Hass auf Liebe setzt.

Der TV-Moderator und Satiriker Jan Böhmermann hat mit „Reconquista Internet“ eine Netzbewegung ausgelöst, die Liebe statt Hass im Netz streuen möchte. „Aus Versehen“, wie er selbst betont. Die Menschen hätten keine Lust mehr auf Kommunikation, die in permanenter Enthemmung ende, so Böhmermann vor wenigen Tagen auf der Internet-Konferenz re:publica in Berlin. Er selbst bezeichnete das Projekt dabei als „Satire ohne Wirklichkeitsbezug“. Doch rund 50.000 Menschen haben sich der Netz-Bewegung bereits angeschlossen. Sie hat auch bereits Konsequenzen, die auch abseits des Internets sichtbar sind.

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Projektionen auf Kirche

In der Nacht auf Montag tauchten in Dresden auf der Frauenkirche Projektionen mit folgendem Spruch auf: „Durchhalten, freundliches Dresden! Ihr seid nicht alleine! #ReconquistaInternet“. Der Spruch ist dabei weit mehr, als ein Zeichen, dass Netz-Bewegungen auch offline an Bedeutung gewinnen: Sie hat eine politische Komponente. Am Montagabend ist in der deutschen Stadt eine Pegida-„Patrioten“-Demonstration angemeldet.

Der Name „Reconquista Internet“, das Böhmermann für das Satire-Projekt gewählt hat, ist eine gezielte Anspielung auf den Hass, der von „rechten Trollen“ ausgeht. Eine Recherche von ARD und ZDF im Content-Netzwerk „Funk“ hat das rechte Online-Forum „Reconquista Germanica“ verfolgt und aufgezeigt, wie deren Nutzer die öffentliche Debatte beeinflussen oder Hasskampagnen gegen Internetseiten, Medien oder einzelne Menschen geplant haben. Die Doku „Lösch dich! – So organisiert ist der Hass im Netz“ zeigt, wie rechtsextreme Troll-Netzwerke funktionieren.

"Größer als erwartet"

Ein Recherche-Team von "Funk" schleuste sich in diesem Film bei dem rechtsextremen Netzwerk " Reconquista Germanica" ein und zeigte, wie diese Troll-Netzwerke funktionieren und welche Ziele sie verfolgen. Das Recherche-Team versuchte auch, den Trollen mit einem Love-Storm etwas entgegenzusetzen.

Reconquista Internet“ will den öffentlichen Raum im Netz nun zurückerobern – mit „Liebe und Vernunft“. Gestartet hatte Böhmermann die Aktion in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“. Zur re:publica schwankten die Nutzer-Zahlen derjenigen, die sich auf dem dazugehörigen Discord-Server angemeldet hatten, zwischen 48.000 und 51.000 Nutzern. „Ich habe aus Versehen eine Bürgerrechtsbewegung ins Leben gerufen“, so Böhmermann.

Eine „Liebes-Troll-Armee“ mag Böhmermann aber nicht erschaffen haben. „Ich dachte nicht, dass das so groß wird. Aber wir sind viele, die das technisch betreuen. Ich bin nicht einer, der 50.000 Leuten Befehle erteilt. Das ist eingebunden in eine demokratische, aber nicht ganz transparente Entwicklung“, so der TV-Moderator, der im re:publica-Talk zugibt, mit seiner Arbeit als Satiriker auch selbst „bewusst Hass zu produzieren“. „Wir wissen meistens ganz genau, was wir machen. Wenn wir Hass produzieren, machen wir das professionell und mit Ziel. Das vereint uns mit den rechten Trollen“, so Böhmermann.

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Strategien gegen Hass im Netz

Die Idee, sich im Netz für Liebe statt Hass einzusetzen, ist allerdings keine neue Strategie gegen Hass im Netz, sondern eine, die bereits von vielen seit längerem immer wieder praktiziert wird. So gibt es neben Shitstorms schon seit geraumer Zeit auch Lovestorms oder Flowerstorms, um Angreifern, die Menschen im Netz gezielt beleidigen, beschimpfen und erniedrigen, den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Die Doku sowie der anfängliche Erfolg der Aktion von Böhmermann zeigen, dass das Bedürfnis der Menschen nach weniger Empörung und Enthemmtheit im Netz tatsächlich groß ist – und dass es für diejenigen, die von derartigen Angriffen durch rechte Trolle betroffen sind, meist recht schlimme Folgen hat und Solidarität mit den Betroffenen und Gegenrede wichtig sind. „Reconquista Internet“ ist daher ein wichtiges Signal, um eine größere Bevölkerungsgruppe auf die Problematik aufmerksam zu machen.

( futurezone ) Erstellt am 07.05.2018