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10/31/2019

Huawei Mate 30 im Test: Unbrauchbar ohne Google-Apps

Wir haben uns angesehen, welche Auswirkungen der Android-Bann hat und wie man die Huawei-Smartphones dennoch nutzen kann. 

von Florian Christof

Huawei und Google können sich eigentlich ganz gut leiden. Beide Unternehmen benötigen einander und profitieren voneinander - hätte da nicht jemand einen Handelskrieg zwischen den USA und China vom Zaun gebrochen. Seit Mai gibt es die ominöse Schwarze Liste, die es bestimmten US-Unternehmen verbietet, Geschäfte mit Huawei zu machen. Während alle bereits auf den Markt befindlichen Huawei-Smartphones nicht vom sogenannten Android-Bann betroffen sind, sind die Auswirkungen für neue Geräte umso drastischer.

Das Huawei Mate 30 und das Huawei Mate 30 Pro sind die ersten Smartphones des chinesischen Unternehmens, auf denen keine Google-Dienste mehr laufen dürfen. In Europa sind die beiden Handys vorerst noch nicht offiziell erhältlich, in China können sie bereits gekauft werden. 

Der Online-Händler Trading Shenzhen hat uns die chinesische Version eines Huawei Mate 30 für einen Test zur Verfügung gestellt. Diese Mate 30-Version wird sich Software-seitig ein wenig von einem möglichen europäischen Mate 30 unterscheiden. Dennoch konnte ich so einen Einblick erlangen, wie sich ein Huawei-Smartphone verwenden lässt, wenn die Google-Dienste darauf gesperrt sind.

Huawei Mate 30 mit Google-Apps

Als ich das Handy zum ersten Mal eingeschaltet habe, waren die Google-Apps allerdings bereits installiert. Damals war es noch möglich, mittels Workaround die Google Play Services zu installieren. Mittlerweile wurde dies jedoch wieder abgedreht

Das Huawei Mate 30 mit den - wie auch immer installierten - Google Diensten lässt sich weitestgehend genauso verwenden, wie man es von anderen Android-Phones gewohnt ist: Über den Play Store können Apps installiert werden, die sich in der Folge automatisch aktualisieren. Auch bei den Google-Apps wie Maps oder Gmail gibt es keinerlei Unterschiede. 

Aus Sicherheitsgründen wollte ich mich nicht mit meinem primären Google-Account bei dem Smartphone anmelden, da eben die Google-Dienste über dubiose Art und Weise installiert wurden. Daher ist es nicht restlos geklärt, ob nicht doch ein Dritter mitliest und meine Daten anderweitig verwendet. 

Google-freies Huawei Mate 30

Soweit so gut: Nach einem gründlichen Reset war das Mate 30 nun wieder im ursprünglichen Zustand - sprich ohne Google-Dienste. Die erste Inbetriebnahme funktioniert wie üblich: Fingerprint einrichten, Zugriff auf Huaweis HiCloud usw. - nur der Schritt mit der Anmeldung bei Google fehlt. 

Wer schon mal ein Google-freies China-Handy verwendet hat, dem wird alles sehr bekannt vorkommen. Der Standard-Start-Screen ist übersät mit chinesischen Apps bzw. Anwendungen, die für den chinesischen Markt und deren Nutzer gedacht sind. Als Europäer wird man mit den meisten Apps nicht viel anfangen können. Es ist aber davon auszugehen, dass ein Huawei Mate 30 für den europäischen Markt angepasst ist und dabei auf viele dieser China-Apps verzichtet wird. 

Nach dem Setup wollte ich nun meine gewohnten Apps auf dem Smartphone installieren. Die erste Adresse auf einem Google-freien Handy ist der App Store des Anbieters, in dem Fall Huaweis App Gallery. 

Der Handy-Alltag ohne Google-Apps

Schon nach den ersten Suchanfragen im Huawei-App-Store ist der Frust groß: Spotify - Fehlanzeige; Reddit - Fehlanzeige; SoundCloud - Fehlanzeige; Facebook - Fehlanzeige; WhatsApp - Fehlanzeige; Instagram - Fehlanzeige. Praktisch keine der Apps, die ich gerne auf meinem Mate 30 installieren wollte, ist in der App Gallery von Huawei zu finden. Was den ohnehin schon großen Frust noch verstärkt, sind regelmäßige, Full-Screen-Werbeanzeigen in der App Gallery. Will Huawei auch nur annähernd dem Google Play Store Konkurrenz machen und seinen Nutzern populäre Apps anbieten, ist der Aufholbedarf riesig. 

Will man also das Mate 30 in irgendeiner, auch nur annähernd gewohnten Weise verwenden, kommt man um einen alternativen App Store nicht herum. Meine erste Adresse für das manuelle Installieren von APKs ist APK-Mirror. Da ich allerdings gleich zahlreiche Apps installieren wollte, kam ich zu Aptoide.

Auf der Suche nach Apps

Steuert man die Website von Aptoide mit dem Huawei-Browser an, bekommt man gleich einen Download-Link zur Aptoide-APK. Hat man die Sicherheitseinstellungen des Smartphones angepasst, sodass APKs von nicht verifizierten Entwicklern zur Installation zugelassen werden, hat man nun einen funktionierenden App Store auf seinem Mate 30. Das fröhliche Installieren von Apps - besser gesagt deren APKs von nicht verifizierten Entwicklern - kann nun losgehen. 

Vom Angebot her ist Aptoide praktisch eine Spiegelung von Googles Play Store. Es gibt kaum eine App, die auf dem alternativen App-Store nicht zu finden ist. Die einzige Anwendung auf meiner Liste, die nicht auffindbar war, war eine App eines kleinen Smarthome-Anbieters. Davon abgesehen, bietet Aptoide nahezu alle Apps, die auch im Play Store zu finden sind. 

Sicherheitsbedenken ohne Ende

Es ist allerdings schon ein etwas mulmiges Gefühl, sich zahlreiche Anwendungen mit zum Teil tiefgreifenden Rechten auf seinem Smartphone zu installieren. Dieses Gefühl wird größer, wenn man sich bei den Apps auch noch Einloggen muss, was ja beinahe bei jeder App notwendig ist. 

Die allermeisten Apps funktionieren wie gewohnt. Problematisch ist allerdings, wenn man sich mit seinem Google-Konto in einer Dritt-Anbieter-App einloggen möchte. Das funktioniert nämlich nicht und wird blockiert.

Lustig ist, dass man sich über Aptoide auch sämtliche Google-Apps herunterladen kann. Allerdings bleibt es meist beim Download. Denn sowohl die Google Play Services, als auch der Play Store lassen sich nicht öffnen. Auch der Google Kalender sowie Gmail können nicht benutzt werden, da ein Einloggen mit dem Google-Account verlangt wird, dieses aber eben blockiert und somit unmöglich wird. Solange man sich nicht einloggt, funktionieren beispielsweise Google Maps und der Chrome-Browser einwandfrei - jedoch eben nicht personalisiert.

Apps aus dubiosen Quellen

Extrem nervig bei Aptoide sind die permanenten Full-Screen-Pop-Ups, die erst nach einigen Sekunden weggedrückt werden können. Praktisch ist hingegen, dass die Apps aktuell bleiben. Denn die über Aptoide heruntergeladenen Anwendungen werden vom App Store aktualisiert. 

Banking-Apps, wird man sich auf diese Weise nicht herunterladen können. Sollte eine solche Banking-App dennoch auf Aptoide zu finden sein, wird sie sich möglicherweise nicht nutzen lassen. Die George-App von der Erste Bank kann man zwar herunterladen, beim Öffnen der Anwendung heißt es dann, dass die App aus einer nicht vertrauenswürdigen Quelle stammt und daher nicht verwendet werden kann. Wer unbedingt will, kann sich im Browser bei der Erste Bank einloggen und dort seine Bankgeschäfte erledigen - aber nur sofern man nicht die Identity-App zur Verifizierung nutzt. Gmail kann übrigens auch im Browser verwendet werden.

Man sollte sich beim Verwenden von Aptoide jedenfalls immer vor Augen führen, dass die APKs von nicht verifizierten App-Entwicklern stammen. Bei jeder Installation wird man vom Smartphone darauf hingewiesen und mehrmals an ein mögliches Sicherheitsrisiko erinnert. Derartige Apps dauerhaft im Alltag verwenden, davor kann nur abgeraten werden. 

Erstklassige Hardware

Bei all den Diskussionen über die Software gerät die Hardware des Geräts ins Hintertreffen. Mit dem Mate 30 hat Huawei ein solides Smartphone abgeliefert, das in jeder Hinsicht überzeugen kann. 

Beim Prozessor setzt Huawei auf den hauseigenen Kirin 990. Diesem sind 6 beziehungsweise 8 GB RAM und 128 GB Speicherplatz zur Seite gestellt. Beim Speicherstandard kommt das schnellere UFS 3.0 zum Einsatz. 

Am 6,62 Zoll großen OLED-Bildschirm gibt es absolut nichts auszusetzen. Die Selfie-Kamera ist im schmalen Balken-Notch versteckt und verfügt erstmals auch über eine Time-of-Flight 3D-Kamera für das sichere Entsperren per Gesichtsscan.

Nacht-Modus

Normal-Modus

Normal-Modus

Nacht-Modus

Nacht-Modus

Normal-Modus

Der Portrait-Modus erkennt Gesichter sehr genau

Auch mit Kapuze erkennt der Portrait-Modus das Gesicht und die Person sehr genau

Beeindruckende Kamera

Wie man es von Huawei mittlerweile gewohnt ist, liefert die Hauptkamera exzellente Bilder. Das Kamera-Setup besteht aus drei Linsen auf der Rückseite: 40 MP, f/1,8, 27mm; 8 MP, f/2,4, 80mm für den dreifachen optischen Zoom sowie einer Ultra-Weitwinkellinse mit 16 MP, f/2,2, 17mm. Vor allem der Portrait- und der Nachtmodus zeigen auf eindrucksvolle Weise, auf welch hohem Level die Smartphone-Kameras bereits angekommen sind. 

Der Akku hat eine Kapazität von 4.200 mAh und kann kabelgebunden mit 40 Watt und kabellos mit 27 Watt geladen werden. Da es sich allerdings um ein Import-Gerät aus China handelt, beim dem nur mittels Adapter geladen werden kann, lässt sich über die Schnelligkeit des Akkuladens kein abschließendes Urteil fällen. 

Fazit

Wenn auf dem Mate 30 die Google-Apps laufen würden, würde es zu besten aktuell verfügbaren Smartphones zählen. So ist es aber weder verfügbar noch mit den Google-Diensten bestückt und damit nahezu unbrauchbar. 

Auch für all jene, die Google aus dem Weg gehen wollen und auf deren Dienste verzichten, ist das Google-freie Mate 30 nicht wirklich empfehlenswert. Das Problem liegt hier weniger an der Funktionalität, sondern mehr an der Sicherheit. Das Fehlen des Google Play Store und der unbrauchbare Huawei App Store zwingen die Nutzer quasi dazu, Apps aus den Händen von Drittanbietern zu installieren, die nicht vom offiziellen App-Anbieter abgesegnet wurden. Welche Risiken sich hier auftun, sollten hinlänglich bekannt sein.

Auch wenn irgendwann wieder ein Workaround funktioniert und sich die Google Play Services auf den Mate 30-Geräten installieren lassen, sollte man stets bedenken, dass die installierten Google-Dienste aus nicht-verifizierten Quellen stammen und ein mögliches Einfallstor für unangenehme Gäste darstellen können.

Wenn Huawei langfristig auf Google-Dienste verzichten muss, wird der Konzern in Europa wohl nicht mehr lange in dieser Weise bestehen bleiben können. Bei der harten Konkurrenz wird kaum jemand zu einem Android-Handy greifen, das derart viele Unannehmlichkeiten mit sich bringt und einfach nicht reibungslos verwendet werden kann. Und das wäre mehr als Schade, denn wie die Verkaufszahlen zeigen, sind offenbar sehr viele Kunden mit den Huawei-Phones zufrieden.

Bis Huawei eine Alternative zu Android beziehungsweise zum App-Ökosystem des Google Play Store geschaffen hat, werden wohl noch Jahre vergehen. Das Huawei Mate 30 ohne Google-Dienste bleibt eine hervorragende, allerdings überteuerte, smarte Kompaktkamera. Ein Smartphone für den Alltag ist das Mate 30 in dieser Form leider keines.