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03/02/2019

Microsoft HoloLens 2 ausprobiert: Wie im kitschigen Disney-Film

Microsofts neue AR-Brille schließt zur Konkurrenz auf. Doch der Traum von Videospielen mit Hologrammen ist vorerst gestorben.

Nach drei Jahren hat Microsoft seiner Augmented-Reality-Brille HoloLens ein Update verpasst. Während man bei der ersten Version noch nicht so recht wusste, wer eigentlich die Zielgruppe ist, ist es bei der HoloLens 2 klar. Vorerst darf man nicht mehr von AR-Spielen träumen: Microsoft wendet sich derzeit ausschließlich Geschäftskunden zu. Auf dem Mobile World Congress in Barcelona bot der US-Konzern mehrere Demos zur Auswahl, unter anderem aus  Industrie, Architektur und Medizin. Die futurezone hat das 3500-Euro-Headset ausprobiert. 

Bereits das Anlegen der HoloLens 2 ist deutlich einfacher als beim Vorgänger. Man streift den elastischen Bügel über den Kopf und fixiert diesen bei Bedarf mit einer Stellschraube auf der Rückseite. Der Tragekomfort ist dank der gepolsterten Oberfläche gut. Das Headset saß auf meinem recht großen Kopf stabil und drückte nie. Ich könnte mir problemlos vorstellen, die HoloLens 2 drei Stunden - laut Microsoft hält eine Akkuladung so lange durch - ohne Pause zu tragen. Das Glasvisier  bietet ausreichend Platz für Brillenträger, zudem kann es bei Bedarf nach oben geklappt werden. So kann man beispielsweise eine Kamera verwenden, ohne das Headset abzusetzen.

Das Einrichten nach dem Anlegen ist relativ simpel. Das Programm bittet den Nutzer, den Kopf starr zu halten und mit dem Blick einem Punkt zu folgen. So wird das Eye-Tracking eingerichtet, das in der HoloLens 2 neu hinzugekommen ist. Anschließend soll ein Kolibri-Hologramm den neuen Tiefensensor demonstrieren. Strecke ich die Handfläche aus, nähert sich der Kolibri und schwebt darüber - man fühlt sich wie in einem kitschigen Disney-Film.

Gespräch mit virtuellen Patienten

In der ersten Demo schlüpfe ich in die Rolle eines Medizinstudenten, der anhand einer virtuellen Patientin eine Diagnose stellen soll. Dazu bekomme ich eine persönliche Assistentin zur Seite gestellt, die Cortana ähnelt und per Sprachsteuerung kontrolliert wird. So kann ich beispielsweise per Sprachbefehl die Patientenakte aufrufen, die dank Eye-Tracking automatisch mitscrollt. Das funktioniert überraschend gut. Wenn sich der Blick dem Ende des sichtbaren Texts nähert, scrollt dieser selbstständig weiter.

Da ich eine Diagnose stellen muss, lasse ich mir die Vitaldaten, wie Puls und Blutdruck, anzeigen. Die virtuelle Patientin, die auf einer (realen) Liege hockt, zeigt anhand ihrer Mimik, dass sie sich gerade nicht wohlfühlt. Die Darstellung des offenbar per 3D-Scan erstellten Hologramms ist erstaunlich realistisch, hin und wieder scheint sie sogar meinen Blick zu erwidern. Die Microsoft-Mitarbeiterin konnte jedoch nicht beantworten, ob die Demo dafür das Eye-Tracking nutzt oder ich mir das bloß eingebildet habe.

Großer Abstand zu Menschen nötig

Die Sichtbarkeit des 3D-Modells ist für eine AR-Brille erstaunlich klar und weniger transparent als bei der Vorgängerversion. Leider ließen sich die Demo-Geräte nicht in maximaler Helligkeit nutzen, was die Sichtbarkeit der virtuellen Objekte nochmals verbessert, aber auch die Laufzeit des Akkus erheblich verkürzt hätte. Die Positionserkennung funktionierte trotz hell ausgeleuchtetem Raum zuverlässig. Die virtuellen Objekte verschoben sich bei raschen Bewegungen nur geringfügig.

Den perfekten Eindruck trübt aber das etwas eingeschränkte Sichtfeld. Dieses wurde zwar im Vergleich zum Vorgänger erheblich verbessert (mit 43 Grad in der Horizontale und 29 Grad in der Vertikale ist man nun ähnlich gut wie die Magic Leap One), dennoch nimmt man die Grenzen rasch wahr, wenn ein Objekt groß ist oder man diesem zu nahe kommt. Als ich mich der Patientin auf Augenhöhe genähert habe, war plötzlich die untere Hälfte ihres Körpers abgeschnitten. 

Um einen virtuellen Menschen in voller Größe stehend darstellen zu können, müsste man beim aktuellen Sichtfeld knapp sechs Meter Abstand halten. Deswegen funktionierte die Demo von Pearson, ein britischer Verlag für Schulungsmaterialien, relativ gut, da die Patientin auf einer Bank sitzend und liegend dargestellt wurde - Szenarien, in denen das eingeschränkte vertikale Sichtfeld kein Problem darstellt.

Magic Leaps One kaschiert dieses Problem, indem man den Sichtbereich des Nutzers mit einer Bullaugen-ähnlichen Brille einschränkt. Das wäre bei der HoloLens 2, die vor allem für den Einsatz im industriellen Bereich, beispielsweise auf Baustellen oder in Fabriken, vorgesehen ist, ein erhebliches Sicherheitsrisiko. Zugleich erweckt der Glashelm aber auch einen falschen Eindruck, da der Nutzer verständlicherweise erwartet,  dass sich der Bildschirm über die komplette Fläche des Visiers erstreckt.

Interaktion mit anderen HoloLens-Nutzern

In der zweiten Demo, in der ein virtueller Plan einer Baustelle erkundet werden kann, ist das kein Problem. Dabei interagiert man mit kleinen Objekten auf dem Tisch, die sich meist vollständig im Sichtfeld der AR-Brille befinden. Man kann nach Objekten, beispielsweise einem Baukran, greifen, indem man es mit Daumen und Zeigefinger "festhält". Nimmt man eine zweite Hand zur Hilfe, lässt sich das Objekt auch nach Belieben vergrößern und verkleinern. Die Erkennung der Gesten funktionierte relativ gut, hin und wieder verrutschte jedoch der Punkt, an dem man das Objekt festhält.

Die Hologramme können auch an andere HoloLens-Nutzer weitergegeben werden, was sich bei der kurzen Demo jedoch als schwieriger als gedacht erwies. Bei meinem Versuch ließ ich den Kran leider fallen. Das virtuelle Objekt fällt aber nicht frei,  sondern landet einfach dort wieder, wo man es aufgehoben hat. Die Darstellungsqualität der einfachen Objekte war gut, im Vergleich zum aufwändigen Hologramm der Patientin machten die einfärbigen Modelle einen deutlich plastischeren Eindruck. Als ich mich einem der Modelle aber zu stark genähert habe, brach das Programm plötzlich ab und die virtuellen Objekte verschwanden komplett - ein abrupter und unangenehmer Wechsel zwischen der virtuellen und realen Welt.

Die Demos wurden flüssig wiedergegeben, die Hardware ist vollständig im kabellosen Headset verbaut. Laut Microsoft werden der verbaute Qualcomm Snapdragon 850 und die selbst entwickelte "Holographic Processing Unit" passiv gekühlt.

Hoffen auf Games

Microsoft hat mit der HoloLens 2 die Lücke zur Konkurrenz geschlossen, doch wie ein massentaugliches Produkt fühlt sich auch dieses Gerät nicht an. Im Unternehmens-Bereich ist die AR-Brille vorerst gut aufgehoben, den Traum vom Augmented-Reality-Gaming im Wohnzimmer sollte man aber dennoch nicht aufgeben. Vielleicht kehrt Microsoft mit der HoloLens 3 zum Consumer-Markt zurück.