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26.04.2018

Sony XZ2 im Test: Großer Schritt für Sony, ein kleiner für User

Das neue Spitzenmodell von Sony führt eine neue Designlinie ein und ist das erste Smartphone, das 4K-HDR-Videos aufnehmen kann.

Sony und die Smartphones“ könnte der Titel einer Tragödie in mehreren Akten sein. Jahrelang hat der Elektronik-Weltkonzern an dem altbackenden Design festgehalten, mit massiven Rahmen und Rändern, während der Rest der Smartphone-Industrie mit „curved“ und „rahmenlos“ auf Kundenfang ging.

Mit dem Xperia XZ2 hat sich Sony endlich dazu durchgerungen, diese Ränder kleiner zu machen und damit ein überfälliges Design-Update einzuführen. Damit sieht das XZ2 jetzt wie ein Smartphone-Spitzenmodell aus – aus den Vorjahren.

Sony Xperia XZ2

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Huawei P20 Pro, Sony Xperia XZ2, Samsung Galaxy S9+

Huawei P20 Pro, Sony Xperia XZ2, Samsung Galaxy S9+

Samsung Galaxy S9+, Sony Xperia XZ2, Huawei P20 Pro

Huawei P20 Pro, Sony Xperia XZ2, Samsung Galaxy S9+

Dick geworden

Von vorne sieht das XZ2 ganz gut aus. Die runden Kanten stehen dem Smartphone und die Balken oben, unten, links und rechts sind deutlich kleiner als bei den Vorgängermodellen. Allerdings sind sie immer noch größer als beim Samsung Galaxy S9+ und beim Huawei P20 Pro, wobei letzteres mit dem Notch trickst.

Gar nicht schön ist die starke Wölbung der Rückseite. Die Zeiten, in der Spitzenmodelle einen dicken Bauch haben, sollten schon lange vorbei sein. Mit 11,1 mm ist das XZ2 gut 3 mm dicker als die meisten Mitbewerber. Legt man das XZ2 neben das Galaxy S9+ oder Huawei P20 Pro, glaubt man tatsächlich, ein Smartphone aus 2016 mit einem aus 2018 zu vergleichen – und das ist höflich gesagt, denn das S7 war schon damals knapp unter 8 mm dünn. Das S9+ ist auch nur 5 mm höher und 2 mm breiter als das XZ2, hat aber ein um 0,5 Zoll größeres Display.

Ausbalanciert

Immerhin: Die 198 Gramm Gewicht (S9+: 189 Gramm, Huawei P20 Pro: 180 Gramm) fallen nicht negativ auf, da das XZ2 gut ausbalanciert ist. Zusammen mit dem mittlerweile üblichen Display-Verhältnis von 18:9 und den gut abgerundeten Kanten, lässt sich das XZ2 angenehm halten.

Nur beim Umgreifen sollte man aufpassen, da die Glasrückseite rutschig ist. Die Kombination aus bauchig und rutschiger Rückseite birgt zusätzliches Gefahrenpotential: Das XZ2 macht sich auf Polstermöbeln gern selbstständig. Selbst auf Holztischen ist das XZ2 instabil. Der leicht erhöhte Rand der Kameralinse ist die Spitze des Bauchs und lässt das XZ2 quasi drauf schweben. Das ist zwar schön wenn man es als Kreisel oder zum Flaschendrehen verwenden will, bei einer unachtsamen Handbewegung rutscht es aber schon mal Richtung Abgrund. Außerdem kann man es so nicht komfortabel bedienen, wenn es am Tisch liegt, da es beim Tippen am Touchscreen stark wackelt.

Kleines Manko mit großer Wirkung: Die LED-Leuchte, die eingehende Nachrichten und verpasste Anrufe anzeigt, ist sehr klein. In einer hellen Umgebung und Innenräumen mit eingeschaltetem Licht habe ich sie öfters übersehen. Auch die Vibration bei Benachrichtigungen ist auf der schwachen Seite und kann nicht stärker eingestellt werden – vermutlich, weil sich das XZ2 aufgrund seiner besonders hohen Gleitfreudigkeit sonst sogar von ebenen Flächen in den Abgrund vibrieren würde.

© Bild: Gregor Gruber

Fingerabdruckscanner

Ergonomisch problematisch ist die Platzierung des Fingerabdruckscanners. Der ist jetzt nicht mehr in der Standby-Taste untergebracht, sondern an der Rückseite. User mit kurzen Fingern (die ohnehin eher zum XZ2 Compact greifen sollten), werden sich über die relativ tiefe Platzierung des Scanners freuen. Menschen mit normalgroßen Fingern greifen instinktiv auf die Kameralinse.

Es dauert eine Weile, bis man sich umgewöhnt hat. Und das ist ein Problem: Wenn man den Fingerabdruckscanner an der Rückseite macht, sollte er intuitiv erreichbar sein. Das Produkt soll sich dem User anpassen und nicht umgekehrt.

Tolles Display

Wie bisher auch nutzt das XZ2 wieder ein LC-Display, obwohl der Trend immer zum OLED-Display geht (iPhone X, P20 Pro, Samsung S9). Damit hat das XZ2 aber sogar einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz: Durch die LC-Technologie kann das Display ein echtes Weiß erzeugen – dafür aber kein echtes Schwarz.

Wer gerne Fotos am Smartphone anschaut oder selbst viel fotografiert, wird das echte Weiß, ohne den üblichen OLED-Farbstich, zu schätzen wissen. Auch die restlichen Farben sehen natürlich kräftig aus, ohne das bei OLED-Displays gängige Übersteuern. Beim Anschauen von Fotos ist das ein Riesenvorteil. Bei Grafiken, Icons oder Games ist es Geschmackssache – hier gefällt mir die poppigere OLED-Darstellung des Samsung S9+ besser.

© Bild: Gregor Gruber

Viel Leistung

Das XZ2 gehört zu den ersten Smartphones, das den Snapdragon 845 Prozessor nutzt. Das sorgt für ausreichend Leistungsreserven für einen durchgängig flüssigen Betrieb. Games wie PUBG Mobile laufen in den höchsten Einstellungen flüssig. Die Wärmeentwicklung ist gering, lediglich beim Aufnehmen von 4K-HDR-Videos wird das XZ2 warm. Der RAM 4 GB groß, beim Samsung Galaxy S9+ sind es 6 GB RAM. Einen Leistungsnachteil konnte ich deswegen beim XZ2 nicht feststellen.

Bei der Software hält sich Sony vornehm zurück. Das XZ2 nutzt Android 8.0. Dieses wurde nur leicht abgeändert. Bei der Bloatware gibt es drei Apps von Amazon, AVG, Facebook, Playstation sowie Sonys eigene Apps für die Foto- und Videogalerie, die Xperia Lounge (App Store) sowie den 3D Creator. Mit Letzterem soll man 3D-Scans von Gesichtern und Objekten machen können, was im Test eher frustrierend statt faszinierend war. Mit Xperia Assist gibt es ein Hilfsprogramm, das sich als Chatbot tarnt. Es sieht zwar aus wie ein Chat und wird auch so genannt, man kann sich aber nur per Multiple Choice durchklicken. Es gibt nicht mal eine Suchfunktion, um Text einzutippen.

Der Akku ist 3180 mAh groß, beim Samsung S9+ sind es 3500 mAh (Huawei P20 Pro: 4000 mAh). Im Test konnte ich dennoch das XZ2 problemlos bis zum Schlafengehen verwenden, mit einer Restladung von 20 bis 30 Prozent. Das ändert sich, wenn man viel fotografiert und Videos aufnimmt. Das LC-Display ist energiehungrig und besonders die Aufnahme von 4K-HDR-Videos beanspruchen den Prozessor des XZ2, und damit auch den Akku, stark. Wer vor hat mit dem XZ2 einen Fotoausflug zu machen, sollte sicherheitshalber die Powerbank einpacken.

Vibrieren im Takt

Die eingebauten Stereo-Lautsprecher des XZ2 sind laut, die Soundqualität ist aber nicht besonders hoch. Der Ton klingt hohl, die Tiefen sind zu flach und die Höhen etwas scheppernd. Für ein schnelles YouTube-Video reicht es (bitte nicht in der Öffentlichkeit, den Mitmenschen zuliebe), für das Hören von Musik sollten Kopfhörer genutzt werden. Das XZ2 verzichtet auf einen 3,5mm-Kopfhörer-Anschluss, im Lieferumfang ist ein USB-C-Adapter enthalten.

Um das Klangerlebnis durch ein haptisches Erlebnis zu ergänzen, beherrscht das XZ2 das Feature „dynamische Vibration“. Dabei vibriert es im Takt – theoretisch. Bei Songs mit klar definiertem Bass funktioniert das. Bei gitarrenlastigen Songs und klassischer Musik ist es eher ablenkend. Bei Videos ist es ein Hit-and-Miss. Bei manchen funktioniert es ganz gut und erinnert an die Vibrationseffekte von Konsolen-Controllern. Bei anderen passt der Rütteleffekt wieder gar nicht zum gesehenen, weil das Vibrations-Feature sowohl auf die Hintergrundmusik als auch die Soundeffekte reagiert. Bei vielen Games ist die dynamische Vibration nicht verfügbar. Schade, da hätte es noch am meisten Sinn gemacht. Insgesamt ist das Feature verzichtbar.

Typische XZ2 Aufnahme mit wenig Licht: Verkleinert schön, hineingezoomt meh. © Bild: Gregor Gruber

Kamera

Die Kamera war immer schon eine der Stärken von Sonys Smartphones. Durch die immer besser werdenden Algorithmen hat Samsung aber stark aufgeholt und in einigen Bereichen Sony auch überholt. Beim XZ2 lässt sich Sony dennoch nicht auf Experimente ein und will mit Bewährtem punkten.

Im Gegensatz zum aktuellen Trend gibt es beim XZ2 kein Dual-Kamera-Setup, keinen Monochrom-Zweit-Sensor und keine variable Blende. Stattdessen gibt es eine dedizierte Kamera-Taste an der rechten Seite. Wie bei einer Digicam ist das eine Zwei-Wege-Taste: Leicht drücken zum Fokussieren und ganz Drücken um das Foto zu machen. Ungewöhnlich ist, dass durch das Tippen auf das Display zwar der Fokuspunkt dorthin bewegt, aber nicht fokussiert wird. Scharfgestellt wird erst, wenn die Auslöse-Taste an der Seite oder auf dem Display gedrückt wird.

Die Hauptfunktion ist die „überlegene Automatik“. Diese liefert in den meisten Fällen gute Resultate. Besonders mit Mischlicht kommt das XZ2 gut zurecht. Nur genau hinschauen darf man nicht. Zoomt man ins Bild hinein oder will nur einen Ausschnitt nehmen, sind Bildstörungen, vermutlich aufgrund einer zu starken Kompression der Fotos, sichtbar. Auch Kanten von Objekten sind unsauber, selbst wenn das Foto bei sehr guten Lichtverhältnissen gemacht wurde. Bei Aufnahmen in Innenräumen und bei wenig Licht gehen viele Details aufgrund von Bildartefakten verloren – hier liefert das Samsung Galaxy S9+ bessere Resultate.

Ungewöhnlich ist, dass die überlegene Automatik nicht HDR nutzt, während viele andere Smartphones im Automatik-Modus sehr häufig HDR verwenden. Beim XZ2 muss man den manuellen Modus verwenden und dort HDR aktivieren, wenn man ein HDR-Foto machen will. Die so entstehenden Fotos entsprechen der ursprünglichen Idee von HDR: Eine gleichmäßige Belichtung bei Aufnahmen mit verschiedenen Lichtverhältnissen. Viele Smartphone-User werden diese vermutlich als „fad“ empfinden, weil das XZ2 die HDR-Fotos nicht übermäßig sättigt, wie das andere Smartphones machen.

Videos in 4K und Superzeitlupe

Das XZ2 ist das erste Smartphone, das 4K-Videos in HDR aufnehmen kann. Damit das gut aussieht, sollte man bei gutem Licht und nur statische Motive filmen. Denn sobald es zu dunkel ist und in Innenräumen, sehen die Videos zu neutral und fad aus. Bei Schwenks ruckelt die Aufnahme stark, wenn sich das Motiv bewegt gibt es ebenfalls Bildstörungen. Zudem ist die Bildstabilisierung im HDR-Modus nicht verfügbar. Außerdem ist das Filmen mit 4K HDR sehr leistungsintensiv, weshalb der Akku ordentlich darunter leidet und das XZ2 an der Rückseite merkbar warm wird. Im Alltag ist man mit dem normalen 4K-Videomodus in den meisten Situationen besser dran.

Nicht nur beim 4K-Filmen, sondern auch der Superzeitlupe lässt das XZ2 seine Muskeln spielen. Während die Konkurrenz die Videos mit 960 Bildern pro Sekunde nur in 720p aufzeichnen kann, schafft das XZ2 das in 1080p. Allerdings nur 0,1 Sekunden. Die Chance genau den gewünschten Moment in Superzeitlupe einzufangen, ist sehr gering. Das XZ2 verzichtet im Superzeitlupenmodus zudem auf eine Bewegungserkennung zum Auslösen der Highspeed-Aufnahme. Beim Samsung S9+ funktioniert diese aber ohnehin nicht zufriedenstellend, beim XZ2 wäre es vermutlich nicht anders gewesen. Die Auflösung kann auf 720p eingestellt werden, um die üblichen 0,2 Sekunden Zeitlupen-Aufnahme zu haben, wie beim Huawei P20 Pro und Samsung S9.

© Bild: Gregor Gruber

Fazit

Sony hat zwar mit dem XZ2 den Mut gehabt, seiner Smartphone-Linie endlich ein neues Design zu verpassen, was aber nicht vollends gelungen ist. Es ist zwar schön, dass endlich die Ränder schmäler sind, der dicke Rücken ist einem 2018er Spitzenmodell aber nicht würdig.

Das Highlight für mich ist das LC-Display: Das reicht aber nicht, das XZ2 den Konkurrenten Huawei P20 Pro oder Samsung S9+ vorzuziehen. Ein Alleinstellungsmerkmal ist der dedizierte Kameraauslöser. Allerdings bleibt die Kamera selbst hinter denen des P20 Pro und S9+ zurück. Der Unterschied beim Preis reicht ebenfalls nicht aus, um das XZ2 besonders positiv hervorzuheben. Der UVP ist 799 Euro, das P20 Pro ist mit 849 Euro (UVP) um nur 50 Euro teurer. Das S9+ gibt es im freien Handel ab 830 Euro.