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Science
08/26/2019

120 Jahre und mehr: Wie alt wollen wir werden?

Medizin und Technologie machen uns zwar (noch) nicht unsterblich, lassen uns aber immer älter werden. Doch wollen wir das überhaupt?

von Andreea Iosa

Was will jeder werden, aber keiner sein? Genau: alt. Wir wünschen uns zwar, ein stattliches Alter zu erreichen, aber nicht fragil und   zerfurcht  zu sein. Und dennoch gibt uns der medizinische und technologische Fortschritt, der unsere durchschnittliche Lebenserwartung bald auf über 100 Jahre steigern soll, ein gewisses Gefühl von Sicherheit.  

Laut UN-Schätzungen leben aktuell weltweit 533.000 Menschen in einem Alter von 100 Jahren und mehr – 80 Prozent davon sind Frauen. Die Zahl hat sich seit der Jahrtausendwende fast vervierfacht. Im Jahr 2050 wird jeder zehnte Europäer 80 Jahre oder älter sein, die Zahl der 100-Jährigen und Älteren wird sich auf 592.000 erhöhen. 1990 waren es noch 29.000. Wenn es um ein menschliches Höchstalter geht, scheiden sich jedoch die Geister.

Eine Frage der Zellen

Für Kenneth Wachter von der University of California gibt es jedenfalls kein Höchstalter. Er hat ermittelt, dass das Sterberisiko bis zu einem Alter von 80 Jahren exponentiell ansteigt. Danach sinkt die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Jahres zu sterben wieder. Eine in der Wissenschaft höchst umstrittene These. 

Vor allem, weil die Lebensdauer von biologischem Material begrenzt ist, wie Evolutionsbiologin Barbara Fischer im Sammelband „Werden wir auf dem Mars leben?“ schreibt. Ihr zufolge gehen viele Wissenschaftler von einem menschlichen Alterslimit von 120 Jahren aus. Die Französin Jeanne Calment (gestorben 1997) war mit 122 Jahren der bisher älteste Mensch. Ausschlaggebend für ein langes Leben ist eine unbeschädigte DNA bzw. ihre Fähigkeit, sich rasch zu regenerieren. Bestimmte Wirbeltiere können das gut – die Muschel „Ming“ war zum Messungszeitpunkt 507 Jahre alt. Der Mensch hinkt da (noch) hinterher. Aber: Forschern ist es gelungen, die Alterung von Zellen in Mäusen zu stoppen und sie sogar zu verjüngen.

150? Nein, danke!

Für die Österreicher gibt es eine Grenze: Laut einer IMAS-Studie aus 2018 liegt diese bei 90 Jahren. Eine neue Erhebung des Meinungsforschungsinstituts hat außerdem ergeben: Auch wenn es möglich wäre, 150 Jahre alt zu werden, will dies nur ein Viertel der Befragten. IMAS hat dafür 1033 Österreicher ab 16 Jahren befragt.

„Rund ein Fünftel der Bevölkerung hat Angst vor dem Altwerden, im Trend nimmt dieses Gefühl deutlich zu“, sagt  Paul Eiselsberg von IMAS im futurezone-Gespräch. Er ergänzt: „Hinter dieser Entwicklung steckt  aller Voraussicht nach die Wahrnehmung  der Österreicher von der ältesten Generation. Und die ist durch negative Aspekte wie längere Pflegezeiten und stärker vorkommende Krankheitsbilder wie etwa Demenz geprägt.“

Starke Stereotype

Das bestätigt auch Gerda Geyer, Programm-Managerin der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG): „Alter wird häufig mit Medikalisierung und Hilfsbedürftigkeit assoziiert. Potenziale und Ressourcen werden weniger wahrgenommen, obwohl sie vorhanden sind. Es braucht eine kontinuierliche Reflexion der Altersbilder, um diesem Lebensabschnitt besser gerecht werden zu können.“   

Ihr zufolge wollen ältere Personen  neue, intelligente Lösungen nutzen, um ihre Möglichkeiten zu optimieren, ihren  Lebenskomfort und ihr Sicherheitsgefühl  zu erhöhen. Und sie wollen in  Kontakt mit ihren Mitmenschen sein und auch bleiben. Dabei unterstützen heute unter anderem  diverse Technologien(siehe unten). 


Laut Eiselsberg sind diese Voraussetzungen ausschlaggebend für den Wunsch nach einem langen Leben:  „Unter welchen Bedingungen können wir alt werden, sind wir körperlich und geistig fit?  Haben wir noch genügend Kontakte, also ein soziales Leben? Funktionieren die sozialen Systeme?“  Nur wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann man dem Älterwerden entspannt entgegenblicken. Auch jenseits der 90.

 

Diese Serie erscheint in redaktioneller Unabhängigkeit mit finanzieller Unterstützung der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG).