Science
27.09.2018

Anthropozän: "Es kann sehr ungemütlich werden für Homo sapiens"

Eva Horn beschäftigt sich mit dem Konzept des Anthropozäns: Globale Konsequenzen menschlichen Handelns und mögliche Strategien.

Eva Horn ist Professorin für neuere deutsche Literatur an der Universität Wien. In ihren Büchern und Texten beschäftigt sie sich mit diversen Entwicklungen, die aktuell Einfluss auf die Gesellschaft haben. Ein Begriff, der in diesem Kontext seit einiger Zeit immer wieder auftaucht, ist das "Anthropozän", eine Bezeichnung für ein neues Erdzeitalter, in dem der Mensch globalen Einfluss auf den Planeten und seine Ökosysteme ausübt. Beim Austrian Innovation Forum am 11. Oktober wird Horn die Keynote halten und darin genauer erläutern, was es für die Menschheit heißt, mit dieser Verantwortung zu leben. Die futurezone hat die Professorin vorab zum Interview getroffen.

futurezone: Was ist das Anthropozän?
Eva Horn: Das Anthropozän ist ein Begriff, der aus der Geologie und Klimawissenschaft kommt. Er soll zeigen, dass wir möglicherweise in einer neuen geologischen Epoche leben, und zwar durch die massiven ökologischen Auswirkungen der menschlichen Zivilisation auf das Lebenssystem der Erde. Es handelt sich deshalb nicht nur um einen geologischen Fachbegriff sondern um ein Kürzel für eine globale ökologische Krise.

Wie kommen Sie als Germanistin zu diesem Thema?
Ich sehe Literatur als Spiegel, um Probleme zu behandeln, die nicht allein klassisch literarische sind. Ich schreibe kulturdiagnostische und kulturhistorische Bücher und ich glaube, dass das Anthropozän im Moment einer der wichtigsten Begriffe ist, weil er unsere Gegenwart beschreibt.

Sie sprechen beim Austrian Innovation Forum über das Anthropozän. Was sind ihre zentralen Aussagen?
Wir reden viel über Klimawandel, aber das ist zu wenig differenziert. Es geht nicht nur um Treibhausgase. Dazu kommen das Verschwinden der Artenvielfalt, sich verschiebenden Wasserzyklen und Regenzonen, Müllansammlungen, toxische Stoffe und die Änderungen des chemischen Gleichgewichts in Meeren. All das sind Dimensionen einer Metakrise, die überall auf der Welt zu beobachten ist, aber eben oft nur vor Ort direkt sichtbar wird. Wir haben es daher mit Problemen zu tun, die nicht mehr auf nationaler Ebene geregelt werden können. Weil sich viele ökologische Probleme zuerst regional zeigen, kann man aber auf dieser Ebene am ehesten Leute mobilisieren. Die Frage ist, wie wir die regionale Dimension mit der globalen zusammenbringen. Die politischen Systeme sind national organisiert: Auf der mittleren Ebene, auf der wenig passiert. Unser Nachhaltigkeitsbegriff beschränkt sich zudem meist darauf, dass es auch unsern Kindern oder Enkeln gut gehen soll. Im Anthropozän haben wir es aber mit ganz anderen Zeitskalen zu tun: tausenden von Jahren. Wir sind eine Generation am Scheideweg. Es geht nicht nur um unsere Kinder sondern um einen ganz weiten Zukunftshorizont, für den wir jetzt die Weichen stellen.

Wie geht das mit Innovation, dem Thema der Veranstaltung, zusammen?
Wir haben oft die Vorstellung, dass Innovationen nur technische Verbesserungen sind, die Dinge effizienter gestalten und Wachstum fördern. Das sollte hinterfragt werden. Ich glaube, wir müssen viel kritischer mit dem Begriff umgehen. Das Ziel sollte sein, nachhaltige Innovationen zu suchen und die langfristigen Folgen zu bedenken. Viele echte Innovationen haben eher mit einer Reorganisation des Zusammenlebens zu tun als mit Technik. Ein Beispiel sind Elektroautos: Die sind nur ein Umstieg von fossilen Brennstoffen auf ressourcenfressende Akkus. Die Struktur des Individualverkehrs und die entsprechenden Probleme bleiben erhalten. Carsharing, Radwege oder neue Formen von Fahrdiensten sind eher eine Lösung als einfach eine andere Art Auto.

Es geht also um Eigenverantwortung?
Ja und nein. Einerseits hat jeder einzelne als Konsument Einfluss, andererseits kann man das nicht alles einfach der individuellen Tugend überlassen. Europa kann hier eine Vorreiterrolle einnehmen. Gerade Österreich hat energiepolitisch viel richtig gemacht. Auch was den öffentlichen Nahverkehr angeht, ist man auf einem halbwegs guten Weg. Aber warum traut sich niemand an eine CO2-Steuer heran? Warum war Umweltschutz praktisch kein Wahlkampf-Thema? Ich glaube, die Leute sind nicht so dumm, wie die Politiker glauben: Umwelt ist ein ganz großes Thema, aber läuft immer noch als Nebensache. Das zu priorisieren meine ich mit Politik des Anthropozäns. Es geht nicht nur um technische Innovationen.

Trägt der Begriff Anthropozän nicht die Technologiegläubigkeit in sich?
Überhaupt nicht. Viele Leute sind in einer Katastrophenstimmung und sagen, wir müssten jetzt politisch handeln. Den Techno-Optimismus vertritt nur eine ganz kleine Minorität. Der Konsens ist, dass nicht technische Lösungen zum Ziel führen sondern teilweise ganz einfache Ideen wie “die Kohle im Boden lassen!“ Der Begriff des Anthropozäns wird zunehmend populärer und zu einem Ruf nach politischem Wandel und nach einer Rückkehr von ökologischen Themen in die Politik.

Warum braucht Menschheit so lange, um zu reagieren?
Weil unsere politischen Systeme unglaublich kurzfristig getaktet sind. Das Gedächtnis ist kurz und die Zukunftshorizonte reichen nur bis zur nächsten Wahl. In dieser Situation bringt der Ruf nach einer CO2-Steuer keine Stimmen. Wir perpetuieren den Status Quo immer weiter und lassen Wachstumsprozesse völlig ungeregelt ablaufen. Heute haben viele Leute jedes Jahr ein neues Handy oder kaufen sich alle paar Jahre ein neues Auto. Das ist eine Form von Wachstum, die uns irgendwann in den Ruin treiben wird. Echte Innovation wäre ein Umbau unserer Konsumgewohnheiten.

Ist die ökonomische Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte die Wurzel des Problems?
Es gibt zwei Möglichkeiten, auf die ökonomische Ebene zuzugreifen. Veränderung des Konsums ist eine, die funktioniert aber nur sehr langsam. Zudem hat das oft etwas Moralisierendes. Ich sehe aber schon Verschiebungen im Verhalten. Viele jüngere Menschen finden Autofahren oder Fleischessen ziemlich uncool. Die zweite Möglichkeit sind politische Eingriffe. Wir tun immer so, als wäre die Wirtschaft ein autonomes Gebilde, das man mal besser in Ruhe lässt. Aber natürlich gäbe es Bedarf an Eingriffen, auch an Verboten. Heute kaufen Sie eine Waschmaschine und nach vier bis fünf Jahren gibt das Ding den Geist auf. Das ist keine Materialermüdung sondern schon vom Hersteller so geplant. Warum soll man so etwas nicht gesetzlich verbieten können?

Sehen Sie Ansätze in diese Richtung?
Ich sehe nicht wirklich eine große Bewegung. Mir hat unlängst jemand gesagt, man sollte eine Anthropozän-Partei gründen. Ich sehe schon ein Desiderat, Politik auf einer ökologischen Basis neu aufzurollen. Das machen die Grünen nicht mehr, die haben sich auf Sozialpolitik verlegt. Wir bräuchten europaweit eine proeuropäische und proökologische Partei. Ob die auch gewählt würde, weiß ich nicht. Was ich mir wünsche ist, dass sich um den Anthropozän-Begriff viel Interesse, Begeisterung, Tatendurst, Fantasie und Innovation kristallisiert. Es gibt schon einzelne Initiativen, aber die sind noch nicht gebündelt.

Ist der Begriff nicht zu abgehoben, um die Massen zu mobilisieren?
Das stimmt, er ist nicht gerade ein Kassenschlager. Aber der Mensch kann sich doch ein paar Silben merken. Der Begriff ist nun mal in der Welt und er ist brauchbar als Schlagwort, das eine Großwetterlage beschreibt.

Aus eine Marketingperspektive ist das Wort trotzdem schwierig.
Wir denken zu oft in Marketingperspektiven. Das führt zu Zombies, denen man nicht zuhören kann, weil sie übercoacht sind und nur noch Sprechblasen absondern. Vielleicht muss man manchmal mit schrägen Begriffen dazwischen grätschen.

Wann hat das Anthropozän begonnen?
In der Geologie brauchen die Forscher einen weltweiten Marker im Boden, um den Zeitpunkt festzulegen. Da eignet sich radioaktiver Fall-Out. Der Atombombenabwurf 1945 und die Tests der 50er-Jahre wären dann ein Marker für den Beginn des Anthropozäns. Ich dagegen sehe eher verschiedene Phasen. Da gibt es den Kolonialismus, der es erstmals ermöglicht hat, dass Organismen weltweit zirkulieren. Das wäre eine Schwelle. Dann gibt es die industrielle Revolution, den Einsatz von Kohle als  Energieträger und den Umstieg auf Erdöl, der uns erst wirklich mobil gemacht hat. Diese Phasen des Anthropozäns machen uns auch aufmerksam auf unterschiedliche Dimensionen. Das Anthropozän ist eine Treppe, die viele Stufen hat. Wenn Sie ein fixes Datum wollen, würde ich 1945 nennen. Aber der Begriff hat sich aus der Geologie schon sehr weit herausgelöst. Da ist die Frage nach dem geologischen Marker nicht mehr so wichtig.

Kann das Anthropozän für das Ökosystem der Anfang vom Ende sein?
Es kann sehr ungemütlich werden für Homo sapiens. Ich glaube nicht, dass die Menschheit es schafft, den Planeten komplett zu ruinieren. Die Selbstregulationsmechanismen der Erde werden dafür sorgen, dass Leben auf dem Planeten weiterexistiert. Aber nicht notwendigerweise menschliches Leben.

 

Dieser Artikel ist im Rahmen einer Kooperation zwischen futurezone und Austrian Innovation Forum entstanden.