Chris Dancy

© Christopher M Dancy (CMFD)

Science
02/27/2020

Der achtsame Cyborg: Mit 700 Apps zur totalen Selbstüberwachung

Chris Dancy erklärt im futurezone-Interview, warum er nichts von Privatsphäre und Digital Detox hält.

von Franziska Bechtold

Chris Dancy gilt als einer der am besten vernetzten Menschen der Welt. Über 700 Apps, Sensoren, Geräte und Programme messen täglich, wo und wie viel er sich fortbewegt, ob er gesund isst und seine Zeit mit der Familie ausreichend nutzt. Er selbst bezeichnet sich am liebsten als "Mindful Cyborg" - als achtsamer Cyborg also.

Nachdem sich der geistige und körperliche Zustand des 52-jährigen US-Amerikaners 2008 zunehmend verschlechterte, begann er Technologien zu nutzen, um sein Leben zu verbessern. So schaffte er es, zwischen 2012 und 2014 mit Daten-Analysen 45 Kilogramm an Körpergewicht zu verlieren, mit dem Rauchen aufzuhören und sein Sozialleben zu verbessern. 

Digitales Tagebuch seit 1980

Daten sammelte er aber schon seit den 1980ern, in Form von Tagebüchern. Der Programmierer entwickelte in den 00er-Jahren, bevor Smartphones das Sammeln der Daten deutlich einfacher machten, eigene Programme, die E-Mails, Social-Media-Posts und sein Verhalten automatisch archivierten. Inzwischen nutzt er Apps, Fitnessarmbänder, Herzrhythmus-Messer und Smartwatches, um das Aufzeichnen seines Lebens einfacher zu machen.

Mit seinem ersten umfangreichen Katalog-System, das er seit 2011 in Betrieb hat, ordnet er die gesammelten Daten ins sechs Kategorien: Finanzen, Meinung, Soziales, Wissen, Umwelt und Entertainment. Sie sind auf seiner Webseite einsehbar. Im Rahmen der Veranstaltung Domain pulse 2020 in Innsbruck hat die futurezone mit Chris Dancy gesprochen.

futurezone: Welche Geräte und Programme sammeln gerade Daten, während wir uns unterhalten?
Chris Dancy: Das würde jetzt sehr lange dauern, bis ich die alle aufgelistet hätte. Die Daten gliedern sich in 3 Bereiche. Der erste betrifft, wie und wann ich Geräte nutze. Dafür verwende ich ein Programm, das aufzeichnet, wie viel Zeit ich in Apps verbringe, wie viel Zeit ich arbeite und wie lange ich produktiv war. Das zweite Daten-Set enthält Informationen über meine Gesundheit und meine Biologie. Dafür tracke ich meine Aktivität, Ernährung, Schlaf, Training und wie aufmerksam ich bin. Es wertet auch aus, wie ich mich fühle, wenn ich bestimmte Musik höre. Drittens messe ich, ob ich glücklich bin und ob ich etwas tue, das ich wertschätze und mich um die Menschen kümmere, die ich liebe. Allein in diesen 3 Anwendungsbereichen sammle ich Tausende Daten. 

Verlassen Sie sich eher auf Daten als auf Ihren Körper?
Es gibt einige Bereiche, in denen es einfacher ist, auf die Daten zu hören. Bei der Ernährung zum Beispiel: Ich esse, egal ob ich Hunger habe, weil ich die Nährstoffe brauche. In anderen Bereichen schaue ich dafür nicht mehr auf die Zahlen, sondern nur darauf, wie ich mich fühle. Beispielsweise beim Fotografieren mit dem Smartphone. Damit ist immer ein Schamgefühl verbunden, aber inzwischen mache ich einfach Fotos, wenn ich das möchte.

Manche Dinge werden automatisch aufgenommen, wie Orte, Bewegung und Schlaf. Andere wie Nahrung müssen Sie manuell aufzeichnen. Ist das nicht stressig?
Manchmal ist es überfordernd, ja. Früher war das Dokumentieren noch schwieriger, inzwischen gibt es aber online zahlreiche Datenbanken, die man nutzen kann. Es gab aber eine Zeit, in der ich 'Daten-PTSD' (Postraumatisches-Stress-Syndrom, Anm. d. Red.) hatte, weil ich mit der Menge an Informationen überfordert war. Was mich jetzt überfordert, ist, dass sich jeder um mich herum in ein Gerät verwandelt hat. Wenn ich an der Kassa bezahle, dann schaut mich der Kassierer nicht mehr an, sondern ist damit beschäftigt, den Kaufvorgang effizient zu gestalten. Ich wünschte fast, wir könnten wieder von Geräten überfordert sein, anstatt von Menschen ignoriert zu werden. 

Wie reagieren die Menschen in ihrem Umfeld darauf, dass auch sie immer von Ihnen aufgezeichnet werden?
Ich bin vorsichtiger bei Menschen, die ich liebe. Menschen glauben, dass sie intimer sind, wenn sie nicht aufgezeichnet werden. Das ist natürliches menschliches Verhalten. Andererseits gibt es zahlreiche Menschen, die finden, sich aufzunehmen, verbessere ihr Leben. Manche Paare sagen beispielsweise, wenn sie pornografische Aufnahmen von sich machen, erhöht das ihre Intimität.

Verletzen Sie damit nicht ihre Privatsphäre?
Ich mache mir keine Sorgen über Privatsphäre. Ich glaube, sie schränkt uns als Spezies ein. Aber ich verstehe, dass viele Menschen sich darüber Sorgen machen. Sie haben gelernt, dass es etwas Nützliches ist und ein Grundrecht. Ich glaube aber, nichts davon ist wahr.

Wieso beschränkt uns Privatsphäre?
Vor 50 Jahren haben wir das Wort noch kaum genutzt. Ich denke, es hält Menschen zurück, weil sie versuchen etwas zu kontrollieren, das man nicht kontrollieren kann. Letztendlich leben wir in einer Gesellschaft, in der Regierungen, Polizei, oder Unternehmen Zugang zu allen Informationen bekommen, egal was wir tun. Wir sollten ein gesundes Verständnis darüber entwickeln, was wir online posten, anstatt uns zu überlegen, wie wir geheimhalten, was wir online veröffentlichen. Menschen sollten mehr "digitale Nettigkeit" entwickeln. Und dabei spreche ich nicht von Mobbing, das ist ein ganz anderes Level. Wir machen uns einfach nicht immer Gedanken darüber, welchen Effekt ein Posting auf andere hat.

Sie nutzen eine modifizierte Version von Facebook, die Likes und Kommentare ausblendet. Warum glauben Sie, dass die Plattform damit besser wird?
Ich werde von der Art und Weise beeinflusst, wie Facebook Daten anzeigt. Ich wünschte, es wäre nicht so. Mir fällt es schwer bei Facebook nicht auf die Zahl der Kommentare und Likes zu schauen. Deshalb nutze ich Tools, die das alles entfernen. Ich nutze auch ein Plugin, dass den Preis von Produkten entfernt und stattdessen die Stunden anzeigt, die ich dafür arbeiten müsste. Es sind die gleichen Daten, nur ein bisschen anders verwendet. 

Um so etwas zu verbessern muss man sich selbst aber sehr genau kennen.
Ja. Ein Vergleich: Es gibt bestimmtes Gemüse, das ich nicht gern esse. Deshalb habe ich einen Weg gefunden, wie ich es trotzdem essen kann, nur eben nicht sehe. Es geht darum, sich selbst zu kennen und eigene Regeln aufzustellen, sonst wird das jemand anders für einen übernehmen. Wir bewegen uns in einer Zeit, in der viele Unternehmen die Regeln für Menschen machen oder Systeme schaffen, in denen Menschen ihre eigenen Regeln aufstellen können, um mehr über sich selbst zu lernen. 

Glauben Sie, die Menschen sind glücklich damit, wie sie Technologie nutzen? 
Ich glaube, die Art wie wir Technologie nutzen, macht jeden glücklich. Was uns unglücklich macht, ist, wie uns Technologie von anderen vorgegeben wird. Wenn man uns niemals gesagt hätte, dass Privatsphäre etwas Gutes ist und dass Technologie sie wegnimmt, würden wir anders über sie denken.

Aber Menschen nutzen die Technik ja immer häufiger.
Menschen nutzen sie zwar mehr, aber schlechter und gegeneinander. Alle Menschen sammeln Daten, aber sie gehen nicht aufmerksam damit um. Manche Kinder speichern Screenshots von anderen und nutzen das, um sich gegenseitig zu mobben. Man sollte immer nett sein, wenn man Daten nutzt und teilt. Man kann alles sammeln, aber man sollte die Daten nicht nutzen, um damit böse zu sich selbst und vor allem nicht anderen zu sein.

Wie kann man das ändern?
Wir verpassen die Möglichkeit, jungen Menschen mehr über Technologie beizubringen. Nicht, um sie zu Programmierern zu machen, sondern um ihnen zu zeigen, wie sich ihr Verhalten in der digitalen Welt auswirkt. Zukünftig müssen sie Daten verstehen können und wissen, warum Apps oder Filter angewandt werden und was sie aussagen. Das wird noch nicht ernst genommen. 

Viele nutzen Technologie, um nicht mit Menschen in Kontakt treten zu müssen. Sie auch? 
Nein. Mir soll auch niemand erzählen Technologie mache einsam, wenn er den halben Tag kalkuliert, wie er Menschen ausweichen kann. Beispielsweise beim Essen bestellen. Ich nutze das nicht gern, aber es spart Zeit. Dann schreibe ich zumindest den Lieferfahrern nette Nachrichten bei den Bestellungen dazu.

Was denken Sie über Menschen, die Digital Detox betreiben, also temporär auf elektronische Geräte verzichten?
Ich finde es toxisch und falsch. Aber das Schlimmste sind die Leute, die dann damit angeben, als wären sie Buddha. Wenn man es sich leisten kann, mehrere Monate offline zu sein, hat man zu viel Geld. Für viele sind E-Mails oder GPS-Dienste eine Voraussetzung für ihre Arbeit.

Menschen erwarten sich von Digital Detox Kontrolle über Technologie, aber das geht auch anders. Indem man zum Beispiel disziplinierter mit ihr umgeht. Aber zu sagen, man sei Technologie hilflos ausgeliefert, stimmt einfach nicht. Es ist unmöglich, ohne Technologie zu überleben. Ich finde es ist traurig, dass wir in einer Welt leben in der dir Menschen sagen, du bist kaputt, weil du Selfies aufnimmst.  

Gibt es neue Technologien, auf die Sie sich zukünftig freuen? 
Nicht sehr viele, aber ich freue mich auf Technologien wie Neuralink, also eine Schnittstelle zwischen Gehirn und Maschine. Insbesondere für Menschen, die krank sind oder im Koma liegen, wäre das eine Revolution. Gleichzeig macht mir das am meisten Angst, weil es eine neue Form von Elite bilden kann, weil nur reiche Menschen darauf Zugriff haben.

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