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Science
10/15/2020

"Facebook muss Start-ups Zugang zu Daten geben"

Es brauche eine Regulierung, wer welche Daten nutzen dürfe, sagt der Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger.

von Barbara Wimmer

Der österreichische Oxford-Professor für Internet-Regulierung, Viktor Mayer-Schönberger, hat sich mit der Frage beschäftigt, wie Datenmonopole von Facebook & Co unsere Zukunft gefährden. Gemeinsam mit Thomas Ramge präsentiert er in seinem neuen Buch „Machtmaschinen“ auch gleich Lösungsvorschläge. Es werde viel darüber gesprochen, dass Google, Amazon, Facebook, Apple und eine Reihe weiterer Anbieter immer mehr Marktmacht erlangen, sagt er im Gespräch mit der futurezone: "Wir haben versucht, dieses Thema weiter zu denken."

Futurezone: Sie sprechen im Buch von „Datenmonopolkapitalismus“. Was verstehen Sie darunter?
Große Unternehmen teilen sich den Markt untereinander auf und es gibt keinen Wettbewerb und keine Innovation mehr. Für Kunden bedeutet das, dass sie schlechtere Produkte zu höheren Preisen erwerben. Aber auch die Gesellschaft leidet. Wenn es 20 Plattformen wie Facebook geben würde, wäre es egal, wenn russische Trolle eine davon kapern würden. So bekommt die Demokratie selbst ein Problem, wenn diese eine Plattform kompromittiert wird.

Das ist nicht nur schlecht für die Demokratie, wie Sie sagen.
Wir leben im Zeitalter der Daten und da passiert gerade etwas Dramatisches. Innovation ist von Daten abhängig. Man braucht sie, um Maschinen und künstliche Intelligenz zu trainieren. Kleine Unternehmen und der Mittelstand haben aber kaum Daten, um ihre innovativen Ideen umzusetzen. Die großen haben dagegen Daten, um ihre mittelmäßigen Ideen umzusetzen. Dadurch haben Konkurrenzprodukte der Kleinen keine Chance mehr.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Es werden pro Tag vier Milliarden Suchanfragen auf Google getätigt. Google trainiert mit den Wörtern, die gesucht werden, seine Rechtschreibprüfung. Der Konzern lernt dabei aus den Tippfehlern. Kleine Firmen, die ebenfalls Rechtschreibprogramme entwickeln, haben keinen Zugriff auf diese Daten und können daher auch keine wettbewerbsfähigen Produkte mehr herstellen.

 

US-Riesen können also keine Innovationen hervorbringen?
Im Silicon Valley hat die Innovationsdynamik dramatisch abgenommen. Die Unternehmen sind dort bei weitem nicht mehr so innovativ wie vor 20-25 Jahren.

Aber kaufen die Online-Riesen nicht Innovationen zu?
Das behaupten sie. Sie kaufen jeden potenziellen Mitbewerber auf, aber das führt nicht automatisch dazu, dass die guten Ideen in Produkte umgesetzt werden.

Warum sind diese Firmen überhaupt so mächtig geworden?
Weil sie die Informationsmacht regelrecht konzentrieren. So etwas gab es bisher nur vor 100 Jahren bei den Ölbaronen in den USA, die alles unter sich ausgemacht hatten.

Aktivisten fordern die Zerschlagung von Google & Co. Ist das auch Ihre Lösung?
Das braucht es gar nicht. Die Online-Riesen müssten nur den kleineren Unternehmen Zugang zu den Daten geben. Wenn Google diese Daten anderen zur Verfügung stellen müsste, könnten Start-ups alternative Prüfprogramme entwickeln. Wir hätten dann wieder einen Markt mit Wettbewerb und Innovation.

Die Online-Monopolisten werden aber wohl alles tun, um dies zu verhindern?
Wir haben es in Europa schon einmal gezeigt, dass wir uns durchsetzen können, und zwar mit der EU-Datenschutzgrundverordnung. US-Unternehmen müssen hohe Strafen zahlen, wenn sie dagegen verstoßen – und trotzdem sind die Firmen in Europa geblieben. Wir brauchen zusätzlich eine sogenannte „Datennutzverordnung“.

Gibt es hierzu in der EU schon Bestrebungen?
Digitalkommissarin Margrethe Vestager hat bereits vergangenes Jahr gesagt, dass sie einem breiteren Zugang zu Daten viel abgewinnen kann. Facebook & Co stellen gerade reihenweise Lobbyisten ein, das ist immer ein gutes Zeichen, dass sich etwas tut.

Glauben Sie, dass sich Unternehmen aus Europa zurückziehen könnten, wenn die Datennutzung reguliert wird?
Wenn man als Unternehmen die Ambition hat, international erfolgreich zu sein, kann man an Europa nicht vorbei.

Ist der Streit zwischen den USA und China um TikTok eigentlich auch ein Machtkampf um die Daten?
Der IT-Sicherheitsaspekt spielt zwar eine Rolle, aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es auch um Marktanteile geht. Die US-Regierung reagiert als verlängerter Arm der Online-Plattformen, um mit einem Verbot von Konkurrenzdiensten die eigenen Unternehmen zu schützen. Das ist Industriepolitik des 20. Jahrhunderts.

Thomas Ramge, Viktor Mayer-Schönberger – Machtmaschinen. Warum Datenmonopole unsere Zukunft gefährden und wie wir sie brechen Erschien am 13. Oktober 2020, 208 Seiten, ISBN 978-3-86774-651-9

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