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Schwedischer Weg: "Machen nicht viel anders, als andere Länder"

Schweden hat bei der Bekämpfung der Pandemie besonders zu Beginn mit seinem Sonderweg von sich Reden gemacht. Anstelle von "harten" Maßnahmen wie Lockdowns setzt man auf Freiwilligkeit und Empfehlungen. Das sorgte für viel Kritik - auch vom eigenen Staatsoberhaupt. Schwedens König Carl XVI. Gustaf sagte in seiner Weihnachtsansprache etwa, dass die Bevölkerung gelitten habe: “Ich glaube, dass wir gescheitert sind”. 

Hauptverantwortlich für die Strategie ist Anders Tegnell, Staatsepidemiologe der schwedischen Behörde für öffentliche Gesundheit. Er hat auch bereits mit einigen strittigen Aussagen Schlagzeilen gemacht. So lehnte er harte Maßnahmen zuerst zwar dezidiert ab, machte später aber dann einen Rückzieher und sagte, es wäre besser gewesen, strenger zu sein.

Freiwilligkeit

Am Donnerstag war Tegnell auf Einladung der Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit AGES bei einem virtuellen Event zu Gast. Er sieht Schwedens Weg nicht grundsätzlich als besonders an: “Unsere Maßnahmen sind ähnlich, wie die anderer Länder.”

Man setze ebenfalls auf Eindämmung des Virus und Drücken der Zahlen. Die teils anderen Methoden seien vielmehr an das schwedische Regierungssystem angepasst, das sehr dezentral organisiert sei.

“Wir haben einen faktischen Lockdown - aber mit freiwilligen Elementen”

Anders Tegnell | Schwedischer Staatsepidemiologe

Aktuell gelten in Schweden eine Reihe von Maßnahmen. Der Besuch von Pflegeheimen ist untersagt, genauso wie Versammlungen von über 8 Menschen. In der Gastronomie gelten Social-Distancing-Regeln, Alkohol darf nur bis 20:00 verkauft werden. Oberstufen und Universitäten sind im Distance Learning und es gibt Reiseeinschränkungen. 

Dazu kommen auch eine Reihe von freiwilligen Empfehlungen. So soll gegenüber anderen Menschen ein Abstand von 1 bis 2 Meter gewahrt werden. Auf nicht unbedingt notwendige Reisen soll verzichtet werden, wo möglich sollte im Home Office gearbeitet werden. Dazu kommt die generelle Empfehlung zur Wahrung der Händehygiene. 

Krankenstand

Positiv sei laut Tegnell auch eine Anpassung des Sozialsystems gewesen. So können Arbeitnehmer in Schweden ohne ärztliche Bestätigung bis zu 14 Tage lang in Krankenstand gehen. Tegnell verteidigt auch die Entscheidung, dass Schulen für die Unterstufen geöffnet sind. So seien etwa Lehrer nicht öfter krank als Menschen in anderen Berufen. Dies zeige, dass Schulen ein sicherer Ort seien. Eine Studie in Österreich zeigte zuletzt, dass Corona an Schulen ähnlich verbreitet, wie bei der Gesamtbevölkerung sei.

Laut Tegnell würden freiwillige Maßnahmen in Schweden deswegen wirken, weil es ein hohes Vertrauen in die Behörden und in das Gesundheitssystem gebe. 80 Prozent der Menschen haben laut einer Studie ihren Alltag angepasst, um den Social-Distancing-Empfehlungen zu folgen. Mobilfunkdaten würden außerdem nahelegen, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung auch daran hält, auf unnötige Reisen innerhalb des Landes zu verzichten. 

SWEDEN-HEALTH-VIRUS-TRANSPORT

In Schwedens Öffis gilt nur eine Maskenempfehlung, keine Pflicht - getragen werden sie dennoch

Hohe 7-Tage-Inzidenz

Zuletzt verzeichnete Schweden eine 7-Tage-Inzidenz von über 400. Deutlich höher als in den Nachbarstaaten Finnland (32) oder Norwegen (83). In Österreich lag die Inzidenz zuletzt bei 143. Die nun stark steigenden Zahlen liegen laut Tegnell daran, dass die Herbstwelle der Pandemie in dem Land später gestartet ist. 

Auch sei die Entwicklung in Schweden generell eher mit zentraleuropäischen und weniger mit nordischen Ländern zu vergleichen. Warum das so ist, sei laut Tegnell noch unklar. “Wir sind noch mitten in der Pandemie - es ist zu früh zu evaluieren.”

Der richtige Indikator dafür sei laut Tegnell jedenfalls die generelle Übersterblichkeit. Jene dürfte aber auch in Schweden deutlich erhöht sein. 2020 sind laut aktuellen Zahlen der Statistikbehörde SCB, Tausende mehr Menschen gestorben als im Schnitt der Vorjahre. In Österreich lag die durchschnittliche Übersterblichkeit sogar noch um ein Vielfaches höher, wie aus aktuellen Zahlen hervorgeht. 

Testen und Impfen

“Wir haben Probleme, aber es sind die gleichen wie in anderen Ländern”, so Tegnell. Künftig wolle man auf stark ausgebaute Testkapazitäten sowie die Impfung setzen.

Aktuell seien in Schweden 80.000 Menschen geimpft. Vor allem möchte man im ersten Schritt Risikogruppen impfen: Der Fokus liege zuerst auf Einwohnern von Pflegeheimen sowie Menschen über 70. Gleichzeitig bekommen Ärzte und andere Mitarbeiter des Gesundheitssystems das Vakzin verabreicht. 

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Thomas Prenner

ThPrenner

Beschäftigt sich mit Dingen, die man täglich nutzt. Möchte Altes mit Neuem verbinden. Mag Streaming genauso gern wie seine Schallplatten. Fotografiert am liebsten auf Film, meistens aber mit dem Smartphone.

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