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Wie Smartwatches für freie Spitalsbetten sorgen

Wie Handys sind Uhren längst ihrer ursprünglichen Funktion entwachsen. Sie zeigen nicht nur die Zeit an, sondern messen unsere Herzfrequenz, wie viele Schritte wir Tag für Tag zurücklegen und die Anzahl der Kalorien, die wir dabei verbrennen. Lange als technische Spielerei belächelt, werden die smarten Uhren mittlerweile auch in der Medizin ernstgenommen. Mit ihren präzisen Sensoren helfen sie, Herz- und Lungenerkrankungen zu erkennen und werden nun sogar im Kampf gegen die Pandemie eingesetzt.

Krankenhaus vermeiden

In München etwa werden Corona-Patienten 30 Tage lang mit einer Smartwatch des französischen Herstellers Withings ausgestattet. Diese zeichnet einfache EKGs sowie die Herzrate der Patienten auf und misst die Sauerstoffsättigung im Blut. Ist die Herzfrequenz unnatürlich hoch und die Sauerstoffsättigung zu niedrig, deutet dies auf einen schweren Verlauf hin, der einen Krankenhausaufenthalt notwendig machen kann. Sind die Werte hingegen im grünen Bereich, können sich die Erkrankten bedenkenlos in häuslicher Quarantäne auskurieren.

Im Rahmen der Studie wollen die Forscher herausfinden, ob durch den Einsatz derartiger Uhren überflüssige Krankenhausaufenthalte vermieden werden können. „Corona-Patienten ohne schweren Verlauf binden im Krankenhaus viele Ressourcen, die dann für Patienten fehlen, die wirklich stationär behandelt werden müssen“, erklärt Studienleiter Moritz Sinner vom LMU Klinikum München im futurezone-Interview.

Für Erkrankte ist die Entscheidung, ob man besser ins Krankenhaus soll oder nicht, ohne ärztliche Hilfe allerdings fast unmöglich zu treffen. Und da kommt die Uhr ins Spiel. Die Studienteilnehmer messen zumindest 2 Mal täglich ihre Werte. Dazu müssen sie einfach ihre rechte Hand auf die Uhr legen. Sinkt die Sauerstoffsättigung im Blut auf unter 92 Prozent können die Patienten eine 24-Stunden-Hotline anrufen und mit medizinischem Personal besprechen, ob ein Krankenhausaufenthalt notwendig ist.

Herzrhythmus und Puls

Auch bei Herzrhythmusstörungen und einem hohen Puls trotz Ruhephase können Betroffene sich telefonisch beraten lassen. All diese Werte können zusammen mit Beschwerden wie Atemnot ein Anzeichen sein, dass die Lunge von der Infektion besonders stark betroffen ist und ein schwerer Verlauf droht. Alle Daten werden in einer App gespeichert und sind vom Ärzteteam einsehbar.

"Eine Corona-Erkrankung erzeugt enorme Unsicherheit"

Moritz Sinner | Studienleiter, LMU Klinikum München

Die Teilnahme an der Studie ist freiwillig, es werden aktuell auch wieder Teilnehmer gesucht. Mitmachen dürfen allerdings nur Risikopatienten zwischen 40 und 60 Jahren, die aus dem Raum München stammen, an Vorerkrankungen wie Bluthochdruck und anderen Herzerkrankungen leiden oder starke Raucher sind.

Das bisherige Feedback ist laut Sinner ausgesprochen positiv: „Eine Corona-Erkrankung erzeugt enorme Unsicherheit. Viele Patienten sind deshalb froh, dass sie selber messen können. Zu wissen, dass die Sauerstoffsättigung einen hohen Wert von 98 Prozent aufweist, obwohl man sich gerade sehr schlecht fühlt, hilft dabei Ruhe zu bewahren und sich ganz auf die Genesung zu konzentrieren.“

Corona-Studien mit Wearables

Die Münchner Studie ist nicht die einzige ihrer Art. In New York etwa fanden Forscher heraus, dass die Apple Watch eine Corona-Erkrankung bis zu 7 Tage vor Ausbruch erster Symptome erkennen kann. Sie beobachteten 300 Personen aus dem Gesundheitssektor und konnten praktisch bei allen Erkrankten eine auffallende Abweichung der Herzfrequenz feststellen, die 7 bis 14 Tage nach der Diagnose wieder verschwanden. Wie das in München eingesetzte Withings-Modell „Scanwatch“ kann die aktuelle Apple Watch Series 6 neben einem EKG auch die Sauerstoffkonzentration im Blut messen.

Zyklus-Armband Ava

Andere Forschungsstudien inkludieren ein sensorisches Armband namens Ava. Es wurde eigentlich für den weiblichen Zyklus entwickelt, um über die Messung von Hauttemperatur, Ruhepuls, Herzfrequenz, Durchblutung und Atemfrequenz das günstigste Zeitfenster für eine Schwangerschaft zu erkennen. Im Rahmen einer Liechtensteiner Studie wird geprüft, ob es auch für die Früherkennung von COVID-19-Erkrankungen geeignet ist.

Ring mit Sensoren

Der finnische Hersteller Oura wiederum hat einen smarten Fingerring im Programm, der mit seinen Sensoren unter anderem die Körpertemperatur messen kann. Der Ring wird seit Monaten in einem Krankenhaus in San Francisco getestet, um COVID-19-Anzeichen wie Fieber schnell zu erkennen. Die Firma hat zudem seine 150.000 Kunden aufgerufen, ihre Daten Wissenschaftlern zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise hoffen sie einen Algorithmus entwickeln zu können, der künftig beim Verdacht einer Erkrankung automatisch Alarm schlägt.

Neue Ära der Medizin

Laut dem Münchner Kardiologen steht außer Frage, dass die Sensoren zertifizierter Uhren, wie der Apple Watch oder der Withings Scanwatch, zuverlässige medizinische Werte liefern. Die Sauerstoffmessung etwa sei ähnlich genau wie bei den Geräten, die man im Krankenwagen oder Spital einsetze.

Das EKG der Uhr liefere zwar nur eine Linie statt der 12 Kanäle, die bei einer Verkabelung des Oberkörpers aufgezeichnet werden. Gewisse Parameter wie die Herzfrequenz oder Herzrhythmusstörungen könne man aber auch mit diesem 1-Kanal-EKG gut beurteilen.

„Alles was dazu beiträgt, dass Menschen besser auf ihre Gesundheit achten, erachte ich als positiv. Regelmäßige Messungen können Ärzten bei der Diagnose helfen“, ist Sinner überzeugt. „Gleichzeitig müssen wir Wege finden, wie wir mit diesen vielen ,Befunden’ umgehen, die Patienten quasi ununterbrochen in die Hand bekommen und allein oft nicht interpretieren können.“

Doktor Apple

Es sei vorstellbar, dass Firmen wie Apple künftig die medizinische Interpretation übernehmen – natürlich gegen eine Gebühr. Das werfe aber viele Fragen auf, zumal diese Dienste wohl nicht von der Krankenkasse übernommen werden.

„Das würde einiges im Gesundheitssystem verschieben und vor allem jenen zugutekommen, die sich das leisten können“, warnt der Kardiologe. Auch das Thema Datenschutz sei  größtenteils noch ungeklärt: „Welche Daten dürfen und wollen wir wem zur Verfügung stellen? Wie werden sie gesichert? Wenn wir diesbezüglich auch auf politischer Ebene nicht bald Antworten finden, laufen wir Gefahr, dass die Technologiefirmen hier den Takt vorgeben.“

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Martin Stepanek

martinjan

Erste Computer-Begegnung: Macintosh 128k (1984). Erster eigener Computer: Atari 520ST. Wissenschaftsverliebt. Alte-Musik-Sänger im Vienna Vocal Consort. Mag gute Serien. Und Wien.

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