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Start-ups
04/14/2020

Start-up entlarvt Lügen im Lebenslauf

Mithilfe einer Blockchain-Technologie könnten Betrüger auf Berufsnetzwerken künftig Geschichte sein.

von Andreea Iosa

Daniel ist Manager. Mit über 14 Jahren Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen verwandelt er die Ideen anderer in „richtige Projekte“. So zumindest präsentiert er sein vermeintliches Können auf LinkedIn. Dass er in Wahrheit fast alle Projekte, die er anführt, gegen die Wand gefahren hat oder schlichtweg erfunden sind, kann ihm keiner nachweisen.

Daniel ist einer der zigmillionen „Manager“, die sich auf Berufsnetzwerken häufen. Ihre Mitgliederzahlen sind jedenfalls üppig: Während LinkedIn in der DACH-Region 13 Millionen Mitglieder zählt, sind es bei Xing rund 16 Millionen. Unter diesen fast 30 Millionen Menschen finden sich immer wieder Hochstapler, die sich hinter erfolgsversprechenden Berufstiteln selbst die Trommel rühren.

Fake News

Soziale Netzwerke sind bekanntlich zunehmend zu Lagerstätten von Fake News geworden – nicht nur auf politischer Ebene. Laut Die Welt tummelt sich auf LinkedIn und Xing gar die „Elite der Selbstdarsteller“, die sich vor den Headhuntern demütigt.

Der Personaler Bernie Reifkind erklärt in einem LinkedIn-Blog, dass die Zahl von Lebenslauf-Betrug in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat. Zahlreiche Accounts auf dem Portal sind gar gänzlich erfunden – die Personen existieren nicht. Alleine im ersten Halbjahr 2019 entfernte LinkedIn mithilfe von Algorithmen fast 22 Millionen Fake-Accounts. „Reine“ Falschaussagen im Profil echter Personen sind schwieriger zu identifizieren. Aber nicht unmöglich. 

Background-Check

Laut Deloitte finden fast 60 Prozent der rekrutierenden Firmen Lügen und Beschönigungen in Lebensläufen. Ein Background-Check durch Personaler kann zeitaufwändig sein. Silvia Karnitsch, Senior Consultant bei ISG Personalmanagement, kennt das Prozedere und nimmt nicht nur Online-Profile genauer unter die Lupe, sondern in vielen Fällen auch Dienstzeugnisse, um den Zeitrahmen für die Anstellung einzusehen. Für Referenzen ruft sie auch manchmal beim ehemaligen Dienstgeber an.

Lügen haben jedenfalls kurze Beine und kommen ihrer Meinung nach nicht weit: „Es ist sehr kurzfristig gedacht, wenn man bei seinem Lebenslauf oder Online-Profil lügt. Es wird zwar immer mal wieder beschönigt oder übertrieben, aber richtige Falschaussagen sind sehr unvernünftig. Damit kommt man vielleicht einen Schritt im Bewerbungsprozess weiter, aber bestimmt nicht ans Ziel“, sagt Karnitsch der futurezone. In der Regel verhalten sich diese Kandidaten im Bewerbungsprozess ungeschickt und verraten sich spätestens dann.

Blockchain entlastet

Der Background-Check eines Kandidaten kann aber auch einfacher vonstattengehen. Das Genfer Start-up CVProof will dieses aufwändige Verfahren mithilfe eines Blockchain-basierten Systems vereinfachen. Personaler hätten damit die Zeit, sich um andere dringliche Aufgaben zu kümmern. Das Schweizer Jobportal aus der Luftbranche namens Professionals.aero setzt die Technologie bei Piloten bereits ein.

Zum Verständnis: Eine Blockchain ist eine unbegrenzt erweiterbare Liste von Datensätzen oder „Blöcken“, die kryptografisch miteinander verknüpft sind. Unterlagen wie Zeugnisse, Diplome, Referenzen, Publikationen, Schulungsbescheinigungen, universitäre Abschlüsse und mehr können über die Blockchain von den Ausstellern zertifiziert und auf der Plattform zugänglich gemacht werden.

Unternehmen können den Weg der Validierung des Dokuments nachvollziehen und erhalten damit eine Garantie, dass der Kandidat die nötigen, gültigen Zeugnisse und Zulassungen besitzt. „Erst haben wir eine Peer-to-Peer-Validierung und ein Beglaubigungsprotokoll zur Bestätigung jeglicher Qualifikationen und Nachweise entwickelt“, erklärt Ray Chow, Gründer und CEO von CVProof. Ein Aussteller kann das Dokument direkt validieren, komplexere Organisationen können aber auch einen zulässigen Prüfer damit beauftragen.

Asymmetrische Schlüssel

Chow erklärt, dass sowohl Aussteller als auch Prüfer eine sichere Identität oder ein sicheres Profil brauchen – und idealerweise asymmetrische Schlüssel. Das sogenannte „asymmetrische Kryptosystem“ ist ein kryptographisches Verfahren, bei dem die involvierten Parteien keinen gemeinsamen geheimen Schlüssel kennen müssen. Jeder Nutzer erstellt sein eigenes Schlüsselpaar, das aus einem geheimen privaten und einem nicht geheimen öffentlichen Schlüssel besteht. So wird ein digitaler Fingerabdruck vom Aussteller des Diploms erstellt und der Blockchain hinzugefügt. Mit diesem Verfahren entsteht laut Chow ein mächtiges „notarielles“ System, „das extrem effizient ist, um Qualifikationen in unbegrenzten Domänen, nicht nur akademischen, zu zertifizieren“.

Der Experte gibt ein Beispiel zur Veranschaulichung: Pauline hat am MIT absolviert und gleich danach 2 Jahre lang bei Google in LabX gearbeitet. Ihr Lebenslauf besteht zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere aus zwei großen Teilen – ihrem Nachweis von der MIT und ihrem Job-Resümee von Google. Über CVProof könnte das MIT Paulines zertifizierte Zeugnisse verfügbar machen. Google könnte das Gleiche mit ihrem Resümee tun und zusätzlich auch KPIs angeben – das sind Kennzahlen, mit denen die Leistung von Aktivitäten in einem Unternehmen ermittelt werden. Bewerber können damit keine Fähigkeiten mehr versprechen, die sie nicht besitzen.

LinkedIn-Scan möglich

Einschränkungen gibt es bei CVProof keine: Die Technologie lässt sich auf jedes Dokument, jeden Industriebereich und in jedem Land anwenden. Auch auf LinkedIn und Co: Dafür müsste das Netzwerk dem Start-up das Recht erteilen, dessen Ökosystem zu untersuchen.

CVProof ist mit seiner Idee nicht alleine. Auf ähnliche Weise agiert auch das Start-up Proxeus in Zusammenarbeit mit der Universität Basel, jedoch mit Fokus auf die Überprüfung universitärer Abschlüsse. Mit den öffentlich beglaubigten Datenbanken können Dokumente verifiziert werden. Um es zu überprüfen, wird der sogenannte Hash-Wert berechnet. So wird verifiziert, ob die Universität diesen Hash-Wert geschrieben hat.

Rechtliche Konsequenzen

Lügen und Fälschungen in der Vitae können rechtliche Folgen haben. „Wenn der Täuschende die falschen Referenzen bei einer Bewerbung angibt und er dann den Posten erhält, können die arglistigen Falschangaben im Einzelfall eine Entlassung aufgrund von Vertrauensunwürdigkeit rechtfertigen“, sagt Michael Leitner, Anwalt für Arbeitsrecht.

Um eine strafrechtlich relevante Täuschung über Tatsachen handle es sich, wenn die Täuschung einen anderen dazu verleitet, sich selbst oder einen Dritten an seinen Rechten zu schädigen, etwa am Vermögen. Hier sei dem Anwalt zufolge von Betrug die Rede. „Sollte der Lebenslauffälscher den Vorsatz haben, sich selbst oder einen anderen durch eine Vermögensfügung des Getäuschten zu bereichern, dann handelt es sich um Betrug“, sagt er.

Kurzum: Wenn jemand einen Managerposten und das damit in Zusammenhang stehende Gehalt nur deshalb erhält, weil er behauptet, vorher Manager gewesen zu sein, dies aber gar nicht war, dann sei eine Anzeige wegen Betrugs denkbar. Wenn der Täuschende einen universitären Abschluss angibt, den er nicht hat, und aufgrund dieser Falschangabe eine Stelle erhält und ein Gehalt bezieht, obwohl er nicht die notwendigen Voraussetzungen für die Stelle erfüllt, ist es ebenfalls problematisch. Eine solche Gehaltszahlung wäre eine Vermögensverfügung des getäuschten Arbeitgebers, an der sich der Täuschende unrechtmäßig bereichert.

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