Start-ups
03.08.2016

"Österreich zählt nicht zu den hippen Start-up-Szenen Europas"

Die neue A1-Chefin Margarete Schramböck im futurezone-Interview über heimische Start-ups und die Zukunft der Mobilfunkbranche.

futurezone: Welchen Stellenwert hat das Thema Start-ups mittlerweile für A1?
Margarete Schramböck: Das Thema Start-ups gewinnt bei uns ständig an Bedeutung. A1 beschäftigt sich seit mehr als vier Jahren mit Start-ups, wir haben ganz klein angefangen, viele Dinge ausprobiert, sehr viel gelernt. Seit mehr als einem Jahr haben wir unseren Start-up-Campus in der Treustraße mit derzeit vier jungen Unternehmen. Aktuell suchen wir auf mehreren Wegen nach neuen spannenden Ideen. Wir evaluieren auch die Ausbaumöglichkeiten unseres Campus – all das zeigt, dass das Thema immer wichtiger wird.

Können Sie konkrete Beispiele nennen, mit welchen Firmen Sie derzeit zusammenarbeiten?
Für uns ergeben sich durch die Zusammenarbeit neue Möglichkeiten, Innovation ins Haus zu holen: Mit ready2order schaffen wir eine all-in-one Registrierkassenlösung für alle Kleinunternehmer und mit Parkbob erleichtern wir für alle, die es nutzen, spürbar das Parken in Wien. In beiden Fällen schaffen wir mit den Start-ups einen deutlichen Mehrwert für unsere Kunden. Und diesen Mehrwert können wir mit einer Geschwindigkeit entwickeln, die in einer großen Organisation ehrlicherweise oft so nicht möglich ist. Innovative Ideen wachsen bei uns einfach oft nicht schnell genug. Die Start-ups profitieren genauso: Wir helfen ihnen, Vertriebsnetze und kaufmännisches Wissen aufzubauen und als wichtigste Komponente ein Netzwerk zu entwickeln, das ihnen hilft, ihre Lösungen in Österreich und vor allem global zu positionieren.

Was muss ein Jungunternehmen mitbringen, um für Sie bzw. für A1 interessant zu sein, worauf achten Sie besonders?
Eine spannende Idee, Begeisterung und Mut – so einfach oder schwierig ist es. Wir wollen mit neuen Lösungen unsere Kunden begeistern, ihnen das digitale Leben erleichtern, wer das kann, der passt zu uns. Extrem wichtig ist für uns das Team selbst. Es gibt viele gute Ideen, die bei uns am Tisch landen. Die Frage ist dann: „Traue ich diesem Team zu, diese Idee auf den Boden zu bringen und sie so weiter zu entwickeln, dass sie sich verkaufen lässt?“ Wir wollen deshalb auch nicht nur die Gründer kennenlernen, sondern alle Teammitglieder. Wir schauen, welche Aufgaben sie abdecken, wie sie agieren und interagieren. Um erfolgreich zu sein, muss sich die Idee skalieren lassen.

Was sind gewissermaßen No-Gos, was kommt aus Ihrer Sicht nicht infrage?
Oft fehlen eine gute Marktanalyse und das Geschäftsmodell dahinter. Es gibt eine großartige Idee, schöne Bilder und dann kommt die Frage: „Wie wollt ihr damit Geld verdienen?“ Start-ups brauchen eine klar definierte Zielgruppe und Business-Modelle, die durchdacht sind. Viele machen das ordentlich, manchmal wird es dabei auch schnell „recht dünn“.

Wie beurteilen Sie die heimische Start-up-Szene derzeit generell, in welchen Bereichen sehen Sie die spannendsten Entwicklungen?
Österreich zählt nicht zu den neuen hippen Start-up-Szenen Europas, das sind Berlin, Warschau und Barcelona. Es ist die Aufgabe von Wirtschaft und Politik, dass wir in Österreich hier aufschließen, Österreich zur digitalen Nummer 1 zu machen. Viele positive Entwicklungen in den vergangenen Tagen wie die Eröffnung des Open Austria Office im Silicon Valley oder das 185-Millionen-Euro-Regierungspaket zeigen, dass es ernst gemeint ist, Österreich voran zu bringen. Technologie-Start-ups sind die Basis für Wachstumsimpulse. Jeder neue IT-Arbeitsplatz schafft zwei weitere Arbeitsplätze. Positiv anzumerken ist, dass in den vergangenen Monaten das Investment in Start-ups gestiegen ist, immerhin zwei waren mit ca. sechs Millionen dotiert. Das muss mehr werden. Österreich braucht einen speziellen Schwerpunkt: eine digitale Identität. Insbesondere Wien darf hier durch ein Zusammenwirken mehrere Player an Schlagkraft und Bedeutung in Zukunft gewinnen. Wir als A1 werden uns hier engagieren.

Start-ups bedeuten auch immer Risiko und oftmals Scheitern. Passt die Kultur des Scheiterns - deren Fehlen in Österreich oft beklagt wird - zu einem Unternehmen wie Ihrem? Wie gehen Sie damit um?
Wenn wir Start-ups im A1-Start-up-Campus aufnehmen, ist das immer wieder eine großartige Wette. Scheitern bedeutet nicht immer verlieren. Es kommt drauf an, aus dem Scheitern zu lernen und wieder aufzustehen. Dabei helfen wir täglich jenen Start-ups, für die wir uns entschieden haben. Es gilt Dinge auszuprobieren und neu zu denken. Das passt zu uns als A1, sind wir doch Teil einer neuen digitalen Welt. Wir lernen von unseren Start-ups mindestens genauso viel wie sie von uns.

Sie haben vor kurzem die Führung von A1 übernommen, was sind Ihre ersten, wichtigsten Ziele? Wird es maßgebliche Neuerungen geben?
Mein oberstes Ziel ist es, unsere Kunden ins Zentrum all unserer Anstrengungen zu stellen. Unsere Kunden sind die Sonne, um die wir alle kreisen. Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit, leider verliert man dieses Ziel manchmal aus den Augen. Ich habe deshalb mir und meinem ganzen Team „Zuhören“ als Credo gegeben. Wir müssen unseren Kunden noch viel intensiver zuhören – im Gespräch, in Internet-Foren, an der Hotline. Auf diese Kundenorientierung achten wir auch bei der Aufnahme von neuen Mitarbeitern und schauen, ob sie Teil ihrer DNA ist. Ich habe deshalb auch mein Führungsteam neu aufgestellt, wir haben neue Units gebildet, die sicherstellen werden, dass wir mit voller Konzentration auf Privat-, Geschäftskunden und das sich ständig verändernde Marktumfeld agieren.

Was bedeutet der Begriff “Innovation” für Sie in Ihrem Unternehmen?
Innovation bedeutet für uns und unsere Kunden das Tor in ein neues digitales Leben. Innovation ist nur dann wertvoll, wenn sie für unsere Kunden einen wirklichen Mehrwert bedeutet. Unsere Teams arbeiten täglich daran. Jüngstes Beispiel ist ein hybrider Internetzugang, bei dem zwei Technologien A1 Festnetz und 4G/LTE in einer Box verschmolzen werden.

Was halten Sie vom Wunsch, gemeinsame Netze mit anderen Mitbewerbern zu haben, wie es zum Beispiel T-Mobile-Chef Andreas Bierwirth vorschlägt?
Wünsche kann man viele haben, ich arbeite lieber mit dem was wir haben. Wir investieren jährlich ca. 500 Millionen Euro eigenes Geld in den Ausbau der Netze. Dabei wollen wir mit breitbandigem Internet die Haushalte und Unternehmen erreichen und haben einen Plan pro Bundesland, Stadt und Gemeinde. Die Kombination aus Glasfaser und mobilem Internet ist dabei die Lösung. Glasfaser ist die Basis für 5G, die nächste Entwicklungsstufe des mobilen Internets. Ohne Glasfaser kein Internet der Dinge und keine Industrie 4.0. Wir stehen daher zum weiteren Ausbau und gleichzeitig wenden wir neue Technologien an, wie Vectoring, Vplus, G.fast, um Kupfer schneller zu machen. Wir wissen, wir sind manchmal für den einzelnen nicht schnell genug, verfolgen aber einen konsequenten Plan, um ganz Österreich zu versorgen.

Was sehen Sie als die größten Herausforderungen Ihrer Branche in den kommenden Jahren?
Die Welle der Digitalisierung betrifft die gesamte Wirtschaft, sie wird eine große Herausforderung für die Telekommunikationsbranche und alle Unternehmen werden. Die Digitalisierung bedeutet für unsere Gesellschaft und für alle Unternehmen – vom Gesundheitswesen über den Handel, Bildungseinrichtungen bis hin zu Finanzdienstleistungen - faszinierende neue Möglichkeiten. Wir als Telekommunikationsunternehmen haben die Aufgabe, dafür die perfekte Infrastruktur zu bieten. Das heißt intelligente Netze, die mobil und fix sind, die möglichst geringe Latenzzeiten haben und die Daten in Fast-Echtzeit mit 100-prozentiger Verlässlichkeit und Sicherheit liefern. Der Stellenwert der IKT-Branche wird weiter steigen. Bereits heute ist es so, dass das Branchenwachstum mit 3,3 Prozent doppelt so hoch ist wie das prognostizierte Wirtschaftswachstum. Das ist auch der Weg, den wir gehen müssen, damit Österreich im Konzert mit anderen europäischen Ländern mitspielen kann.

Die futurezone und A1 suchen noch bis Mitte August nach Österreichs besten Start-ups. Zur Bewerbung gehts hier lang - es winkt ein Preisgeld von 10.000 Euro.