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Personentransporter Ninebot im Test: Agiler Segway-Klon aus China.

Im Stehen gibt der Ninebot-Lenker eine gute Armstütze ab
Im Stehen gibt der Ninebot-Lenker eine gute Armstütze ab - Foto: David Kotrba
Der Ninebot zeigt im futurezone-Test, dass ein zweijähriges chinesisches Start-up es tatsächlich geschafft hat, den Personentransport im Segway-Stil zu verbessern.

Das chinesische Start-up Ninebot hat vor zwei Jahren nach erfolgreicher Crowdfunding-Kampagne damit begonnen, einen selbstbalancierenden Personentransporter zu kreieren, der dem bekannten Segway nachempfunden ist. Der Ninebot E kann guten Gewissens als Klon bezeichnet werden. Der Ninebot bietet allerdings ein paar Dinge, die der Segway nicht aufweisen kann, dazu ist er wesentlich günstiger.

Der Vorwurf von Urheberrechtsverletzungen seitens Segway konnte den rasanten Erfolg von Ninebot nicht aufhalten. Der Smartphone-Hersteller Xiaomi und andere Unternehmen investierten so viel Geld in Ninebot, dass bald genügend Kapital für das definitive Ende eines drohenden Rechtsstreits da war. Mitte April wurde Segway von Ninebot gekauft.

Die futurezone hat den Ninebot E getestet. Zur Verfügung gestellt wurde uns das Gerät vom Elektromobilhändler Yoom.

 

Technik

Der Ninebot E sieht von der Form her wie ein Segway aus. Eine Trittfläche als Basis, zwei große Reifen an den Seiten und eine Lenkstange mit Griffen für den Fahrer. Die Ausmaße von 39 mal 59 mal 110 Zentimeter ähneln jenen des Segway i2 SE. Gefertigt wird der Ninebot aus Aluminium, Magnesium und Kunststoff. Das Gerät wiegt 25 Kilogramm und verträgt maximal 110 Kilogramm Zuladung.

Jedes Rad wird durch einen 1.350-Watt-Motor angetrieben. Insgesamt bewegt man sich also mit immerhin 3,6 PS fort. Die Maximalgeschwindigkeit beträgt 20 km/h. Mit dem eingebauten Akku sollte man rund 20 Kilometer weit kommen. Ein vollständig entladener Akku ist in drei bis vier Stunden wieder voll.

Äußerlich kommt der Ninebot E in einer Farbkombination von Weiß, Silber und Hellblau daher. Am Heck sitzt eine breite LED-Bremsleuchte in Rot, die Lenkstange mit langgezogenem, blau ausgekleideten Schlitz ist ebenfalls LED-beleuchtet. Zwischen den Griffen liegt ein plastikgeschütztes Display, auf dem Ladestand, Geschwindigkeit, Warnhinweise, zurückgelegte Kilometer oder die Außentemperatur angezeigt werden.

Unterhalb des Displays, am oberen Ende des Lenkstangenschlitzes, befindet sich eine USB-Schnittstelle, die zur Wartung des Geräts verwendet wird. Optional kann hier eine LED-Frontleuchte angeschlossen werden, die per Touchbedienung ein- und ausgeschaltet wird. Knöpfe am Gefährt selbst gibt es keine. Zur Steuerung des Ninebot E dient eine schlanke Funkfernbedienung.

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Ein Ständer am Unterboden verhindert, dass der Ninebot im Stand nach vorne kippt - Foto: David Kotrba

Praxiserfahrungen

Für Personen, die schon einmal auf einem Segway, oder einem ähnlich funktionierenden Personentransporter, etwa einem Robstep Robin M1, gefahren sind, wird die Bedienung des Ninebot keine Hexerei darstellen. Mit der Fernbedienung schaltet man das Gerät ein, das sogleich eine Fanfare ausstößt. Ein Fuß auf einer der Trittflächen aktiviert den Motor, man steigt mit dem zweiten Fuß auf und los geht's.

Die Beschleunigung mittels Gewichtsverlagerung fällt sehr leicht. Die Lenkung reagiert präzise. Sich in Schrittgeschwindigkeit in einer engen Passage unter einkaufsbummelnden Fußgängern fortzubewegen, ist - abgesehen von den eigenen Nerven - völlig unproblematisch.

Zu schnell fahren unmöglich

Hat man freie Fahrt, so pendelt sich die Reisegeschwindigkeit bei rund 18 km/h ein. Beschleunigt man, wird man schnell vom Ninebot abgebremst. Wie beim Segway nutzt dann auch noch so starkes Vornüberlehnen über den Lenker nichts. Im Extremfall steht man mit steil angestellten Fußspitzen, quasi wie ein Skispringer auf der Trittfläche. Beschleunigt wird dennoch nicht weiter.

In bestimmten Situationen - etwa bei blinkenden Ampeln - würde man sich manchmal einen kleinen Beschleunigungsschub wünschen, aber umsonst. Die 20 km/h-Grenze wird unerbittlich eingehalten. Sinkt der Ladestand des Ninebot auf zwei von zehn Strichen, so wird die Reisegeschwindigkeit auf rund 12 km/h reduziert.

Fährt man zu schnell rückwärts, rastet der Ninebot aus. Alarmgeheul ertönt, das ganze Gefährt vibriert und balanciert die Rücklage aus. Kleinere Gehsteigkanten sind für den Ninebot überhaupt kein Problem. Die großen Räder machen die Sache einfach. Steigungen bewältigt der Ninebot je nach Winkel langsamer, aber unnachgiebig. Auch auf Feldwegen oder in der Wiese kann man problemlos herumfahren. Wer härteres Gelände bevorzugt, sollte sich den Segway x2 ansehen. Ein Pendant dazu hat Ninebot noch nicht im Programm.

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Bremslichter und Reflektoren machen den Ninebot rechtlich zum Fahrrad - Foto: David Kotrba

Schwer zu ziehen

Muss man zwischendurch mal vom Ninebot absteigen - etwa in der U-Bahn-Station -, so wird das Gerät wie ein überdimensionaler Einkaufswagen hinterhergezogen. Für längere Strecken bietet sich das nicht an, der Widerstand ist doch beträchtlich. Dennoch kommt der Ninebot in der U-Bahn ins Rollen, wenn die Räder in Fahrtrichtung ausgerichtet sind und man nicht mit einem blockierenden Fuß dazwischengeht.

Mit dem "Österreich-Paket" erhält der Ninebot die notwendige Ausstattung, um damit auf Radwegen fahren zu dürfen. Dazu zählen zusätzliche Reflektoren vorne und hinten, die Frontlicht-LED und eine Klingel, die seitlich an der Lenkerstange montiert wird. Optional lassen sich auch noch verschiedene Taschen oder ein Flaschenhalter am Ninebot anbringen.

Auffälligkeit

Der farbliche Auftritt in Weiß-Blau sowie die LEDs des Ninebot tragen ihren Anteil zur erhöhten Auffälligkeit des Piloten bei. Bei diesem Elektrofahrzeug gilt wie auch für viele andere: Schüchtern darf man nicht sein. Wo auch immer man mit dem Ninebot auftaucht, fallen einem Blicke zu, wird getuschelt. Im schlechtesten Falle - und leider ist das auch während des Testens passiert - wird man sogar beschimpft.

Als Ninebot-Fahrer kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, als dekadenter Exzentriker wahrgenommen zu werden - überhaupt, wenn man mit einem einzelnen Gerät und nicht in einem Rudel unterwegs ist. Sightseeing-Gruppen auf Segways hat man ja schon öfters gesehen. Durch die erhöhte Position sticht man überall aus der Menge heraus.

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Die Ninedroid-App - Foto: Ninebot

App

Einen weiteren Unterschied zum Segway bildet beim Ninebot die Verbindung mit einer eigenen Mobil-App. "Ninedroid" ist für Android und iOS verfügbar und lässt Ninebot-Besitzer eine Vielzahl von Einstellungen an ihrem Gerät verändern. Die Verbindung setzt Bluetooth 4.0 voraus. Mit einem iPhone 4 oder einem Nexus 7 der ersten Generation konnten wir die App nicht nutzen.

Mit der App kann man neue Geschwindigkeitsbegrenzungen (unter 20 km/h) festlegen, verschiedene Beleuchtungsmodi wählen, Alarmeinstellungen oder sogar die Empfindlichkeit der Lenkung verändern. Eine witzige Option ist die Fernsteuerung, mit welcher der Ninebot auch ohne Fahrer gelenkt werden kann. Diese Funktion wurde im Rahmen dieses Tests allerdings nicht ausprobiert.

Fazit

Der Ninebot E ist ein zuverlässiger, unkomplizierter Personentransporter, mit dem man viel Spaß haben kann. Jede der Personen, die im Testzeitraum auf dem Ninebot gestanden ist, war begeistert über die Handhabung, die exakte Steuerung und die rasante Beschleunigung des Geräts. Mit seiner LED-Beleuchtung, dem Armaturendisplay und der zusätzlichen App ist der Ninebot um eine Spur auffälliger und praktischer als der Segway.

Was man genau mit dem Ninebot anfangen will, kommt ganz auf den Fahrer an. Wer seine Beine nicht benutzen will, kommt damit bis in den Aufzug und durch die Wohnungstür. Für den Weg zur Arbeit gibt es aber schnellere, kleinere, leichtere und günstigere Elektromobile (etwa den Egret One). Am Radweg wird man aufgrund der Maximalgeschwindigkeit von 20 km/h locker von jedem Radler überholt. Wer nicht gerne im Rampenlicht steht, ist mit dem Ninebot jedenfalls völlig falsch bedient.

Einer der großen Vorteile gegenüber dem Segway ist der Preis des Ninebot. Während der vergleichbare Segway i2 SE im Handel nicht unter 6.000 Euro erhältlich ist, kostet der Ninebot E bei Yoom 3.699 Euro. Vor dem Kauf sollte man das Gerät selbst ausprobieren, vielleicht auch, um herauszufinden, wofür man es am besten verwenden könnte.

 

(futurezone) Erstellt am 10.05.2015, 06:00

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