Meinung

Das Fleisch und das Klima: Müssen wir alle vegan leben?

Ist Schnitzel Luxus? Die einen erklären paniertes Schwein zum schützenswerten Fundament abendländischer Kultur, die anderen fordern eine Fleischsteuer. Fest steht: Fleischproduktion ist schlecht fürs Klima. Aber müssen wir deswegen alle vegan leben? Aus wissenschaftlicher Sicht muss man sagen: Es ist nicht so einfach.

Unser Planet hat eine bestimmte Menge Kohlenstoff, daran kann man nichts ändern. Beeinflussen können wir, wie viel davon in Form von CO2 in der Atmosphäre herumschwirrt und wie viel auf der Erde gebunden ist. Ein Wald bindet mehr Kohlenstoff als eine Wiese oder ein Feld – daher spielt der Flächenverbrauch der Landwirtschaft eine wichtige Rolle. Wenn in Brasilien Wälder abgeholzt werden, um dort Kühe zu füttern, ist das katastrophal.

Landwirtschaft ist kein natürlicher Kreislauf

Nun könnte man aber sagen: Bei uns in Europa ist dieser Schritt längst vollzogen. Wenn wir keine Wälder abholzen, sondern einfach nur bestehende landwirtschaftliche Flächen nutzen, befindet sich unsere Landwirtschaft dann nicht in einem nachhaltigen Gleichgewichtszustand? Müsste unsere Landwirtschaft dann nicht klimaneutral sein? Nein, leider nicht.

Die Böden werden gedüngt und geben dann klimaschädliche Emissionen wie Lachgas ab. Und Wiederkäuer produzieren Methan (CH4) – ein Gas, das unser Klima noch stärker schädigt als CO2. Wenn also Pflanzen CO2 aufnehmen und von einer Kuh gefressen werden, die den Kohlenstoff dann als Methan wieder hervorrülpst, ist das schlecht fürs Klima, auch wenn sich die Kohlenstoffmenge in der Atmosphäre gar nicht verändert hat. Dazu kommt natürlich noch eine Vielzahl an indirekten Emissionen, vom Treibstoff für den Traktor bis zum Strom für die Melkmaschine.

Pro Fläche produziert Tierhaltung weniger Kalorien an Nahrung als Pflanzenanbau, ist aber für einen überproportional großen Teil der klimarelevanten Gase verantwortlich. Sollen wir also Tierhaltung beenden und alle Böden für Pflanzen nutzen? Nein, auch das ist zu simpel gedacht. Viele Böden sind nicht gut genug, um dort Gemüse anzubauen, können aber als Weiden genutzt werden.

Kühe sind genügsamer als Menschen. Auch Pflanzenteile, die wir nicht essen können, verfüttern wir an Tiere, wir müssten sie sonst wegwerfen. Und die Gülle der Tiere verwenden wir wieder als Pflanzendünger, den wir ohne Nutztiere künstlich herstellen müssten. Tierhaltung kann also – in gewissen Maßen – eine durchaus sinnvolle Ergänzung zur Herstellung pflanzlicher Produkte sein.

Fleischverzicht: Gut, aber nicht gut genug

Das bedeutet: Wenn wir ab morgen alle vegan leben, senken wir zwar die Treibhausgas-Emissionen, aber ein Teil davon würde anderswo wieder neu entstehen. In Ländern wie Österreich oder Deutschland ist die Landwirtschaft für etwa 7-10% der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Wenn wir annehmen, dass etwa die Hälfte davon durch Tierhaltung entsteht, bedeutet das nicht, dass man durch Fleischverzicht die Hälfte der landwirtschaftlichen Klimagasemissionen einsparen könnte. Der Effekt wäre deutlich geringer.

Bilanzen, die uns sagen, welcher Sektor wie viel Treibhausgas produziert, sagen uns nicht automatisch, wie stark wir die Gesamtbilanz durch Verzicht in diesem Sektor verbessern können. Die unterschiedlichen Bereiche hängen eben auf komplizierte Weise miteinander zusammen. Fest steht aber: Die allergrößten Klimakiller sind Verbrennungsmotoren, Heizungen, Kohle- und Gaskraftwerke. Über 70% unserer Treibhausgasemissionen kommen aus den Sektoren Energie, Industrie und Verkehr.

Insgesamt ist es zweifellos gut fürs Klima, wenn wir weniger Fleisch essen. Das sollten wir auch tun. In Österreich und Deutschland liegt der jährliche Fleischverbrauch in der Größenordnung 60kg pro Person. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass es eine unerträgliche Einschränkung der Lebensqualität wäre, diesen Wert zu reduzieren. Aber Fleischverzicht alleine wird nicht reichen. Wenn wir bei der Stromerzeugung und im Transport keine nachhaltige Wende schaffen, ist das Klima verloren – ganz egal ob wir Fleisch essen oder nicht.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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