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Meinung
04/14/2019

5G - das Handynetz des Todes

Die Angst vor den neuen 5G-Mobilfunknetzen wird kräftig geschürt. Mit wissenschaftlichem Denken hat das nichts zu tun.

Es klingt wie der Beginn eines Horrorfilms: Tote Vögel fallen vom Himmel, umgebracht von einem waghalsigen Experiment verrückter Wissenschaftler. In einem Park in Den Haag sollen nach einem Test mit 5G-Antennen hunderte Vogelleichen gefunden worden sein. Die Enten im Teich sollen ihre Köpfe unters Wasser gesteckt haben, um sich vor der Strahlung zu schützen.

Das klingt spektakulär und beunruhigend. Hinter der mysteriösen Abkürzung „5G“ verbirgt sich die kommende Generation des Mobilfunknetzes, sie soll in den nächsten Jahren in ganz Europa eingeführt werden. Kein Wunder, dass sich nun viele Leute Sorgen über das neue 5G-Netz machen.

Allerdings: Die Geschichte von den toten Vögeln ist völlig falsch. Es gab dort gar keine 5G-Versuche. An anderen Orten, wo tatsächlich 5G-Antennen betrieben wurden, flogen die Vögel fröhlich weiter. Und dass Enten ihren Kopf ins Wasser stecken, sollte nicht unbedingt eine Sensationsmeldung wert sein. Trotzdem wird damit Stimmung gemacht, die Proteste gegen das kommende 5G-Netz nehmen zu. Besorgte Bürger und Ärzte starten Petitionen. Die Auswirkungen der neuen Sendeanlagen seien zu wenig bekannt, heißt es, sicherheitshalber sollte man die „Zwangsbestrahlung“ stoppen.

Das ist wissenschaftlich nicht argumentierbar. Wer bisher keine Angst vor Mobilfunk hatte, der muss sich auch vor 5G nicht fürchten. 5G liefert neue Übertragungsprotokolle, nicht eine neue Sorte geheimnisvoller Strahlung. 5G wird eine größere Zahl von Sendeanlagen brauchen und etwas andere Frequenzen nutzen, aber die Abstrahlungsleistungen sind gering und weit unterhalb aller Grenzwerte, die aus medizinischer Sicht nötig erscheinen.

Ionisierende und nicht-ionisierende Strahlung

Dass sich Angst vor Strahlung so gut schüren lässt, ist verständlich. Manche Arten von Strahlung sind nämlich in höheren Dosen tatsächlich gefährlich. Gammastrahlen zum Beispiel können aus Atomen oder Molekülen Elektronen herausreißen – man spricht dann von ionisierender Strahlung. Sie kann DNA-Moleküle schädigen und Krebs verursachen. Möglich ist das aber nur, wenn die Photonen, aus denen die Strahlung besteht, viel Energie haben. Die Strahlung, die wir als sichtbares Licht wahrnehmen, hat weniger Energie – sie kann nicht ionisieren. Daher bekommt niemand Krebs durch die Farbe Grün. Und die Strahlung im Mobilfunk (sie liegt im Mikrowellenbereich) hat noch weniger Energie, sie ist erst recht nicht ionisierend.

Selbst eine höhere Dosis dieser Strahlung kann nicht die Schäden auslösen, die man bei ionisierender, energiereicher Strahlung zu erwarten hat. Das ist ähnlich wie beim Unterschied zwischen Hagel und Regen: Ein großes Hagelkorn macht eine Delle ins Autodach, ein Regentropfen hat dafür zu wenig Energie. Selbst eine Million Regentropfen werden das Autodach niemals eindellen.

Aber sicher ist sicher?

Aber vielleicht war Mobilfunkstrahlung ja auch schon bisher schädlich – auf eine Weise, die wir einfach noch nicht verstehen? Das ist nicht völlig auszuschließen. Auch wenn man auf molekularer oder zellulärer Ebene keinen Mechanismus kennt, der solche Schäden erklären könnte, ist es klug, sich sicherheitshalber die Sache genau anzusehen. Das hat man auch gemacht – und zwar sehr oft. Insgesamt lassen die Ergebnisse keinen Grund zur Besorgnis erkennen. Aber völlig eindeutig sind solche medizinischen Studien nie.

Dass Mobilfunkstrahlung absolut ungefährlich ist, lässt sich wissenschaftlich nie beweisen. Auch die Unbedenklichkeit von Erdbeermarmelade oder gehäkelten Topflappen ist wissenschaftlich nicht beweisbar. Aber statistisch belastbare Zusammenhänge mit Erkrankungen, wie man sie etwa bei Feinstaub, einseitiger Ernährung oder Tabakkonsum findet, zeigen sich bei Mobilfunk nicht. Daraus können wir schließen: Entweder gibt es wirklich keine schädlichen Auswirkungen, oder die Auswirkungen sind zumindest sehr gering. Panik ist jedenfalls nicht angebracht.

Elektrosensibilität

Sehr real sind allerdings die Beschwerden von Menschen, die sich als „elektrosensibel“ bezeichnen: Sie klagen über Schmerzen, Schwindel oder Schlaflosigkeit und führen das auf Strahlung zurück. Auch diesem Phänomen ist man wissenschaftlich nachgegangen. Interessanterweise treten die Beschwerden auch dann auf, wenn gar keine Strahlung da ist – etwa wenn eine Sendeanlage errichtet wird, aber noch gar nicht eingeschaltet ist. Leute, die sich selbst als „elektrosensibel“ bezeichnen, können genausowenig wie andere Menschen erfühlen, ob elektromagnetische Strahlung überhaupt da ist oder nicht. Die Strahlung kann also nicht die Ursache ihrer Beschwerden sein.

Das bedeutet: Nicht die Mobilfunkwelle verursacht Probleme, sondern die Angst davor. Die Panikmache vor Technologien wie 5G ist selbst ein echtes Gesundheitsrisiko. Daran sollte man denken, wenn man „sicherheitshalber“ etwas verbieten will.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.