12.12.2018

Gentechnik: Hören wir auf zu lügen!

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Über Gentechnik wird viel diskutiert – doch leider haben wir dabei die völlig falschen Themen im Blick. Wir brauchen einen Neustart der Gentechnik-Diskussion.

Ob wir wollen oder nicht, die Gentechnik wird unser Leben in den nächsten Jahrzehnten verändern. In der Medizin und in der Biotechnologie beginnt ein völlig neues Kapitel, mit großartigen Chancen und ernsten Risiken. Doch leider konzentriert sich die öffentliche Debatte auf völlig falsche Themen: Mit viel emotionalem Getöse streiten wir über Belanglosigkeiten wie Gen-Mais oder Gen-Soja-Importe. Echte Revolutionen mit unabsehbaren Folgen – etwa die Möglichkeiten von CRISPR – diskutieren wir hingegen kaum. Das ist gefährlich. 

Gene auf dem Teller! Hilfe!

Ein bisschen Panik ist schnell geschürt: Achtung, dubiose Großkonzerne wollen unser Essen mit Genen vergiften! Mit unheilvollen Tricks manipulieren sie an der innersten Seele unserer Pflanzen herum. Statt der edlen, reinen Natur sollen wir dann gottlose Zombienahrung in uns aufnehmen. Wohin soll das führen?

Vorsicht ist immer gut – aber die Angst vor genmanipulierten Lebensmitteln wird heute auf recht skurrile Art übertrieben. Genmanipulationen, etwa bei Mais, Soja oder Tomaten, sind längst gängige Praxis, und bisher gab es keinen Fall, bei dem das zu irgendwelchen gesundheitlichen Problemen geführt hätte.

Gerne vergessen wir, dass wir Menschen die Gene unserer Nutzpflanzen manipulieren, seit der Ackerbau erfunden wurde. Mit ihren natürlichen Vorfahren haben unsere hochgezüchteten Pflanzen kaum noch etwas zu tun. Seit Jahrtausenden haben wir sie gezüchtet, gekreuzt, und verändert. Im 20. Jahrhundert begann man dann auch noch, diese Entwicklung künstlich zu beschleunigen: Obst und Gemüse wurde radioaktiv bestrahlt oder chemisch behandelt, um möglichst viele zufällige Genmutationen auszulösen. Hunderte oder tausende Gene werden bei so einem Eingriff verändert, auf völlig unkontrollierbare Weise. Manchmal hat man Glück, und es entstehen durch Zufall Nachkommen mit besonders positiven Eigenschaften. Auf diese Weise wurden beispielsweise neue Apfelsorten entwickelt, die wir alle gerne essen, und die in jedem Bioladen verkauft werden dürfen. 

Damit hat offenbar niemand ein Problem. Planlose, unkontrollierbare Mutationen dürfen ausgelöst werden – die Grenze zur gefährlichen Genmanipulation wird offenbar erst dann überschritten, wenn man gezielt und bewusst eingreift. Das ist ähnlich irrational, als würde man sich vor Schusswaffen fürchten und dem Streifenpolizisten seine Pistole wegnehmen, während man mit Freude einem egomanischen Schimpansen mit Augenbinde ein Maschinengewehr in die Hand drückt. 

Die echten Gefahren liegen anderswo

Die unnötige Diskussion über Gentech-Nahrungsmittel hat die öffentliche Aufmerksamkeit seit Jahren so sehr im Griff, dass wir in der Zwischenzeit völlig übersehen, über welche gentechnologischen Entwicklungen wir stattdessen dringend diskutieren sollen. Die Genmanipulations-Methode CRISPR/Cas9 hat in den letzten Jahren die Gentechnologie von Grund auf revolutioniert. Plötzlich ist es möglich, mit verblüffend geringem Aufwand zielgenau Gene zu verändern. Dabei kann man nicht nur in das Genom der nächsten Generation eingreifen, man kann neue DNA-Stücke in die Zellen eines lebenden Organismus einbringen und ihn dadurch genetisch umprogrammieren. Das eröffnet großartige Chancen, Krankheiten zu heilen – aber es bringt auch unabsehbare Risiken mit sich. So gibt es etwa Überlegungen, wie man bei Ratten zu Forschungszwecken Lungenkrebs hervorrufen könnte, indem man sie Viren einatmen lässt, die dann mit Hilfe der CRISPR-Technologie die Lungenzellen verändern. Welche Missbrauchsmöglichkeiten solche Technologien bieten, können wir uns heute kaum vorstellen.

Bemerkenswerte Möglichkeiten bieten auch sogenannte Gene-Drives: Normalerweise breitet sich ein neues Gen nicht besonders schnell in einer Population aus, weil die Nachkommen eines genmanipulierten Lebewesens 50% ihres Genmaterials von einem anderen, nicht manipulierten Elternteil bekommen. Doch Gene-Drive-Technologien können diese Regel aushebeln. Spezielle Enzyme schneiden die gewöhnliche Gen-Variante heraus, die Gene-Drive-Variante kann sich praktisch ungehemmt ausbreiten. Das ließe sich für den Kampf gegen gefährliche Schädlinge nutzen – oder auch für ziemlich gefährliche Dinge.

Starten wir eine Diskussion!

Wir brauchen eine Gentechnik-Diskussion auf solider, wissenschaftlicher Basis. Panik und Angst vor allem, was mit Genen zu tun hat, ist genauso dumm wie ein Ignorieren drohender Gefahren. Aber momentan betreiben wir eine Kombination beider Fehler: Wir diskutieren mit viel Enthusiasmus über relativ banale, ungefährliche Nebenthemen, während wir von echten Zukunftsfragen nicht wirklich etwas wissen wollen. 

Es ist, als hätten wir das Schießpulver entdeckt und würden diskutieren, ob man es verbieten soll, weil besonders helle Feuerwerke vielleicht die Augen schädigen könnten. Das mag schon sein, aber es ist ein Detail, mit dem man sich nicht aufhalten sollte. Die Gefahren von Schießpulver liegen wo anders. Und die Gefahren moderner Gentechnik, über die wir dringend reden sollten, liegen nicht auf unseren Tellern. Diskutieren wir gemeinsam, wie wir damit umgehen sollen!
 

© Bild: Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.