Meinung

Haarspalterei ist keine Wissenschaft

Präzision ist wichtig in der Wissenschaft, das gilt auch für die Sprache. „Wasser wird bei Hitze irgendwie so blubberig“ ist eher keine wissenschaftliche Ausdrucksweise. „Wasser geht bei 100 Grad Celsius und typischem Luftdruck auf Meereshöhe von einem flüssigen in einen gasförmigen Zustand über“ ist deutlich präziser.

Und so ist es kein Wunder, dass wissenschaftlich geschulte Menschen an der eher lockeren Ausdrucksweise, wie sie im Alltag und auch in den Medien üblich ist, oft etwas auszusetzen haben. Das ist manchmal durchaus berechtigt. Manchmal aber ist es einfach nur unnötige Besserwisserei.

Die Erde ist doch keine Kugel!

Es genügt bereits, in der Öffentlichkeit zu sagen: „Die Erde ist nicht flach, sondern eine Kugel, auf einer Kreisbewegung um die Sonne.“ Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird dann irgendjemand den Zeigefinger erheben und mit selbstbewusstem Leuchten in den Augen verkünden: „Das kann man so nicht sagen! Aufgrund ihrer Eigenrotation ist die Erde keine perfekte Kugel, sondern genaugenommen ein sogenanntes Geoid! Und von Kreisbewegung kann man auch nicht sprechen, es handelt sich um eine Ellipse!“

Wer so argumentiert, hat zwar recht – aber nicht wirklich verstanden, worum es in der Wissenschaft geht. Das Ziel ist nicht, immer den höchstmöglichen Grad an Präzision zu erreichen, sondern jenen Grad an Präzision, der gerade gebraucht wird. Wenn ich eine Gartenmauer brauche und der Maurer stundenlang Präzisions-Laseranlagen montiert, um die Mauer auf Zehntelmikrometer genau auszurichten, werde ich mich darüber nicht freuen. Das ist unnötig und verwirrt mehr als es hilft.

Wenn ich die Dauer eines Transatlantikfluges berechnen will, verwende ich dafür nicht die Präzisionsformeln der Relativitätstheorie, und wenn ich eine Küchenlampe auswähle, sind mir Quanteneffekte egal. Bei Sprache ist es auch so: Der höchste Grad an Genauigkeit ist manchmal eher störend als nützlich.

Ja, wir wissen, dass die Erde keine perfekte Kugel ist und sich nicht auf einem perfekten Kreis um die Sonne bewegt. Aber wenn man einfach nur eine intuitiv einleuchtende Vorstellung der Himmelsmechanik erzeugen will, ist das eine angemessene und hilfreiche Ausdrucksweise.

Ha! Erwischt!

Manche Leute scheinen fast darauf zu lauern, irgendwo eine sprachliche Ungenauigkeit aufdecken zu dürfen. Wehe, irgendjemandem rutscht ein wissenschaftlich falsches Wort wie „Walfisch“ oder „Energieerzeugung“ über die Lippen! Wenn in der Politik jemand stolz von einem „Quantensprung“ spricht, wird das oft genüsslich kritisiert: „Wie kann man das nur sagen! Ein Quantensprung ist doch etwas winzig Kleines!“ Das mag sein – aber wo ist das Problem? Wer von einem „Quantensprung“ spricht, will damit ausdrücken, dass es sich nicht um eine gemächliche, kontinuierliche Entwicklung handelt, sondern um einen abrupten, sprunghaften Wandel. Das gibt es bei den Quantenteilchen genau wie in der Politik. Warum soll man sich also nicht diesen Ausdruck aus der Physik ausleihen?

Pingelige Biologen seufzen, wenn jemand sagt, dass der Mensch vom Affen abstammt. Die Affen im Zoo sind schließlich nicht unsere evolutionären Vorfahren, sondern unsere evolutionären Geschwister! Sie haben sich parallel zu uns aus gemeinsamen Vorfahren entwickelt, die es so heute nicht mehr gibt. Aber würden wir diese gemeinsamen Vorfahren heute sehen, wir würden sie wohl als Affen bezeichnen. Dann ist die Behauptung, dass wir von Affen abstammen, aber wieder korrekt.

Sprachliche Präzision ist wichtig, wenn sie Missverständnisse verhindern kann. Wer aber mit erhobenem Zeigefinger sprachliche Präzision einfordert, obwohl die Gefahr eines Missverständnisses gar nicht besteht, will damit oft nur die eigene Überlegenheit demonstrieren – und das ist schlechter Stil. Es ist schön, wenn man etwas besser weiß. Aber man muss deswegen noch lange kein Besserwisser sein.

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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