© Mauricio Antón

Meinung

Planet der Menschen

Künstlerische Darstellung der Mammutsteppe (Mauricio Antón, CC BY 2.5)

„Sitz nicht immer nur zu Hause“, sagen mir alle. „Geh mal raus in die Natur!“ Aber wo genau ist diese Natur eigentlich? Welche Adresse muss ich dafür in den Routenplaner eingeben?

Ich kann durch den Wald spazieren, zwischen regelkonform angepflanzten Fichten für die Holzindustrie. Ich kann am Fluss entlangwandern, dort wo vor Jahrhunderten noch ausgedehnte Sumpflandschaft war. Heute ist dort alles so sauber, dass ich danach nicht einmal meine Schuhe putzen muss. Ist das Natur?

Wirklich unberührte Natur ist selten geworden. Welcher Anteil der weltweiten Landfläche ist noch naturbelassen? Dazu gibt es Studien mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen – es hängt stark davon ab, was man unter „naturbelassen“ versteht.

Die Wiederauferstehung der Mammutsteppe

Wie kompliziert diese Frage sein kann, zeigt sich etwa in den sibirischen Wäldern. Sie gehören zu den naturbelassensten Regionen der Welt. Kilometerweit keine Menschen, keine Straßen, keine Siedlungen. Und trotzdem würde es dort ohne Menschen völlig anders aussehen. Vor zehntausenden Jahren gab es dort keinen Wald, sondern die sogenannte Mammutsteppe. Statt hoher Bäume wuchs dort Gras. Es war ein bisschen wie eine kalte Version der afrikanischen Savanne – mit Mammuts statt Elefanten, wolligen Pferden statt Zebras und Moschusochsen statt Gnus. Dazwischen lebten Steppenbisons, Saiga-Antilopen und Höhlenlöwen.

Dass diese bunte Vielfalt an Tieren verschwand, lag wahrscheinlich an unseren Vorfahren. Als sie kamen und zu jagen begannen, wurden die Herden kleiner, heranwachsende Bäume wurden nicht mehr so häufig niedergetrampelt. Wälder überwucherten das Grasland und so verschwand die Lebensgrundlage vieler Spezies. Das Ökosystem hat sich durch den Menschen radikal verändert, und das kehrt sich auch dann nicht um, wenn der Mensch sich dort zurückzieht.

Weit im Osten Russlands gibt es nun allerdings den Versuch, diese Mammutsteppe zurückzubringen. Im „Pleistocene Park“ will man gezielt große Tiere ansiedeln, um dort wieder Grasland entstehen zu lassen. Das könnte positive Auswirkungen für das Klima haben: Tiere sorgen nämlich dafür, dass die Schneedecke im Winter nicht so dick wird. Dadurch würde der Boden im Winter stärker abkühlen, und das stoppt das Auftauen des Permafrostbodens, das klimaschädliches Methangas freisetzt. Außerdem könnte das Grasland dort große Mengen CO2 aus der Atmosphäre speichern.

Darf man das?

Die Frage ist nun: Darf man das? Ist es klug, ein Ökosystem auf diese Weise umzubauen? Wir Menschen haben schon so oft mit verheerenden Folgen in die Natur eingegriffen – sollten wir die Natur nicht einfach in Ruhe lassen? Das ist natürlich schwer zu beantworten. Aber die Vorstellung, die Natur könnte einfach in einen unberührten Ursprungszustand zurückkehren, wenn wir uns jetzt einfach nicht mehr einmischen, ist so nicht richtig. Diese Chance ist längst vorbei.

Wir Menschen haben unseren Planeten stärker im Griff als uns oft bewusst ist. Wenn wir uns Natur-Dokus ansehen, bekommen wir ein Bild von einer natürlichen Wildnis präsentiert, in die der Mensch hier und dort eingreift. Diese Sichtweise ist mittlerweile falsch. Wir sind kein Eingriff, wir sind der systemdominierende Faktor. Wir sind kein störendes Nebengeräusch, wir spielen die tragende Melodie. Wir sind nicht bloß Teilnehmer im großen Spiel der Natur, wir haben sämtliche Spielregeln neu geschrieben. Der überwiegende Großteil der Säugetiere auf diesem Planeten (in Biomasse gerechnet) besteht aus Menschen oder aus von Menschen gehaltenen Nutztieren. Ein großer Teil der Pflanzen wächst nur deshalb, weil Menschen das so wollen.

Aus großer Macht folgt große Verantwortung

Wir Menschen haben den Planeten an uns gerissen. Ob das in dieser Radikalität eine gute Idee war oder nicht – wir haben dadurch jedenfalls auch Verantwortung übernommen und die können wir nicht einfach abgeben. Ein Kapitän kann auch nicht nach der Kollision mit einem Eisberg sagen: „Es war schön der Boss zu sein, aber jetzt mag ich nicht mehr! Ich lasse das Schiff besser in Ruhe und bin dann mal in meiner Kajüte!“ So funktioniert das nicht.

Und deshalb ist ein Projekt wie der „Pleistocene Park“ zumindest ein interessantes Experiment. Wir müssen das tun, was für das Leben auf diesem Planeten am besten ist. Ob das bedeutet, Ökosysteme in Ruhe zu lassen, oder sie aktiv zu reparieren, muss man wohl von Fall zu Fall wissenschaftlich untersuchen. Fest steht: Ein leckgeschlagenes Schiff muss man möglichst rasch wieder seetauglich kriegen. Dafür muss man etwas tun. Die Kapitänsmütze über Bord zu werfen und zu hoffen, dass sich das Problem von selbst löst, ist irgendwann keine Option mehr.

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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