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Meinung

Immer Ärger mit der Sommerzeit

In einer Woche müssen wir unsere Uhren wieder eine Stunde nach vorne stellen

Jedes Jahr dasselbe Ritual: Die Sommerzeit kommt. Eine Stunde verlieren wir, weil sie offiziell gestrichen wird. Und eine weitere Stunde vergeuden wir, indem wir mit abenteuerlichen Tastenkombinationen laut fluchend versuchen, die Backrohr-Uhr umzustellen. Und mit derselben Unerbittlichkeit, mit der uns der Wecker morgens aus dem Bett klingelt, bricht auch jedes Jahr dieselbe Diskussion über uns herein: Soll man diese Uhrenumstellerei nicht einfach bleiben lassen?

Ist das nicht eine Frage, die man streng wissenschaftlich beantworten kann? Können wir nicht einfach in einem exakt durchgeführten Experiment herausfinden, ob die Uhrenumstellung sinnvoll ist? Leider ist die Sache nicht ganz so einfach.

Chronobiologie: Die Wissenschaft vom richtigen Rhythmus

Die Wissenschaftsdisziplin, die für solche Fragen zuständig ist, heißt „Chronobiologie“. Sie beschäftigt sich mit unserer inneren Uhr, mit unserem Schlafverhalten und dem Zusammenhang zwischen menschlicher Aktivität und Sonnenlicht. Wie sich zeigt, tickt die innere Uhr nicht bei allen Leuten gleich. Unsere Gene bestimmen, ob unser innerer „biologischer“ Tag etwas kürzer oder etwas länger als 24h dauert. Unterschiedliche Schlafbedürfnisse sind tatsächlich teilweise angeboren.

Wenn wir also diskutieren, ob wir die Sommerzeit abschaffen sollen, müssen wir die Erkenntnisse der Chronobiologie selbstverständlich berücksichtigen. Aber wer so tut, als gäbe diese Forschungsdisziplin eine klare Antwort auf eine gesellschaftlich komplizierte Frage, macht es sich zu leicht.

Oft unterschätzen wir bei politischen Entscheidungen die Bedeutung wissenschaftlicher Fakten. Aber hier haben wir es mit einem Fall zu tun, wo wissenschaftliche Fakten eher überschätzt werden: Mit wissenschaftlich-ernster Miene wird dann von Experten verkündet: „Wir wissen ja, dass die Sonne eigentlich um 12 Uhr im Zenit stehen muss!“ Woher wissen wir das? Steht das in den Naturgesetzen?

Nein, natürlich nicht. Die Uhrzeit ist nur eine Zahl, eine bedeutungslose soziale Konvention. Ob wir den Zeitpunkt, an dem die Sonne am höchsten steht, nun „12:00“ nennen, oder „13:00“ oder „Stunde der goldenen Gebirgsziege“ ist völlig egal. Wir könnten uns auch weltweit darauf einigen, überall die Uhren nach der Zeitzone von Manila zu stellen. Dann stünde die Sonne in Mitteleuropa um 19:00 am höchsten. Die Schulen würden um 15:00 beginnen, und um 5:00 wären wir dann müde. Das wären ungewohnte Zahlen, aber chronobiologisch wäre das völlig in Ordnung.

Eine Frage der Kultur

Es ist sinnlos zu verkünden, was die eigentlich korrekte Uhrzeit wäre, ohne gleichzeitig darüber zu reden, welche sozialen Konventionen wir mit der Uhrzeit verknüpfen: Wir richten unseren Tag nicht symmetrisch um die Mittagsstunde herum aus. Wir sind nach Mittag viel länger wach als vor Mittag. Die Schulen beginnen meist um 8:00, Abendveranstaltungen beginnen meist um 20:00.

Die entscheidende Frage, bei der uns die Chronobiologie sicher helfen kann, ist: Passen diese sozialen Konventionen zu unserer inneren Uhr? Viele Leute mögen es nicht, im Winter zur Arbeit gehen zu müssen, wenn es noch dunkel ist. Andererseits ist es sinnlos, wenn es im Sommer zu einer Zeit bereits hell ist, zu der laut sozialer Tagesablauf-Konvention üblicherweise noch geschlafen wird, und es dafür abends dunkel wird, wenn wir eigentlich gerne noch aktiv wären.

Die Frage ist also nicht: Was ist die wissenschaftlich korrekte Zahl, mit der wir die Mittagsstunde benennen sollen, sondern: Wie regeln wir unsere sozialen Konventionen so, dass unsere innere Uhr zum Sonnenlicht passt? Und nachdem das Sonnenlicht nun einmal im Sommer viel früher beginnt als im Winter, kann es uns durchaus guttun, im Sommer auch den sozialen Konsens über den Tagesbeginn ein bisschen nach vorne zu verschieben. So gesehen ist die Sommerzeit-Uhrenumstellung eigentlich ein Entgegenkommen an die innere Uhr – nicht ein Verstoß dagegen.

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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