kurier.at events.at motor.at film.at k.at schautv.at profil.at lust-auf-oesterreich.at
© Bild: APA/HELMUT FOHRINGER / HELMUT FOHRINGER
Science
08.05.2020

Chef-Epidemiologin rät: Kein Abbusseln, keine U-Bahn-Telefonate

Die leitende Epidemiologin der AGES, Daniela Schmid, im Interview über die Ansteckungsgefahr in Öffis, Supermärkten und Schulen.

Die Medizinerin Daniela Schmid leitet die epidemiologische Abteilung der Gesundheitsagentur AGES. Zusammen mit ihrem Team analysiert sie unermüdlich, wo und unter welchen Rahmenbedingungen sich das Coronavirus in Österreich verbreitet.

futurezone: Bislang konnte die AGES erst ein Viertel der über 15.000 Erkrankten dezidierten Ansteckungsumgebungen – Freizeit, Haushalt, Arbeitsplatz, Heime – zuordnen. Wurden nur die Fälle der ersten Wochen oder nur eindeutig nachverfolgbare abgearbeitet?
Daniela Schmid: Nein. In der zuletzt publizierten Clusteranalyse waren bereits viele aktuelle Fälle enthalten. Wir arbeiten retrospektiv weiterhin auch ältere Hotspots ab, um noch besser zu verstehen, in welchen Settings sich das Virus etwa auch seit Ostern verbreitet hat. Derzeit liegt der Fokus aber stark auf aktuellen Hotspots. Tritt in einem Bezirk eine Steigerung von mehr als vier Fällen innerhalb von 7 Tagen auf, werden wir sofort aktiv und versuchen, Zusammenhänge schnell aufzulösen.

In Öffis und Geschäften konnten der Cluster-Analyse zufolge bisher keine Ansteckungen nachgewiesen werden. Wie sicher ist das U-Bahnfahren und Einkaufen wirklich?
Nur weil wir keine Fallhäufungen direkt auf diese Orte zurückführen können, heißt das natürlich nicht, dass man sie für die potenzielle Virusverbreitung ausschließen kann. Es geht immer um den möglichen Tröpfchenaustausch – was bei engem Kontakt auch schon beim Sprechen passieren kann. Beim Einkaufen im Supermarkt ist das ein unübliches Szenario. Es wird im Normalfall wenig bis gar nicht mit fremden Personen gesprochen, an der Kassa schützt ein Plexiglas. Und sollte man tatsächlich ansteckend sein, schützt der Mund-Nasenschutz vor der Tröpfchenfreisetzung.

Das heißt der Mund-Nasenschutz wird uns bis auf Weiteres erhalten bleiben?
Die Frage, ob Maske oder nicht, greift meines Erachtens zu kurz. Gerade wir Europäer müssen unser Hygieneverhalten auf Basis der während der Epidemie gemachten Erfahrungen wohl grundsätzlich ändern. Das geht vom reduzierten "Kissing Contact", also dem Verzicht auf Abbusseln bei der Begrüßung, bis hin zu sorgfältigem Händewaschen, wenn ich in öffentlichen Bereichen wie Toiletten, Restaurants oder eben Öffis war. Auch das Telefonieren in der U-Bahn, wo ich das Gegenüber durch das Reden meinen Tröpfchen aussetze, ist wenig rücksichtsvoll.

© Bild: APA/HANS PUNZ / HANS PUNZ

Weil Sie Europa ansprechen – inwiefern machen das andere Kulturen anders oder besser?
Personen aus dem asiatischen Raum tragen die Mund-Nasenmaske aus Höflichkeit, um andere zu schützen. In Ländern wie Neuseeland sind Desinfektionsspender im Supermarkt Standard. Das sollte auch bei uns so sein, das könnte man sich auch für Öffis überlegen. 

Für Diskussion sorgt seit der Clusterpräsentation auch die Information, dass keine Ansteckungen auf Schulen oder Kindergärten zurückzuführen waren.
Das möchte ich präzisieren. Anders als bei typischen Masern-, Röteln- oder Mumpsausbrüchen waren Schulen und Kindergärten nicht der Ort für die von uns ermittelten Clusterquellen. Kinder waren auch nicht der Beginn der Übertragungsketten, sie waren aber sehr wohl Teil davon - etwa im Haushalt oder bei Freizeitaktivitäten, wie dem gemeinsamen Skikurs. Daher kann man auch nicht ausschließen, dass Kinder ansteckend sein können.

Wie viel weiß man darüber, ob Kinder Überträger des Virus sind?
Der aktuelle Forschungsstand ist, dass Kinder im Rahmen einer Infektion eine vergleichbare Viruslast wie Erwachsene aufweisen. Bei asymptomatischen Verläufen, die bei Kindern häufig beobachtet wurden, ist es umso schwieriger herauszufinden, welche aktive Rolle sie bei der Übertragung spielen. Wir arbeiten aber mit Hochdruck daran, das Infektions- und Transmissionsrisiko von Kindern anhand der bereits bekannten Cluster noch genauer zu erheben.

Sind wir für Schulöffnungen angesichts der fehlenden Erkenntnisse ausreichend vorbereitet?
Das Risiko bleibt überschaubar, da es ja Vorsichtsmaßnahmen wie ein ausreichender Abstand beim Sitzen und das Tragen von Mund-Nasenschutz gibt. Auch werden nicht alle Kinder vor den Ferien zurückkehren, da dies auf freiwilliger Basis passiert. Aber wir werden natürlich auch diese Lockerungsmaßnahme und etwaige Auswirkungen genau im Auge behalten. Bei den aktuellen Neuerkrankungen spielen Kinder jedenfalls weiterhin keine signifikante Rolle.

Daniela Schmid

© Bild: APA/HELMUT FOHRINGER / HELMUT FOHRINGER

Welche Freizeitaktivitäten sind eigentlich besonders riskant? Die publizierte Cluster-Auswertung der AGES blieb diesbezüglich ja recht unkonkret.
Wir wollten bewusst nicht einzelne Aktivitäten herausgreifen und an den Pranger stellen. Meist geht es ja nicht um diese selbst, sondern das Drumherum. Die Menschen haben sich nicht beim Skifahren angesteckt, sondern in den feuchtfröhlichen Après-Bars. Bei vielen Sportarten ist es auch so, dass die Übertragung nicht währenddessen, sondern beim engen Kontakt in der Umkleidekabine oder beim gemeinsamen Zusammensitzen danach passiert. Dass die einstündige Chorprobe auf engem Raum oder Tanzen, wo im nahen Kontakt viel gesprochen wird, riskanter sind als Badminton zu spielen, liegt aber auf der Hand.

Wie bedenklich sind die zuletzt wieder gestiegenen Zahlen in Wien?
Die neu aufgetretenen Fälle konnten wir den Cluster-Settings Haushalt, Arbeitsstätte und Unterkunft für Asylsuchende zuordnen. Da solchen Hotspots sofort aktiv nachgegangen wird und sämtliche Kontaktpersonen getestet werden, werden so auch symptomlose Fälle entdeckt, die in der ersten Phase unentdeckt geblieben wären. Dieses umfangreiche Testen führt bei den aktuell geringen Fallzahlen dazu, dass es vorübergehend zu einem scheinbar sprunghaften Fall-Anstieg kommt.

Sie verfolgen mit ihrem Team sonst Ausbrüche gut erforschter Krankheiten wie Masern, Röteln oder Influenza. Wie schwierig war es, die Verbreitungswege des neuen Virus Covid-19 zu verstehen?
Die Vorgehensweise ist die gleiche wie bei anderen meldepflichtigen Erkrankungen. Ist ein Infektionsfall bekannt, muss man zusammen mit regionalen Behörden herausfinden: Wo bzw. bei wem hat sich die Person angesteckt? Mit wem hatte sie nach der Infektion Kontakt? Gibt es Folge-Fälle? 

Was macht die Eindämmung des Virus so kompliziert?
Die Geschwindigkeit der Verbreitung. Beim neuen Coronavirus kann man bereits ein bis zwei Tage vor dem Beginn der Beschwerden ansteckend sein. Dazu kommt, dass viele - gerade aus der agilen Personengruppe zwischen 20 und 64 - nur milde Symptome verspüren. Die Gesundheitsbehörde greift ein, sobald ein Fall bekannt ist. Bei Covid-19 können dann aber bereits ansteckende Folgefälle aufgetreten sein, die noch nicht identifiziert sind.

Ist das auch der Unterschied zu anderen Epidemien?
Bei Masern beträgt die minimale Inkubationszeit 7 Tage. Das ist wertvolle Zeit, um bei einem erkannten Ausbruch gegenzusteuern. Die echte Grippe wiederum zwingt auch eine jüngere Person in die Knie. Sie bleibt zuhause im Bett, wodurch die Übertragungskette gestoppt wird. Das ist bei milden Verläufen von Covid-19, bei denen Menschen arbeiten gehen oder Freizeitaktivitäten ausüben können, leider anders.

Gibt es eine Botschaft, die Sie der Bevölkerung für die kommenden Wochen mitgeben möchten?
Das Um und Auf ist Eigenverantwortung: Sei es, was das eigene Hygieneverhalten betrifft, aber auch die generelle Rücksichtnahme auf andere. So kann man mit einigen einfachen Regeln nicht nur sich, sondern vor allem auch andere schützen.