Family having dinner on Christmas eve.

© Getty Images / gilaxia/istockphoto

Science
05/06/2020

Wo sich die Österreicher mit dem Coronavirus infizieren

Die Gesundheitsagentur AGES hat die Übertragungsketten von über 3.800 Infizierten bereits rekonstruiert.

von Martin Stepanek

Wie sich das Coronavirus in der Bevölkerung verbreitet, ist und bleibt eine der wichtigsten Fragen, um dessen unkontrollierte Ausbreitung verhindern zu können. Seit Beginn des Ausbruchs rekonstruiert die österreichische Gesundheitsagentur AGES die Infektionsketten mithilfe lokaler Behörden genau nach. Daraus ergeben sich sogenannte Cluster, in denen zeitlich wie räumlich zusammenhängende Infektionshäufungen zusammengefasst werden.

Keine Ansteckung in Öffis

Nachdem die Epidemiologen der AGES auf diese Weise Anfang April nachweisen konnten, dass mehr als die Hälfte der frühen Fälle sich nach Ischgl nachverfolgen ließen, und den Tiroler Skigebieten mit Paznaun und Arlberg generell eine besondere Rolle bei der Covid-19-Verbreitung in Österreich zukommt, hat die Agentur nun weitere Erkenntnisse zu den Verbreitungswegen veröffentlicht. Was auffällt: Neben Ansteckungen bei Freizeitaktivitäten und in der eigenen Familie passierten viele der zurückverfolgten Infektionen in Senioren- und Pflegeheimen.

++ THEMENBILD ++ CORONAVIRUS: SITUATION IN DEN ÖFFENTLICHEN VERKEHRSMITTELN

Bis 5. Mai konnten 3.822 der über 15.500 Erkrankten einem von mittlerweile 169 Clustern zugeordnet werden. Leichte Entwarnung gibt es nach jetzigem Wissensstand hinsichtlich der Benützung öffentlicher Verkehrsmittel und dem Besuch von Geschäften wie Supermärkten. Denn nach Abgleich der Infizierten-Gruppen konnte bislang keine einzige Infektionskette belegt werden, die auf eine Ansteckung in öffentlichen Verkehrsmittel oder im Handel zurückgehe, teilte die AGES der futurezone mit.

Heime und Haushalt

Anders sieht es in Senioren-, Alten- und Pflegeheimen aus. So konnten 1.127 Fälle (29,5 Prozent) auf Ansteckungen in Heimen zurückverfolgt werden. Das beinhaltet neben den Heimbewohnern auch Pflegepersonal und Folgefälle in deren Haushalt. Da die Ansteckung nicht immer eindeutig eingegrenzt werden kann, werden Infektionen auch in Clustern mit mehreren Parametern erfasst. So kommen zu der oben genannten Gruppe noch 199 Fälle hinzu, bei denen Freizeitaktivitäten zusätzlich zur Heimsituation eine Rolle spielten.

Wenig überraschend passierten viele Ansteckungen bisher im Kreis der eigenen Familie bzw. unter Freunden. So führt die AGES 1.075 Fälle (28,1 Prozent) unter der Cluster-Kategorie "Freizeitaktivität und Haushalt". Das bedeutet, dass sich Menschen etwa beim Skifahren angesteckt haben und das Virus in den Haushalt einschleppten. Dezidiert nur durch Freizeitaktivitäten wie Skifahren, Chorbesuch und Fitness-Center steckten sich knapp zehn Prozent der nachverfolgten Fälle an. Bei 280 Personen bzw. 7,3 Prozent konnte die Ansteckung direkt auf die eigene Familie bzw. Freunde zurückgeführt werden.

Relativ wenige Infektionen konnten eindeutig dem Arbeitsplatz zugeordnet werden (2,4 Prozent), wenngleich der Cluster "Haushalt und Arbeitsplatz" mit 12 Prozent Anteil einigen Interpretationsspielraum lässt. Angesichts der seit März praktizierten Home-Office-Regelungen überrascht der niedrige Wert allerdings kaum. Als positive Nachricht gilt, dass Krankenhäuser mit 149 von 3.822 nachverfolgten Fällen unauffällig waren. In Italien etwa eskalierte die Situation nicht zuletzt auch deswegen, weil sich so viel Gesundheitspersonal infizierte. Das dürfte in Österreich nicht der Fall gewesen sein.

Menschen werden schnell infektiös

Einige Vermutungen haben sich durch die Cluster-Analyse der AGES aber leider ebenfalls bestätigt. So können Infizierte das Virus bereits übertragen, bevor sie selbst Symptome zeigen. Die Übertragung auf andere Menschen erfolgt meist binnen 3 bis 5 Tage nach einer Ansteckung, was die Kontaktpersonen-Erhebung zu einem Wettlauf mit der Zeit macht. Denn jeder Folgefall der ursprünglichen Infektionsquelle kann seinerseits wieder Personen anstecken und eine riesige Infektionskette nach sich ziehen.

Bei jeder der überprüften Infektionsketten gab es einen direkten Kontakt zwischen Menschen. Als Hauptübertragungsweg fungierte die Tröpfchen-Übertragung. Das Händewaschen, aber auch physische Distanz zu anderen Personen bleibe jedenfalls unerlässlich, um die Verbreitung zu unterbinden.

So infektiös das Virus gilt, kann man es im Normalfall allerdings nicht einfach beim Vorbeigehen einer infizierten Person oder durch kurzen Kontakt beim Einkaufen aufschnappen. So muss man zumindest 15 Minuten mit geringem Abstand von unter ein bis zwei Meter einem Virusträger ausgesetzt sein. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Kontakt eine Viertelstunde am Stück oder 3 Mal 5 Minuten verteilt stattgefunden hat.

Cluster A: Ein Infizierter steckte 61 Personen an

Welche Auswirkungen eine zu spät entdeckte Infektion in Kombination mit Sozialkontakten haben kann, zeigt der erste in Österreich nachgewiesene Cluster „A“. Ein Wiener, der das Virus aus Mailand eingeschleppt hatte, konnte die einer Verkühlung gleichenden Symptome nicht richtig einordnen und hatte bis zu seinem Test vier Tage nach der Rückkehr aus Italien Sozialkontakte. Da auch diese Kontakte das Virus teilweise weitergaben, verzweigte sich die Infektionskette in sechs Fallgenerationen weiter. 61 Personen wurden letztlich infiziert.

In der jetzigen Phase des Ausbruchs ist es bereits nicht mehr möglich die Infektionskette bei jedem Erkrankten in Echtzeit nachzuverfolgen. Die Zahl der abgeklärten Fälle und ihre Zuordnung zu Clustern ändern sich daher täglich. Mit fortschreitender Epidemie sind aber auch die Transmissionsketten kürzer geworden, wie die AGES ausführt.

Kette wird schneller unterbrochen

Das Bewusstsein innerhalb der Bevölkerung über Symptome und Risikogebiete sei kontinuierlich gewachsen, dadurch würden die Menschen bei Verdacht schneller Kontakt mit Ärzten und Gesundheitsbehörden auf. In der Folge können Containment-Maßnahmen wie Quarantäne, Abstandsregeln oder auch mechanische Barrieren schneller umgesetzt werden - die Transmissionskette wird dadurch schneller unterbrochen.

Aus den Beobachtungen und Rekonstruktionen der Vergangenheit kann die Wirksamkeit bestimmter Maßnahmen evaluiert und wichtige Erkenntnisse für die Zukunft gewonnen werden. Auch die nun schrittweise geplanten Lockerungen und deren Auswirkung auf die weitere Verbreitung des Virus können so überwacht werden.

Wie ein AGES-Sprecher der futurezone bestätigte, sollen die nun publizierten Cluster-Daten fortan in regelmäßigen Abständen aktualisiert und auf der Homepage publiziert werden.