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Pläneschmieden gegen Killer-Asteroiden: Abwehr-Konferenz in Wien

Im Büro der Vereinten Nationen in Wien versammeln sich diese Woche hochrangige Vertreter*innen aus der ganzen Welt. Sie besprechen im Rahmen der Planetary Defense Conference, was zu tun ist, sollte ein Asteroid auf Kollisionskurs mit der Erde sein. 

Ab einer Größe von 50 Metern könnte der Brocken großen Schaden anrichten. Entweder durch eine enorme Druckwelle nach der Explosion beim Atmosphäreneintritt, wie beim Tunguska-Asteroiden. Oder durch einen kilometerbreiten Einschlagkrater, wie er im US-Bundesstaat Arizona gefunden wurde. In so einem Ernstfall müssen Weltraumorganisationen reagieren können. Wie das auf der Erde und im All aussehen kann, verhandeln Forschende und Entscheidungsträger*innen noch bis Freitag. 

Berater*innen für Asteroiden-Bedrohungen

Ein wichtiger Schritt war die erfolgreiche DART-Mission der NASA, bei der eine Sonde die Flugbahn des Asteroidenmonds Dimorphos ablenken konnte. Darauf will man nun aufbauen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Space Mission Planning Advisory Group (SMPAG, ausgesprochen wie das Englische "same page"). Sie erhielt bereits 2013 von den Vereinten Nationen ein Mandat. Die verschiedenen Organisationen wie ESA, NASA und JAXA (Japan) setzen dafür Forscher*innen ein, die Pläne für verschiedene Bedrohungsszenarien gestalten.

Käme ein Objekt auf uns zu, dessen Richtung, Größe und Geschwindigkeit bekannt sind, wäre man vorbereitet: „Das haben wir uns schon überlegt, da kann ich eine Schublade öffnen und einen ersten Plan herausholen“, erklärt Detlef Koschny, der Vorsitzende von SMPAG, der futurezone. 

Dabei analysiert die Beratergruppe bekannte Asteroiden, deren Bedrohung von NASA und ESA größer als 0 geschätzt wird. Für sie wird dieser Plan erstellt, so Koschny. Auch neue Forschungsergebnisse, wie die aus der DART-Mission, fließen mit ein. Die Gruppe erleichtert und beschleunigt damit die Arbeit aller Forscher*innen, die einen verheerenden Einschlag verhindern wollen.

Wer haftet für die Folgen einer Abwehraktion?

Doch ihre Funktion ist nur beratend, erklärt Koschny. Handeln müssen die Weltraumorganisationen und Länder im Ernstfall selbst. Und das könnte Folgen haben. Zu den Aufgaben von SMPAG gehört auch das Abschätzen der Folgen einer Abwehrhandlung. So muss vorab klar sein, wer für Schäden haftet, die durch ein solches Manöver verursacht werden - etwa wenn der Asteroid durch das Ablenken an einem anderen Ort auf der Erde einschlägt.

SMPAG wird durch die Arbeit des Internationalen Asteroidenwarnnetzwerks (IWAN) ergänzt, die Pläne für den Katastrophenschutz ausarbeiten. Sie helfen als Äquivalent am Boden dabei, schnell auf Bedrohungen reagieren zu können, bevor eine humanitäre Katastrophe ausgelöst wird.

Österreich hat (k)einen Plan

Andreas Herndler, Leiter des Krisenmanagements im Klimaministerium, erklärte auf der Konferenz, in Österreich gebe es keinen dezidierten Plan für eine Bedrohung durch Asteroiden, allerdings seien generische Prozesse intakt. „Würde die Österreichische Weltraumorganisation von den Vereinten Nationen über eine Gefahr informiert werden, würden wir das Kabinett einberufen”, erklärt er während einer Paneldiskussion. Ähnliches sei zu Beginn der Corona-Pandemie passiert. 

Das Bewusstsein für die Notwendigkeit solcher Abwehrmechanismen wächst, sowohl in der Bevölkerung als auch bei den Entscheidungsträgern. „Das öffentliche Interesse ist ein Motor. Deswegen wollen wir das vielen Menschen sachlich, konzentriert und faktenbasiert nahebringenerklärt Richard Moissl, Leiter der Planetary Defense bei der ESA gegenüber der futurezone.

Die ESA hat vergangenen Herbst mit knapp 17 Milliarden Euro das bisher größte Budget von den Mitgliedstaaten erhalten, für die Weltraumsicherheit bleibt mit 225,9 Millionen Euro aber nur ein sehr geringer Teil davon übrig. „Das ist ein optionales Programm. Wir müssen immer den Mehrwert für die Menschheit und die Industrie darlegen. Irgendwann ist das Budget aufgebraucht und wir müssen die verfügbaren Mittel optimal einsetzen”, sagt Moissl.

Neomir blickt in Richtung Sonne

In den nächsten Jahren sollen diese Mittel für mehrere Missionen verwendet werden, die der Sicherheit des Planeten dienen werden. Dazu gehört das Aufbauen eines besseren Netzwerks zum Finden von Asteroiden. Doch das hat derzeit noch ein riesiges Problem: „Seit Anbeginn der Menschheit gibt es in der Hälfte der Zeit extreme Lichtverschmutzung, nämlich den blauen Himmel, den uns die Sonne jeden Tag schenkt”, erklärt Moissl.

Neomir

Das verhindert, dass auf der Tagseite Objekte gefunden werden können. Mit der europäischen Neomir-Mission soll 2030 diese Lücke geschlossen werden. Die Sonde soll schnell den Himmel abscannen und kleinere Objekte finden. Sie ergänzt die NEO-Surveyor-Mission der NASA, die mit langen Tiefenscans des inneren Sonnensystems nach Körpern ab 140 Metern Größe sucht. 

Ansturm auf Apophis

Eine weitere wichtige Mission wird das Erkunden des Asteroiden Apophis sein. 2029 wird der schätzungsweise 340 Meter breite Asteroid nahe an der Erde vorbeifliegen. Das soll für eine Beobachtung genutzt werden: „Wir haben eine sehr kurze Entwicklungszeit. Wir müssen bis Mai 2027 starten”, beschreibt Moissl den Plan: „Momentan soll hierfür ein kleiner Cubesat, so groß wie ein Aktenkoffer, ins All gebracht werden.”

In den nächsten 100 Jahren sei der Asteroid kein Problem. „Über lange Zeiträume ist es nicht ausgeschlossen, dass er eins wird und wenn man ihn gut kennt, dann ist man super vorbereitet”, sagt der ESA-Wissenschaftler. Pläne Apophis zu untersuchen gibt es auch von der NASA, JAXA und anderen Organisationen. Ein so naher Vorbeiflug ist schließlich selten, das will jeder nutzen. Anders als bei der ESA handelt es sich dabei aber derzeit nur um Konzepte, keine konkreten Missionen.

Internationale Zusammenarbeit

Deutlich wird auf der Konferenz und im Gespräch mit Forschenden und Verantwortlichen, dass die Sicherheit der Erde nicht von einer einzelnen Weltraumorganisation allein abhängen wird. Internationale Zusammenarbeit ist bei der Abwehr von Asteroiden essenziell. Das Mindeste ist hier das Teilen von Daten mit anderen Ländern. 

Dabei sei es das Schlimmste für die Wissenschaft, parallel statt ergänzend zu arbeiten, so Moissl. Zwischen ESA und NASA funktioniert das hingegen vorbildlich. So wird weltweit gespannt auf HERA gewartet. Die Mission soll 2024 starten und wird von der ESA durchgeführt. Die Sonde wird in 3 Jahren untersuchen, welche langfristigen Auswirkungen das Aufschlagen der NASA-Sonde im Rahmen der DART-Mission auf den Asteroidenmond Dimorphos hatte. 

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Franziska Bechtold

frau_grete

Liebt virtuelle Spielewelten, Gadgets, Wissenschaft und den Weltraum. Solange sie nicht selbst ins Weltall kann, flüchtet sie eben in Science Fiction.

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