B2B
27.06.2018

Hoffen auf Prime Now: Amazon stellt in Wien Pakete selbst zu

Der Online-Versandhändler liefert ab Oktober in Wien selbst Pakete aus. Das könnte die Zustellung am gleichen Tag ermöglichen.

Der Online-Versandhändler Amazon wird künftig auch in Wien selbst Pakete zustellen. Das bestätigte ein Sprecher der österreichischen Post gegenüber der futurezone. Über entsprechende Pläne hatte bereits vor einigen Tagen die Online-Plattform Oe24 berichtet. Demnach soll der Dienst „Amazon Logistics“ bereits im Oktober an den Start gehen.

Amazon hat uns darüber in Kenntnis gesetzt, dass man künftig auch Eigenzustellung anbieten wird. Das hatten wir bereits erwartet und entsprechend in unseren Planungen berücksichtigt“, sagt David Weichselbaum, Pressesprecher der Post, gegenüber der futurezone. Amazon kommentierte eine Anfrage der futurezone relativ knapp: "Dazu hat Amazon keine Ankündigung gemacht."

Amazon Stellenausschreibungen

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Amazon investiert bereits seit Jahren in den Aufbau eines eigenen Zustellnetzes. In Deutschland ist Amazon Logistics schon seit 2015 aktiv und verfügt dort mittlerweile über fünf eigene Verteilzentren in der Nähe von Ballungsräumen wie München, Berlin und Frankfurt.

Hinweise auf ein entsprechendes Verteilzentrum von Amazon Logistics nahe Wien liefern mehrere aktuelle Jobausschreibungen. Für einen bislang unbekannten Amazon-Standort in Großebersdorf (Niederösterreich) werden Standortleiter, Schichtleiter, Bereichsleiter sowie ein Teamleiter Logistik gesucht. Die Jobausschreibungen wurden im Laufe der vergangenen acht Tage veröffentlicht.

Im Gegensatz zu anderen Lieferdiensten beschäftigt Amazon Logistics die Zusteller nicht selbst, sondern über lokale Partnerunternehmen, sogenannte DSPs (Delivery Service Provider). Diese sollen deutlich flexibler agieren als klassische Anbieter und legen beispielsweise auf Wunsch Pakete auch an ungewöhnlichen Orten, wie einem Gartenhaus, ab. In den USA gibt es mittlerweile auch „Amazon Key“, über das die Amazon-Boten einen digitalen Wohnungsschlüssel erhalten und die Pakete in der Wohnung oder dem Haus ablegen können.

In großen Märkten wie Deutschland, den USA und Italien bietet man mit „Locker“ auch eigene Zustellboxen an. Seit 2016 arbeitet man zudem am hauseigenen Drohnen-Lieferdienst „Prime Air“. Amazon lässt unter anderem an der TU Graz an der dafür erforderlichen Technologie forschen. In Deutschland testete man zudem 2015 gemeinsam mit DHL und Audi die Zustellung in den Kofferraum - die österreichische Post zog wenig später mit einem ähnlichen Pilotprogramm nach.

Post bleibt Amazon-Partner

Obwohl der US-Konzern mit Logistics einen direkten Konkurrenten aufbaut, bleibt die Post ein Partner des Unternehmens. „Wir werden weiterhin auch für Amazon zustellen“, so Weichselbaum. Ob das Volumen an Zustellungen durch „Amazon Logistics“ sinken wird, sei derzeit aber noch unklar. „Wir haben im Vorjahr mehr als 97 Millionen Pakete zugestellt. Wie sich das auf unser Geschäft auswirken wird, wird sich noch zeigen.“

Unklar ist ebenfalls, ob Amazon durch den Aufbau eigener Logistik-Infrastrukturen künftig auch in Wien Zustellung am gleichen Tag (Prime Now) oder frische Lebensmittel (Amazon Fresh) anbieten wird. Amazon gab bereits 2016 bekannt, dass man „Wien als Standort für Prime Now nicht ausschließe“. Diese Aufgaben könnte theoretisch auch die Post übernehmen. In Deutschland übernimmt beispielsweise die Deutsche Post die Zustellung von frischen Lebensmitteln. 

Die österreichische Post hat etwa erst kürzlich angekündigt, dass man künftig für die Kaffee-Marke „Nespresso“ in Wien, Graz und Linz Zustellung am gleichen Tag anbieten wird. „Wir wollen auch weiterhin die Nummer eins bleiben und haben deswegen auch ein entsprechendes Investitionsprogramm gestartet“, so Weichselbaum. „So bauen wir beispielsweise unsere Sortierkapazitäten aus, sodass künftig mehr als 100.000 Pakete pro Stunde sortiert werden können. Auch die Zahl unserer Empfangsboxen sollen verdoppelt werden.“

Gefährliche Abhängigkeit

Wie viele Amazon-Pakete in Österreich verschickt werden, ist unklar. Doch der US-Versandhändler dominiert auch in Österreich den E-Commerce-Markt. Auf die Top 3 der Branche – Amazon, Zalando und Universal – entfallen 40 Prozent aller Online-Umsätze. Wie gefährlich diese Abhängigkeit von einzelnen Anbietern für Logistiker sein kann, zeigt die Situation in Deutschland. Einem Bericht des Handelsblatts zufolge geriet DHL, die Pakettochter der Deutschen Post, in finanzielle Schwierigkeiten, da Amazon immer mehr Lieferungen selbst abwickelt. Die Abhängigkeit vom US-Versandhändler ist groß: 17,6 Prozent aller DHL-Pakete entfallen auf Amazon. Dieser Anteil könnte künftig deutlich sinken, auch aufgrund des harten Preiskampfes auf dem Logistikmarkt.