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Donaukanal heizt und kühlt neue Hochhäuser

Im Süden Wiens befindet sich eine der auffälligsten Baustellen der Stadt. In den vergangenen Monaten sind direkt am Donaukanal mehrere neue Hochhäuser in die Höhe geschossen. Die 3 Türme des Projekts Triiiple und der Austro Tower direkt daneben teilen sich ein innovatives Kühl- und Heizsystem. Dieses verwendet das Wasser des nebenan fließenden Flussarms, anstatt Gas oder Strom. Jedes Jahr werden dadurch künftig über 2.000 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen eingespart.

Temperaturtausch

Das Funktionsprinzip ist einfach. Wasser aus dem Donaukanal wird über Rohre in eine Energiezentrale gepumpt, die sich im zweiten Untergeschoss von einem der Triiiple-Türme über 700 Quadratmeter erstreckt. "Dort haben wir Wärme-Kälte-Kopplungen", erklärt Andreas Glatzl von der SEM Energie- und Gebäudemanagement GmbH, dem Entwickler der Anlage. "Das kann man sich vorstellen wie Wärmepumpen kombiniert mit Kühlschränken." Durch sie kann die Temperatur des hausinternen Heiz- und Kühlsystems mit jener des Donaukanalwassers ausgetauscht werden. "Im Sommer geben wir Wärme an das Donaukanalwasser ab, im Winter ziehen wir sie heraus."

Auch beides gleichzeitig ist möglich, etwa um kühle Luft und warmes Wasser in Wohnungen zu leiten. Rund 110.000 Quadratmeter Wohn- und Bürofläche werden so versorgt. In der Energiezentrale sind die Rohrsysteme für Kühlung und Heizung klar unterscheidbar, wie die futurezone bei einem Besuch auf der Baustelle erfuhr. Jene für die Heizung sind mit silbrig glänzender Isolierung umhüllt, jene für die Kühlung sind Kohlschwarz.

Ökologisch verträglich

Die Bauprojekte sind nicht gleichzeitig entstanden. "Ursprünglich waren alle Projekte mit konventionellen Lösungen ausgeschrieben. Wir sind dann 2017 dazugestoßen und haben unsere Erfahrungen bei erneuerbarer Energie eingebracht. Wir hatten die Vision, diese vorbeischwimmende Energiequelle nutzbar zu machen und damit das ganze Quartier zu versorgen", sagt Glatzl. Der Bauträger Soravia war von der Idee angetan.

Auf das Ökosystem des Donaukanals hat die Anlage keinen signifikanten Einfluss, meint Glatzl. "Wir arbeiten mit 0,02 Prozent der Wassermenge, die pro Sekunde durch den Donaukanal fließt." Die Betreiber müssen sich allerdings an gewisse Auflagen halten. "Bis zu 1.000 Kubikmeter Wasser pro Stunde dürfen wir dem Fluss entnehmen. Im Sommer darf das zurückgeleitete Wasser nicht mehr als 30 Grad Celsius haben."

Vorausschauende Planung

Mit dieser Kapazität können die Hochhäuser leicht versorgt werden. Das System ist dennoch redundant ausgelegt. Zusätzlich zum Donaukanalwasser kann Wasser aus 5 Tiefenbrunnen am Baugrund für die Wärme-Kälte-Kopplung verwendet werden. Sollte diese Anlage ausfallen, gibt es zur Not auch noch einen Elektro-Heizkessel. Damit jederzeit eine ausreichend große Menge an kaltem oder heißem Wasser für die Temperierung zur Verfügung steht, gibt es in der Energiezentrale riesige Pufferspeicher.

"Wir können über 60 Kubikmeter heißes Wasser auf Vorrat produzieren. Das machen wir etwa in der Nacht, um in der Früh - wenn viele duschen - die Morgenspitze abzudecken", sagt Glatzl. Vorausschauende Planung ist für den Betrieb der Energiezentrale wichtig. An sonnigen Tagen im Sommer, wenn die Glasfassaden der Hochhäuser wie ein Treibhaus wirken, laufen die Anlagen auf Hochtouren. "Herausfordernd ist, dass die Gebäude frei stehen. Im verdichteten Wohnbau gibt es mehr Schatten. Unser System muss rasch reagieren und auf den Puffer zurückgreifen, damit es nicht zu heiß wird."

Großes Potenzial

Eine Anlage wie jene für Triiiple und Austro Tower zu errichten, sei im Grunde genommen nicht besonders kompliziert, meint Glatzl. Dennoch gäbe es international wenig ähnliche Projekte. "Die Technologie ist ausgereift. Die Herausforderung ist eher, Menschen offen für Innovationen zu machen. Bei Bauprojekten hört man oft 'Das haben wir schon immer so gemacht, das machen wir wieder so'. Ich sehe großes Potenzial in unserer Technologie. Man könnte sie überall an Flüssen einsetzen."

Für die Eigentümer und Mieter in den Hochhäusern ergeben sich durch die Nutzung des Donaukanalwassers keine Mehrkosten. Glatzl: "Das war eine wichtige Vorgabe. Wir sind auf dem Preisniveau der Fernwärme Wien. Für die Abrechnung gibt es einen fixen Schlüssel."

Gebäude werden grüner

Der Gebäudesektor ist laut dem Klimaschutzbericht 2020 des Umweltbundesamtes derzeit für 10 Prozent der heimischen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Seit 1990 ist in diesem Bereich mit minus 36,8 Prozent der größte Rückgang aller Sektoren zu verzeichnen. Die Emissionswerte liegen bei Gebäuden sogar unterhalb des Zielpfades im Klimaschutzgesetz.

Sanierung und neue Heiztechnik

Die größten Verbesserungen wurden durch die verstärkte thermische Sanierung von Gebäuden und Veränderungen bei Heizformen erzielt. Ölkessel werden zunehmend ersetzt. Die größten Zugewinne können Wärmepumpen erzielen. Ihre Verkaufszahlen steigen seit Jahren konstant. Fernwärme kann ebenfalls große Zugewinne verbuchen. Einen positiven Trend gibt es auch bei biogenen Brennstoffen, allen voran Pellets. Klimawandelbedingt gibt es immer weniger Heizgradtage, das heißt, der Ressourceneinsatz sinkt. Je nachdem wie lange und intensiv der Winter ausfällt, kann es von Jahr zu Jahr aber größere Schwankungen geben.

Mehr Fläche und Stromverbrauch

Welche Wirksamkeit Sanierung und die Veränderung bei Energieträgern haben, zeigt sich insbesondere, wenn man bedenkt, dass die Anzahl der Wohnungen seit 1990 um ein Drittel zugenommen hat. Die Wohnnutzfläche ist währenddessen um 47,8 Prozent gestiegen, der durchschnittliche Stromverbrauch um 54,5 Prozent.

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David Kotrba

Ich beschäftige mit großteils mit den Themen Mobilität, Klimawandel, Energie, Raumfahrt und Astronomie. Hie und da geht es aber auch in eine ganz andere Richtung.

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