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Digital Life
05/14/2020

Streaming und Radio: Wie funktionieren Musikcharts heute?

Charts sollen die Interessen aller Musikliebhaber abbilden. Aber braucht man das eigentlich noch?

von Franziska Bechtold

Die Hitparade war einmal der wichtigste Indikator dafür, was gerade angesagt war. Im Fernsehen lief Top of the Pops, auf MTV und Viva wöchentlich die Single Charts. Sie standen für Erfolg der Künstler und prägten den Mainstream-Musikmarkt.

Musikfernsehen wurde inzwischen von YouTube abgelöst, wo die Nutzer täglich neue Inhalte finden und Songs streamen. Was sagen solche Charts also überhaupt noch aus?

Wie werden Charts überhaupt gemacht?

Bevor man fragt, wie Charts gemacht werden, sollte man fragen: welche Charts? Ganz traditionell gibt es in Österreich die wöchentlichen Verkaufscharts, die Austria Top 40 für Singles und Alben, die vom Verband der österreichischen Musikwirtschaft (IFPI) ermittelt werden. Sie wurden früher ganz einfach aus den meistverkauften Tonträgern erstellt. Nun kauft aber kaum noch jemand physische oder digitale Musik, sondern greift vor allem auf kostenlose oder Abo-basierte Streaming-Angebote wie Spotify, YouTube Music oder Apple Music zurück.

Für die offiziellen Austria Top 40 spielen alle Komponente eine Rolle. In Österreich kommt allerdings nur das Hörverhalten der zahlenden Premium-Kunden von Streaming-Diensten in die Wertung. Dabei werden jeweils 100 Streams wie ein Verkauf gewertet. 

Bei Spotify ist man hier schneller. Die Charts werden täglich aus den absoluten Streaming-Zahlen ermittelt und nach Ländern geordnet. Einzige Voraussetzung ist, dass mindestens 30 Sekunden eines Songs angehört wurden. Erfasst wird dort jeweils, was am Vortag gehört wurde. „Durch Musik Streaming sind Daten tagesabhängiger und konsumorientierter geworden. Wochen- und Monatscharts sind zum Teil nicht mehr so relevant“, erklärt ein Spotify-Sprecher im futurezone-Gespräch. 

Die Verkaufscharts werden wöchentlich ermittelt

Bei Spotify werden sieht man immer die Top-Songs des Vortags

Können Charts manipuliert werden?

Natürlich können die Charts manipuliert werden. Das ist nicht erst bekannt, seit der Reportage-Kanal Y-Kollektiv auf YouTube darüber berichtet hat, wie Produktionsfirmen ihre Künstler mit illegalen Methoden in den Streamingcharts von Spotify nach oben wandern lassen. Solche Aktionen hat es immer schon gegeben. In Deutschland musste sich 2005 der Musikproduzent David Brandes vor Gericht verantworten, da er Menschen dafür bezahlt hatte, Tausende der eigenen Tonträger zu kaufen, um in die Top 10 einzusteigen. Für die Austria Top 40 wird gegen solche Manipulation vorgegangen, ganz ausschließen kann man sie aber nie.

 „Früher hat jemand Hunderte Postkarten ans Radio geschickt, um sich eine bestimmte Nummer zu wünschen. Das erzeugte eine gewisse Aufmerksamkeit. Man kann heute auch Geld in die Hand nehmen und das steuern, muss man aber nicht“, sagt Andreas Eberer, Musikredakteur bei FM4. Hinter vielen Musikern stünden Firmen mit Geschäftsinteresse und sie können gezielt, beispielsweise mit dem Einsatz von Social Media und Aktivismus der Fans, ihre Künstler auf gute Chartplatzierungen bringen.

Wie wichtig sind Charts für die Plattformen?

„Traditionell waren die Charts immer ein wöchentlicher Fixpunkt mit Anlässen für Diskussionen. Quasi die offizielle Währung den Musikkonsum der Österreicherinnen betreffend“, sagt Wolfgang Domitner von der Ö3 Musikredaktion. Inzwischen sei das aber nicht mehr so einfach, da in den vergangenen Jahren vor allem das Deutschrap-Genre besonders prägend war. „Ein Großteil unseres Publikums steht dieser Musik generell reserviert bis ablehnend entgegen“, so Domitner.

Andere Sender wie FM4 erstellen daher ihre eigenen, redaktionellen Charts. Sie werden wöchentlich kuratiert. 4 Songs werden jeweils von den Hörern gewählt. Man wisse, was die Zielgruppe mag, nimmt sie an der Hand und schaut, wie sie darauf reagiert, sagt Ederer.

Bei Spotify sind die Charts nicht die erste Anlaufstelle. „Bei uns sind die persönlichen und die von uns erstellten Playlists am wichtigsten. Dann nutzen die Leute die Suchfunktion oder sehen sich direkt die Künstlerprofile an“, so ein Unternehmenssprecher.

Wie wichtig sind Charts für die Künstler?

„Wenn du Nummer 1 in den Verkaufscharts bist, dann bist du auch bei allen anderen relevanten Top-Listen vertreten. Das hat den gleichen Effekt, wie eine gute Promo-Aktion“, erklärt Ederer. Nicht alle Charts sind aber für alle Zielgruppen relevant. Im Gespräch mit der futurezone sagt ein Musikproduzent, Radio- und die Verkaufscharts seien vor allem für Schlager und Deutschpop relevant. Dort könne man mehr Geld verdienen, als mit Chartplatzierungen bei Streaminganbietern. Dass eine Chart-Platzierung für Künstler wichtig ist, darüber sind sich alle einig, denn sie sorgen für die nötige Präsenz.

Welche Rolle spielen Charts für Konsumenten?

Aber was ist nun mit den Konsumenten? „Sie geben die Möglichkeit, einen Überblick zu bekommen welche Songs in diesem Land musikalisch angesagt sind. Es gibt generell eine gewisse Lust des Publikums sich mit Rankings aller Art zu befassen“, so Domitner. Dieses Ranking ist durch die zahlreichen, auf die Zielgruppe angepassten Angebote vor allem diverser geworden. Trends, Playlists für die Party am Freitag, zum Joggen, zum Lernen und personalisierte Vorschläge basierend auf dem individuellen Musikkonsum, haben für viele, insbesondere jüngere Menschen, einen höheren Stellenwert als nur die allgemeinen Verkäufe. „Trotzdem gibt es Leute, die sich an den Charts orientieren, um neue Künstler zu entdecken. Das ist schon eine relevante Metrik, um Musik zu finden“, sagt Spotify gegenüber der futurezone.

Im Grunde sind die Musikcharts noch so relevant – oder irrelevant – wie sie es schon immer waren. Für Künstler sind sie ein wichtiger Weg, Aufmerksamkeit zu bekommen. Wer sich für die populäre Musik in den Verkaufscharts nicht interessiert, hat es nun aber viel einfacher, anderweitig neue Songs und Künstler zu finden. Früher musste man dafür in den Plattenladen gehen oder Musikzeitschriften lesen. Wie damals der Verkäufer im Laden schlägt jetzt der Streamingdienst-Algorithmus vor, was einem gefallen könnte.