Aus dem Thermalbecken direkt in die privaten Badezimmer: Wien Energie nutzt die Restwärme des Thermal-Abwassers mittels Wärmepumpen zur Fernwärmegewinnung

© Klimafonds/Krobath

Digital Life

Wie Wien Energie Abwasser zum Heizen einsetzt

Die Unabhängig vom Gas bei der Energieversorgung beschäftigt derzeit viele Menschen. Wien Energie hat sich bereits vor den aktuellen Ereignissen zum Ziel gesetzt, die Fernwärme bis 2040 komplett mit Energie aus erneuerbaren Quellen zu betreiben.

Wie diese Wärmewende erreicht werden soll, erklärt Rusbeh Rezania, Abteilungsleiter für die Entwicklung und Errichtung von erneuerbaren Wärme-Erzeugungsanlagen bei Wien Energie, im Gespräch mit der futurezone.

Konkret hat Wien Energie systematisch analysiert, wie man Abwärme aus Kläranlagen, Kraftwerken, Fabriken oder Rechenzentren nutzen kann, um diese ins Fernwärmenetz einzuspeisen. „Wir haben uns angesehen, wo es Abwärmequellen in der Stadt gibt, ob diese ganzjährig verfügbar sind und es dort Platz gibt, Anlagen aufzustellen“, erzählt Rezania. „Dazu haben wir den gesamten Gewerbe- und Industriebereich durchforstet. Überall, wo es einen hohen Energieverbrauch gibt, ist das eine Indiz für eine hohe verfügbare Abwärme“, so der Experte.

Aus dem Thermalbecken direkt in die privaten Badezimmer: Wien Energie nutzt die Restwärme des Thermal-Abwassers mittels Wärmepumpen zur Fernwärmegewinnung

Abwasser aus der Therme

Eines dieser lokal angesiedelten Wiener Projekte, bei dem bald Abwärme genutzt wird, ist die Therme Wien in Oberlaa. Dort wird aus altem Badewasser Wärme fürs Wohnzimmer. Das 30 Grad warme Thermal-Abwasser wird dabei von 2 Wärmepumpen umgewandelt und weiter erhitzt, bevor es über das Fernwärmenetz an Wiener Haushalte weitertransportiert wird. Die Anlage ist die jüngste, die neu dazu gekommen ist, und geht in wenigen Wochen in Betrieb. Über diesen Weg werden 1.900 Haushalte direkt in Oberlaa versorgt.

„Die Vorlaufzeit, bis so ein Projekt umgesetzt wird, beträgt von der ersten Idee bis zur konkreten Inbetriebnahme 5 bis 6 Jahre, unabhängig von der Leistungsgröße“, erzählt Rezania. „Die Therme Wien war für uns interessant, weil die Quelle ständig verfügbar ist und man daraus letztendlich viel Energie gewinnen kann“, sagt Rezania.

Die Energie aus dem Abwasser der Thermalquellen wird ins Fernwärmenetz eingespeist. Dieses ist mehr als 1.300 Kilometer lang, und damit eines der größten Europas. Wien Energie versorgt damit insgesamt aktuell 420.000 Haushalte und 7.600 Großkunden. Dabei werden jährlich 1,5 Millionen Tonnen CO2 eingespart. Damit das Fernwärmenetz wirklich bis 2040 klimaneutral wird, setzt Wien Energie nicht nur auf das Abwasser der Therme Wien, sondern auf weitere, lokale Wärmequellen und Abwärme aus einzelnen Wiener Bezirken.

Auch in der Manner-Fabrik wird die Abwärme ans Fernwärmenetz angeschlossen

Manner-Fabrik und Müllverbrennung

So wird auch die Abwärme des Waffelbackofens in der Manner-Fabrik in Hernals dazu genutzt, um 600 Haushalte mit Heizung und Warmwasser zu versorgen. Wärme für rund 214.000 Haushalte und Strom für 95.000 Haushalte kommt hingegen direkt aus der Müllverbrennung, also aus dem Müll, den die Wiener selbst produzieren. Vier Anlagen, Spittelau, Flötzersteig, Pfaffenau und Simmeringer Haide, stehen hierfür zur Verfügung. In der Müllverbrennungsanlage Spittelau steckt etwa ein „technisch kompliziertes System“, das künftig dazu dienen soll, die Kondensationswärme des Rauchgasreinigungssystems nutzbar zu machen. So solle eine Leistungssteigerung erreicht werden, erzählt Rezania.

Kläranlage ist größtes Projekt

„Jedes Projekt hat seine Eigenheiten und alle sind gleichermaßen wichtig. Wir sind dabei, ganz unterschiedliche Quellen zu erschließen“, sagt Rezania. Das größte Projekt, das von Wien Energie umgesetzt wird, entsteht derzeit in Simmering. Dort wird das gereinigte Abwasser der Kläranlage zur Wärmeerzeugung genutzt. „Wir haben uns Beispiele aus Skandinavien angesehen, wo Abwasser aus Kläranlagen genutzt wurde. Dann sind wir draufgekommen, dass in Wien sehr sauberes und warmes Abwasser im Umfang von mindestens 4.000 Liter pro Sekunde in den Donaukanal gespült wird. Das ist eine irre große Menge“, sagt Rezania.
 
In der Nähe der Kläranlage gibt es außerdem ein Wasserkraftwerk. „Von dort beziehen wir den Strom direkt aus dem Wasserkraftwerk Freudenau“, sagt Rezania. Ab 2023 versorgt die Großwärmepumpe bei der Kläranlage bis zu 56.000 Haushalte – ab 2027 sogar bis zu 110.000 Haushalte mit Wärme aus dem Abwasser.

"Abwasser ist in der Stadt immer da." - Rusbeh Rezania von Wien Energie

Jedes Jahr kommen Projekte dazu

Auch Kälte wird genutzt, um daraus Wärme zu machen. Dies passiert etwa in der UNO-City. Leistungsstarke Kältemaschinen sorgen in der UNO City dafür, dass die 5.000 Mitarbeiter*innen aus mehr als 120 Ländern einen kühlen Kopf bewahren. Die Wärme, die bei diesem Kühlprozess entsteht, wurde früher ungenutzt in die Umgebungsluft abgegeben. Mit Wärmepumpen kann Wien Energie diese Abwärme nun wiederverwenden. 2.400 Haushalte werden seit 2021 auf diesem Weg mit Fernwärme versorgt.

Das Gute, so Rezania, sei, dass „Abwasser in einer Stadt immer da ist“.  „Wir sind fest davon überzeugt, dass Abwärme eine tragende Rolle zur Dekarbonisierung der Fernwärme in den Städten spielen kann“, sagt Rezania. Das Fernwärmenetz wird seitens Wien Energie nun auf diesem Weg kontinuierlich ausgebaut. Durchschnittlich werden rund 20.000 Haushalte pro Jahr an das Netz angeschlossen. Geplant sei außerdem eine Steigerung dieser Leistung, heißt es. So soll sich das mit der Klimaneutralität bis 2040 ausgehen. Die aktuelle Krise könnte vor allem dazu führen, dass bestimmte regulatorische Maßnahmen schneller umgesetzt werden als bisher angenommen.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Kooperation mit Wien Energie.

Hat dir der Artikel gefallen? Jetzt teilen!

Barbara Wimmer

shroombab

Preisgekrönte Journalistin, Autorin und Speakerin. Seit November 2010 bei der Kurier-Futurezone. Schreibt und spricht über Netzpolitik, Datenschutz, Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Social Media, Digitales und alles, was (vermeintlich) smart ist.

mehr lesen Barbara Wimmer

Kommentare