Digital Life
03.07.2018

Zigarettenwerbung mit Gesichtsscan in Wiener Trafiken

Der Tabakkonzern Philip Morris testet in Wiener Trafiken Werbung mit Gesichtserkennung. Datenschützer sind alarmiert.

Um mehr über Kunden herauszufinden, hat der Tabakkonzern Philip Morris in zwei Wiener Trafiken Werbedisplays und Kameras mit Gesichtserkennung aufgestellt. Die Kameras erheben Geschlecht und Alter der Konsumenten. Je nachdem ob Kunden männlich oder weiblich und über oder unter 30 Jahre alt sind, werden ihnen über die Anzeigetafeln dann unterschiedliche Zigarettenmarken angepriesen.

Es handle sich um einen Test, der zunächst für vier Wochen anberaumt sei und vor kurzem begonnen habe, sagt Claudia Oeking, Leiterin Corporate Affairs bei Philip Morris Austria. Von dem Versuch erhoffe man sich auch Erkenntnisse über die Kundenfrequenzen in den Verkaufsstellen.

Ärger bei Datenschützern

Ähnliche Systeme, mit denen der stationäre Handel der Online-Konkurrenz nacheifern will, sorgen bei Datenschützern seit längerem für Verdruss. Eine Apotheke in Linz, die im vergangenen Jahr Gesichtsscans für zielgruppenrelevante Werbung einsetzte, musste den Einsatz der Technik nach einem regelrechten Shitstorm in Online-Netzwerken wieder einstellen. Die deutsche Supermarktkette Real, die im vergangenen Jahr ebenfalls solche Systeme bei Werbedisplays zum Einsatz brachte, sah sich Klagsdrohungen von Datenschützern gegenüber und stoppte die Gesichtsscans ebenfalls.

„Anonymisierte Zahlenreihen“

Bei Philip Morris verweist man darauf, dass Bilddaten nicht gespeichert und personenneutral verarbeitet würden. „Bei der Ermittlung wird weder von uns noch von unserem Dienstleister eine Identifizierung oder Wiedererkennung von Personen vorgenommen. Es werden keine personenbezogenen Daten gespeichert. Sie werden auch nicht mit anderen Daten verknüpft“, sagt Oeking. Philip Morris erhalte lediglich anonymisierte Zahlenreihen.

Kein Hinweis für Kunden

Hinweise, dass solche Systeme zum Einsatz kommen, gibt es in den Trafiken allerdings nicht. Oeking begründet dies damit, dass es keine Notwendigkeit dafür gebe. „Wir schauen uns nicht die Person an, sondern erheben rein statistische Merkmale, die auf Wahrscheinlichkeit beruhen“, sagt die Philip-Morris-Managerin. 

Genehmigungen für solche Aufnahmen sind seit der Einführung der neuen EU-Datenschutzregeln mit Ende Mai nicht mehr notwendig.  Die Verantwortung, dass die Datenverarbeitungssysteme gesetzeskonform betrieben werden, liege bei den Verantwortlichen, die dies im Falle von Beschwerden oder Anzeigen auch nachweisen müssten, heißt es aus der österreichischen Datenschutzbehörde.

„Gratwanderung“

Der auf Datenschutz spezialisierte Anwalt Dominik Schelling von der Wiener Kanzlei Dorda spricht von einer Gratwanderung. Seine Kanzlei habe Mandanten beim Einsatz ähnlicher Systeme dazu geraten, Kunden darüber zu informieren.

Der Datenschützer Georg Markus Kainz vom Verein quintessenz, der die Negativpreise Big Brother Awards vergibt, meint, dass in einem solchen Fall eine aktive Zustimmung der Kunden zur Verarbeitung ihrer Daten notwendig sei. „Über den Gesichtsscan werden biometrische Daten erfasst, die mit einer Datenbank abgeglichen werden“, sagt Kainz. Dass die Daten derzeit nicht gespeichert und weiterübertragen werden, bedeute nicht, dass dies nicht in Zukunft geschehen könne: „Wir haben ein Recht uns unbeobachtet zu bewegen.“

Augenkameras

Der Einsatz von Kameras zu Marktforschungszwecken ist in heimischen Trafiken keine Seltenheit. Augenkameras zum Messen der Aufmerksamkeit in den Tabak-Verkaufsstellen würden seit Jahren zum Einsatz kommen, erzählt Andreas Schiefer, Obmann des Landesgremiums der Tabaktrafikanten in Wien. Auch aus den Österreich-Niederlassungen großer Tabakkonzerne wird dies bestätigt. „Es wird nur die Zeit gemessen, wie lange die Augen der Kunden auf einer Werbefläche verharren“, heißt es von Japan Tobacco International (JTi), das ein solches System in den vergangenen Monaten testete.

Dort wo Werbung platziert werde, schaue aber trotzdem kein Kunde hin, meint Schiefer. Denn in Trafiken gebe es eine Vielzahl an „bunten Sachen“, auch bewegte Bilder habe man den ganzen Tag am Smartphone: „Das interessiert niemanden mehr.“ In Trafiken gebe es nur zwei Punkte, die die Aufmerksamkeit der Kunden auf sich ziehen würden, weiß der Trafikant: „Das sind Mitarbeiter, was sie an der Brust und am Rücken haben, und der Zahlteller. Der Werbung am Verkaufsort wird zu viel Bedeutung beigemessen.“