© Nintendo

Games
05/23/2020

Videospiele und Corona: Unsicherheit trotz Verkaufs-Boom

Während sich Spieler in der Krise in Spielewelten flüchten, bedeutet die Heimarbeit für Entwickler eine Herausforderung.

von Franziska Bechtold

Nicht alle Industrien sind von der Corona-Krise gleichermaßen betroffen. Manchen geht es sogar – zumindest scheinbar – besser als zuvor. Die Spiele-Verkäufe gehen durch die Decke, abgesagte Events wie die E3 und Gamescom bieten Fans weltweit durch digitale Angebote mehr Unterhaltung und dass heiß erwartete Titel wie „Last of Us“ oder „Cyberpunk 2077“ verschoben werden, sind Spieler gewohnt – Corona hin oder her. Ist also alles gut?

Rekord-Verkäufe

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Laut den Analysten von Sensor Tower stiegen die Downloadzahlen im ersten Quartal 2020 im iOS-App-Store stark an. Von den insgesamt 1,6 Milliarden Downloads machten Games 603 Millionen aus. Auf dem iPad ist das der größte Anstieg an Downloads seit 2016. Dort wurde auch am meisten Geld für Games ausgegeben, laut Sensor Tower waren das insgesamt 1,6 Milliarden US-Dollar.

Allein in den USA verzeichnete man im ersten Quartal 2020 einen Rekord-Umsatz von 10,86 Milliarden US-Dollar mit dem Verkauf von Videospielen. Das entspricht laut des Marktforschungsinstituts NPD einem Anstieg von 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die umsatzstärksten Spiele waren dabei Animal Crossing, FIFA 2020, Doom Eternal und Call of Duty Modern Warfare.

So können Besprechungen während der Corona-Pandemie aussehen. Hier in Animal Crossing ...

oder in Red Dead Redemption 2 am Lagerfeuer.

Die Quaranteen University in Minecraft

Die "Blockeley University"

Das Stadion der UC Berkeley in Minecraft

Gemeinsam in der virtuellen Welt

Dass vor allem Games beliebt waren, die einen Online-Multiplayer anbieten, ist wenig überraschend. Sie ermöglichten Freuden, trotz räumlichen Abstands, gemeinsam etwas zu unternehmen, nur eben virtuell. Das wissen die Publisher und Shop-Betreiber. Epic wagte es sogar, GTA V zum kostenlosen Download anzubieten und ihr System brach unter dem extremen Ansturm zusammen. Spieler hatten 2 Tage lange mit Ausfällen zu kämpfen.

Doch nicht nur das gemeinsame Spielen stand bei vielen im Mittelpunkt. Viele nutzten Online-Multiplayer-Games, um virtuell das zu tun, was sie aufgrund der Corona-Maßnahmen in der Realität nicht konnten. So hielten Schüler und Studenten in Japan und den USA ihre Abschlusszeremonie in Minecraft ab. Die Quaranteen University bietet dafür die Plattform. Studenten können sich für ihre Festlichkeiten anmelden, die online über einen Livestream verfolgt werden können. Die Studenten der UC Berkeley bauten ihren kompletten Campus in Minecraft nach und nannten das Projekt "Blockeley". Statt Zoom, Teams oder Skype nutzte eine britische Firma die Voice-Chat-Funktion von Red Dead Redemption 2 und eine japanische Firma traf sich in Animal Crossing für ein Meeting.

Hoch und Tief bei Nintendo

Dass Animal Crossing fast schon unheimlich perfekt die Krise abgepasst hat, katapultierte Nintendos Aktie Mitte März auf ein Hoch von 408 Euro. Davor war die Aktie seit Dezember 2019 stetig gefallen, bis sie ein Jahrestief von 275 Euro erreichte. Nun fällt die Aktie wieder. Ein Faktor dabei ist sicher der weltweite Mangel an Nintendo Switch Konsolen.

Während die Lite-Versionen größtenteils noch verfügbar sind, ist die Hauptkonsole derzeit nur schwer erhältlich. Wie Bloomberg berichtete, fehlten aufgrund der Corona-Maßnahmen in Asien Bauteile für die Produktion neuer Konsolen. Die werden auf den Philippinen und in Malaysia produziert, wo die Maßnahmen erst kürzlich gelockert wurden. Trotzdem bleibt die japanische Spielefirma in Verzug. Die prognostizierten 19 Millionen verkauften Exemplare im laufenden Kalenderjahr liegen in weiter Ferne.

PS5 und Xbox Series X weiter auf Kurs

Die größten Neuerungen für 2020 sind ohne Frage die Xbox Series X und PlayStation 5. Die Produktion beider Konsolen scheint überhaupt nicht von der Corona-Krise betroffen zu sein. Microsoft und Sony bestätigten immer wieder, am Verkaufsstart im Herbst festzuhalten. Bisher wurden keine Preise für die Konsolen veröffentlicht. Aufgrund der hohen Materialkosten rechnen Experten, dass mindestens 500 Euro fällig werden. Konsolenverkäufe treten aber ohnehin in den Hintergrund. Die Einnahmen der Firmen werden zunehmend durch Abo-Services generiert. Gerüchten zufolge will Sony die PS5-Verkäufe sogar bewusst limitieren.  

Microsoft hat zumindest schon technische Details und das Design der neuen Konsole enthüllt, die wie die PS5 im Herbst auf den Markt kommen soll. Von der PS5 sind zwar auch alle technischen Daten bekannt, wie die Konsole aussieht, weiß man allerdings noch nicht. Lediglich der Controller wurde bisher vorgestellt. Traditionell rechnete man damit, dass diese Informationen im Rahmen der E3 bekannt würden. Die fällt aber aus.

Gamescom und E3 als digitale Events

Und dieser Ausfall zählt zu einer der größten Veränderungen für Spiele-Entwickler, Publisher und Fans. Für Spieler waren das Möglichkeiten, Gleichgesinnte und Stars zu treffen und die neuesten Spiele vor allen anderen zu sehen. Auch wenn das Miteinander fehlt, was einen nicht unerheblichen Teil der Erfahrung ausmacht, werden Spieler die Möglichkeit haben, digital an den Events teilzunehmen.

Die Organisatoren der Gamescom haben sich während der Krise bisher nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Am selben Tag, an dem die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel erstmals während der Pandemie vor die Presse trat und empfahl, Großveranstaltungen ab 1.000 Teilnehmern abzusagen, eröffnete die Gamescom feierlich den Ticket-Verkauf. Die Messe zählte 2019 insgesamt 373.000 Besucher.

Man teilte zwar immer wieder mit, die Situation zu beobachten und hatte im Hintergrund bereits einen Plan ausgearbeitet, sagte allerdings erst dann die Veranstaltung ab, als ein landesweites Verbot für Großveranstaltungen bis zum 31. August ausgesprochen wurde. Ob es nicht vernünftiger gewesen wäre, die Enttäuschung der Fans hinzunehmen und die Messe aus Sicherheitsgründen bereits vorher in ein digitales Event umzuwandeln, bleibt offen. Stattdessen entschied man sich aber, die Verantwortung an den Staat abzuwälzen. Mit dem Online-Event "Gamescom Now" versucht man aber, den Fans trotzdem gute Unterhaltung zu bieten.

Dass die E3 dieses Jahr ausfällt, werden die meisten Spieler gar nicht merken. Sony und Bethesda hatten bereits vor der Absage mitgeteilt, 2020 nicht an der Messe teilzunehmen. Andere Publisher wie Ubisoft, Nintendo, Microsoft und Devolver Digital werden ihre Präsentationen online stattfinden lassen. So kann man, wie schon in den Jahren zuvor, die Präsentationen einfach im Livestream verfolgen.

Chance für Indie-Entwickler

Für Publisher und Entwickler hingegen macht sich der Ausfall der Events stärker bemerkbar. Für sie bestehen solche Messen aus Terminen, bei denen eine mögliche Zusammenarbeit besprochen wird. Das funktioniert nun alles online und kann die Dynamik stark verändern. Während viele Indieentwickler auf Messen bei den Publishern Schlange stehen, um einen möglichen Deal zu erhalten, müssen die Publisher nun selbst auf die Suche gehen. Denn Besprechungen kann man problemlos auch online führen, wenn man auf ein vielversprechendes Entwicklerstudio aufmerksam wird. Das Wegfallen der für kleine Studios teuren Events und der Anstieg an Verkäufen kann daher Indie-Entwicklern besonders helfen, ihr Spiel finanziert zu bekommen.

Arbeitsabläufe ändern sich für viele Indie-Studios wenig, da sie häufig aus wenigen Personen bestehen, die problemlos in Telearbeit übergehen können. Bei großen Firmen sieht das ganz anders aus. Während die Entwickler von Cyberpunk 2077, CD Project Red, trotz Heimarbeit am Veröffentlichungsdatum am 17. September festhalten, musste Sony den Start des mit großer Vorfreude erwarteten Last of Us II verschieben. Statt im Mai soll das Spiel nun am 19. Juni erscheinen. Das Entwicklerstudio Naughty Dog konnte während der Corona-Pandemie nicht garantieren, dass die Spiele rechtzeitig in den Handel kommen können.

Auswirkungen auf 2021

Nintendo-Chef Shuntaro Furukawa rechnet mit großen Einschränkungen durch COVID-19, heißt es in einem Investorenbriefing. Auch Xbox-Chef Phil Spencer bleibt skeptisch. Gegenüber Business Insider sagt er, die Auswirkungen der Pandemie würden vor allem kommendes Jahr sichtbar werden. Spiele, die bereits heuer auf den Markt kommen, müssten nur noch finalisiert werden. Zwar bedeute das, dass Entwickler im Home Office große Herausforderungen bewältigen müssen und einige stark gefährdet wären, einen Burnout zu erleben. Fertig würden die Spiele aber rechtzeitig. Doch in Studios, die sich mitten in der Entwicklungsphase befinden und Synchronsprecher und Motion-Capture-Aufnahmen im Studio benötigen, kam die Produktion zum Erliegen. 

Tatsächlich sieht der Veröffentlichungsplan großer Titel für dieses Jahr eher dünn aus. Nach The Last of Us II (19.6), Ghost of Tsushima (17.7.), Paper Mario: The Origami King (17.7), Marvel Avengers (4.9.), Cyberpunk 2077 (17.9.) und dem für Ende des Jahres geplanten Assassin's Creed Valhalla bleiben Ankündigungen für große Titel aus. Heuer scheint sich die Spiele-Industrie trotz Corona also noch solide aufgestellt. Ob Spieler auch im kommenden Jahr mit großen, neuen Titeln versorgt werden, bleibt abzuwarten.