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Weaving Tides im Test: Von Drachen und Stickmustern

Auf dem Rücken von Webdrachen begibt man sich als Tass in eine magische Welt aus Textilien

Inzwischen ist es gar nicht mehr so einfach, ein Single-Player-Spiel mit einer einzigartigen Idee herauszubringen. Noch schwieriger ist es, eine gute Idee in ein funktionierendes Spielprinzip zu packen. Dem Wiener Indie-Spielestudie Follow the Feathers ist das gelungen. In ihrem Debütspiel Weaving Tides fliegt man auf dem Rücken von Webdrachen durch eine Welt, die aus Textilien besteht. Um zerstörte Gegenden zu reparieren, Gegner*innen außer Gefecht zu setzen und Rätsel zu lösen, nutzt man die Nähfähigkeit seiner fliegenden Begleiter*innen.

Spieler*innen schlüpfen in die Rolle von Tass. Er scheint der einzige seiner Art in dieser Welt zu sein und wurde von Kilim, einem blauen Webdrachen, aufgenommen und großgezogen. Als merkwürdige Wesen drohen, die Welt aus dem Gleichgewicht zu bringen, macht sich Tass zusammen mit seinen Webdrachen auf die Reise durch die Welten. Dabei trifft er auf die Göttin Dea und findet heraus, dass auch sein eigenes Schicksal mit jenem der Welt verwoben ist.

Flauschige Motten und bunte Drachen

Bevor ich anfange, über den Spieleinhalt zu sprechen, muss ich die wirklich schön gestaltete Welt loben. Landschaften und Figuren sind sehr liebevoll und kreativ im Comic-Look gestaltet. Die verschiedenen Webdrachen, die ich unterwegs rekrutiere, ziehen jeweils unterschiedliche Fäden hinter sich her, mit denen sie nähen. Ihre verschiedenen Persönlichkeiten lernt man besser kennen, indem man die Drachen streichelt und kämmt. 

Statt extrem bunter Farben hat man hier eine sehr harmonische Palette gewählt. Das ist schön fürs Auge, erfordert aber manchmal genaueres Hinsehen. So fand ich Wege durchs Dickicht nicht immer auf Anhieb, wenn der Bildschirm voller Objekte in ähnlichen Blautönen war. Bewohnt wird die textile Welt neben Drachen auch von anmutigen und flauschigen Motten (das kennt man aus so manchem Kleiderschrank), die uns den Weg weisen oder Handel betreiben und deren Design mich besonders überzeugte.

Nähen als Waffe

Das Spielprinzip ist sehr intuitiv: Auf dem Rücken des Drachen fliege ich über gewebten Boden. Taucht man unter diesen ab und anschließend wieder auf, hat man ein Stück zusammengenäht. Durch einen kurzen Stoß kann der Webdrache Gegner*innen betäuben und näht diese anschließend auf dem Boden fest, um sie zu besiegen. Gekämpft wird unter anderem gegen (ebenfalls niedliche) spuckende Maulwürfe oder Chamäleons.

Jeder Drache hat eine Spezialfähigkeit, mit der ein Muster per Knopfdruck gestickt wird. Damit näht man schnell eine große Fläche zusammen oder wird mehrere Gegner auf einmal los. Andere Waffen, außer dem Faden, hat man im Kampf nicht. Das macht die Bosskämpfe aber umso unterhaltsamer, musste ich doch immer herausfinden, wie man die Angreifer*innen nur mit Hilfe eines Stoffbands überlistet.

Zentrales Element des Spiels ist das Lösen von Rätseln. So muss man immer wieder Ringe zu bestimmten Stickmustern verbinden. Hinweise darauf, wie die Muster auszusehen haben, habe ich meist in der Umgebung gefunden oder die Ringe zeigen an, wie oft man durch sie hindurchweben muss. So erschließt sich das Muster langsam.

Die Level sind ähnlich aufgebaut - man trifft auf verschiedene Figuren, unterhält sich, oder kauft beim Händler ein. Dort kann man etwa Power-ups kaufen, die die Fähigkeiten des Webdrachen verstärken, oder neue hinzufügen. So kann man sich etwa schneller fortbewegen, einen Geist beschwören, der Gegner*innen betäubt, oder ein neues Stickmuster für die Spezialfähigkeit der Drachen kaufen. 

Die Währung für die Drachen sammelt man, indem man Gegner*innen besiegt und zerstörte Stellen wieder zusammennäht. Beim Erkunden der Welt muss man immer wieder Tore öffnen, indem man Aufgaben erledigt. So müssen für den Abschluss eines Kapitels (von denen es insgesamt 4 gibt) etwa 4 Teile eines Schlüssels gefunden werden. 

Fazit

Obwohl einige der Rätsel auf den ersten Blick komplex wirken, waren sie doch immer gut lösbar, ohne dass ich mich ewig daran abarbeiten musste. Die Spielmechanik ist neu und frisch. Schnell bin ich in die gewobene Welt eingetaucht und habe ganz intuitiv die Welt wieder zusammengenäht. Es gibt viel zu sammeln, etwa neue Stoffbänder. Die kann man zwar nur im Kreativmodus einsetzen, in dem man einfach nur schöne Muster sticken kann, aber wie bei jedem Dungeon-Crawler wollte ich trotzdem auch den letzten Winkel eines Levels noch erkunden, um auch ja nichts zu verpassen und auch das letzte neue Band noch mitzunehmen. 

Die Kombination aus funktionierender Spielmechanik und einem beeindruckenden, liebevollen Design macht Weaving Tides für mich zu einem wirklich gelungenen Indie-Titel, der vor allem auf der Nintendo Switch ein passendes Zuhause gefunden hat. Perfekt ist es nicht, gerade bei der Orientierung und der Präzision hätte man noch nachbessern können. Frustration kam dabei aber nie auf, das Spiel hat ist sehr gut ausbalanciert und wird über die etwa 10 bis 12 Stunden Spielzeit im Hauptspiel nicht langweilig. 

Weaving Tides ist für PC (Steam, 21 Euro) und für die Nintendo Switch (25 Euro) erschienen.

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Franziska Bechtold

frau_grete

Liebt virtuelle Spielewelten, Gadgets, Wissenschaft und den Weltraum. Solange sie nicht selbst ins Weltall kann, flüchtet sie eben in Science Fiction.

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