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Dorfromantik im Test: Das steckt hinter der Indie-Überraschung

Dorfromantik ist ein gemütlicher Mix aus Strategie- und Puzzlegame, das Anleihen an Brettspielen nimmt.

Es ist doch überraschend, dass man um das kleine Indie-Spiel derzeit nicht herum kommt, wenn man häufiger auf Twitch und YouTube unterwegs ist. Dorfromantik scheint gerade einen Nerv getroffen zu haben und wurde beim Deutschen Computerspielepreis gleich zweifach ausgezeichnet. Bei meinem Test musste auch ich nicht lange nach einer Antwort auf die Frage suchen, warum das Spiel so gut funktioniert. 

Der größte Pluspunkt von Dorfromantik ist seine scheinbare Einfachheit. Spieler*innen legen sechseckige Karten strategisch aneinander, die sie zufällig erhalten. Auf ihnen sind Elemente wie Häuser, Felder, Wald, Schienen oder Flüsse abgebildet. Ziel ist es, diese Kärtchen möglichst passend zueinander zu legen. Das erinnert an Brettspiele wie Die Siedler von Catan oder Carcasonne. 

Mehr Karten, mehr Spaß

Ein Ende gibt es nicht. Man spielt so lange, bis alle Karten aufgebraucht sind. Legt man eine Karte so, dass sie an allen Seiten perfekt an die anliegenden Karten passt – also Wald an Wald, Haus an Haus und Feld an Feld – erhält man weitere Karten für seinen Stapel. So zögert man das "Game Over" weiter heraus. 

Noch mehr Karten verdient man sich, indem man bestimmte Aufgaben abarbeitet. So zeigen manche Karten eine Zahl an. Erhält man etwa eine Häuser-Karte mit der Zahl 7, müssen im Bereich dieser Karte exakt 7 weitere Häuser gelegt werden, um die Aufgabe zu erfüllen. Zieht man eine Waldkarte, auf der 114+ steht, muss man einen Wald mit mindestens 114 Bäumen konstruieren.

Einfach aber abwechslungsreich

Gestartet wird mit 40 Kärtchen, zu sehen sind nach dem aktiven immer nur die kommenden 2 Felder. So wird jede Runde abwechslungsreich, da sich mit der einfachen Technik immer neue Landschaften gestalten lassen. Mit wachsender Punktzahl schaltet man immer neue Felder frei, zu Beginn ist das etwa eine Lok, ein Boot und einen Wasserbahnhof. Mit diesen baut man immer neue Gebiete auf. 

Gelegentlich erscheinen auch besondere Felder wie ein Kirchturm. Die schalten weitere Missionen frei, etwa 50 weitere Häuser aneinander zu setzen. Das sorgt für optische Abwechslung, ohne zu überladen.

Für jede gelegte Karte und jede erfüllte Aufgabe erhält man Punkte. Die Punktzahl steigt, desto perfekter eine Karte gelegt wurde, also desto mehr Seiten an korrespondierenden Feldern liegen. So können Spieler*innen mit jeder Runde den eigenen Highscore jagen - das gibt Ansporn, das nächste Mal noch ein bisschen überlegter zu spielen.

Nur noch eine Runde

All das ist weder neu noch richtig aufregend und ereignisreich. Warum also summieren sich die Stunden, die ich in Dorfromantik stecke, so schnell? Die Antwort liegt für mich auf der Hand. Eine Runde dauert zwischen 30 und 60 Minuten. Das ist gerade richtig, um „nur noch EINE Runde“ zu spielen, aus der dann 3 oder 4 werden, ohne dass man es merkt. Als Civilization-Fan mit Spielstunden im dreistelligen Bereich auf mehreren Endgeräten kenne ich die Folgen von "eine Runde noch" allzu gut und auch Dorfromantik holt mich hier mühelos ab. 

Das Spiel funktioniert perfekt nebenher, zum Beispiel während man einen Podcast hört. Es gibt nichts zu lesen, alle Informationen sind auf einen Blick erfassbar. Mit jeder Runde lernt man dazu. Schnell legt man die Felder intuitiv und weiß, wie viele Punkte zu holen sind.

Jedes Game Over weckt in mir das Bedürfnis, die Gebiete immer weiter zu optimieren. Trotzdem wird es nie stressig oder frustrierend. Stattdessen wurde eine gute Balance aus Ehrgeiz und Entspannung geschaffen. 

Rückgängig machen kann man eine Platzierung aber nicht. Wenn ein Kärtchen einmal liegt, dann bleibt es dort auch. Das bestraft schnelles Klicken und zwingt förmlich zur Langsamkeit. Da es kein Zeitlimit gibt, kann man die Landschaft aber so schnell oder so langsam gestalten, wie man möchte. 

Spielbarer Landurlaub

Einzig „Schönspieler“, die in Anno und Civilization Stunden in den ästhetischen Aufbau der Orte stecken, müssen hier manchmal zurückstecken. Denn um länger spielen zu können, muss man sich eben an die Regeln halten: Perfekte Felder legen und Aufgaben erfüllen. Das diktiert meist, wo ein Kärtchen hingelegt wird und das brachte mich schon das ein oder andere Mal ins Grübeln. 

Ich habe aber immer wieder festgestellt, dass das durchdachte und schöne Design meine Landschaften immer ansprechend aussehen lässt, egal wo ich meine Karten platziere. Alles wurde in unaufgeregten, abgetönten und naturnahen Grün-, Gelb- und Blautönen gehalten.

Zufällig wird eine Wiese zu dunklem Stein und ein Laubwald bekommt einen herbstlichen Anstrich, das bietet Abwechslung. Zudem färbt sich die Szenerie gelegentlich in einem warmen rosa, wie bei einem Sonnenuntergang. Dazu erklingt Musik, die man finden würde, wenn man Klängen zum „Einschlafen und Entspannen“ sucht.

Fazit

Dorfromantik macht eben etwas, das sich nur Indie-Entwickler trauen: Es hat eine funktionierende Kernmechanik und das wars. Es gibt (bisher) nur einen Modus, in dem man Punkte sammelt. Ein Kreativ-Modus ist geplant, in dem man auch den Highscore noch ablegen kann. Es wird nichts online verglichen, man hat keinen künstlichen Stress durch Zeitdruck. Man legt einfach nur Karten aneinander.

Und obwohl so wenig passiert, oder vielleicht gerade deshalb, spielt man nach Feierabend eben lieber noch eine Runde (oder zwei) in Dorfromantik als ein Action-Spiel, das besonders aufregend ist und den Puls nach oben treibt. Die Kombination aus schön, beruhigend, einfach aber clever ist ein Sweetspot, der eine breite Masse anspricht. Und für in die Stadt gezogene Dorfkinder wie mich, schwingt wahrscheinlich auch ein bisschen Nostalgie für diese namensgebende Dorfromantik mit. 

Für gerade mal 9 Euro ist Dorfromantik derzeit noch im Early Access auf Steam und GOG zu haben. Auf Twitter haben die Entwickler von Toukana Interactive, 4 Masterstudierende aus Berlin, eine Mobile-Version angekündigt. 

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Franziska Bechtold

frau_grete

Liebt virtuelle Spielewelten, Gadgets, Wissenschaft und den Weltraum. Solange sie nicht selbst ins Weltall kann, flüchtet sie eben in Science Fiction.

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