Screenshot aus dem Microsoft-Video, das den Planetary Computer erklärt

© Microsoft

Meinung
04/17/2020

Microsoft: Neue Technologie, alter Klima-Hut

Der Grat, wann die unterstützende Funktion von Technologie für die Umwelt endet und die Gewinnmaximierung beginnt, ist äußerst schmal.

von Tina Wirnsberger

Microsoft präsentierte am Mittwoch eine Reihe von Initiativen mit dem vermeintlichen Ziel, Schutz und Erhalt der biologischen Vielfalt und der Ökosysteme auf der ganzen Welt voranzutreiben. Ein "Planetary Computer" soll Umweltdaten sammeln und künstliche Intelligenz zur Entwicklung von Technologie nutzen, die Partnern und Kunden bei der nachhaltigen Entscheidungsfindung helfe, so der Konzern.

Das 2017 gestartete Programm „AI for Earth“ hat seitdem 500 Organisationen und Personen in 81 Ländern unter dem Etikett „Schutz des Planeten“ über 50 Millionen Dollar für Cloud-basierte Tools und KI-Dienste zur in fünf Schlüsselbereichen zur Verfügung gestellt: Landwirtschaft, Biodiversität, Naturschutz, Klimawandel und Wasser.

"Der Erhalt der Natur zum Wohle gegenwärtiger und künftiger Generationen ist eine der größten Herausforderungen für die Menschheit. Der Einsatz von Technologie zur Unterstützung dieser globalen Bemühungen ist eine der unseren“, verkündete Microsoft-Präsident Brad Smith.

Zugegeben: Für die Autorin dieser Zeilen ist eine der größten Herausforderung der Glaube daran, dass es Microsoft mit diesen Initiativen allein um die Rettung des Planeten geht.

Planetarischer Computer

Mit Kleckern will man sich bei Microsoft nicht aufhalten. Der Planetary Computer solle alle Daten bündeln, die Maschinen und Menschen im Weltraum, am Himmel, am Boden und im Wasser sammeln und über ein Portal zugänglich machen. Ein Ansatz zur Datenverarbeitung „im planetarischen Maßstab“ arbeite und jeden Aspekt der Umwelt- und Natur-basierten Lösungen, die in Echtzeit verfügbar sind, abrufbar mache. Der Software-Riese geht davon aus, dass für den Bau eines Planetencomputers ein Netzwerk erforderlich sein wird, das Milliarden von Umwelt-Datenpunkten mit Rechen- und KI-Tools verbindet.

An dieser Stelle ein Disclaimer: Eine ökologische Zukunft ist nicht technologiefeindlich. Das Herstellen von Datengrundlagen und die Nutzung der technologischen Möglichkeiten können im 21. Jahrhundert einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung im Kampf gegen den Klimawandel leisten. Niemand wünscht sich eine Rückkehr in vorindustrielle Zeiten. Selbst Freund*innen von „Rückeroberung der Natur“-Bildern mit Wildtiersichtungen in leeren Städten knipsen die lieber auf ihren Smartphones und jagen sie mit Hochgeschwindigkeit ins Internet anstatt selbst gemalte Landschaftsaquarelle per Brieftaube zu versenden.

Greenwashing

Doch der Grat, wo die unterstützende Funktion von Technologie für die Umwelt endet und die Interessen an wirtschaftlicher Gewinnmaximierung beginnen, ist ein äußerst schmaler. Es ist deshalb nicht nur legitim, sondern notwendig, die Motivation hinter Vorhaben wie jenem von Microsoft mit einer großen Portion Skepsis zu betrachten. Wer „Biodiversität retten“ sagt und zugleich Milliarden-Investitionen in „Präzisionslandwirtschaft und Landnutzungsoptimierung“ ankündigt, betreibt Greenwashing in Reinform.

Denn es ist wohl kaum zu erwarten, dass Microsoft seine planetarische Erfindung kostenlos Kleinbäuer*innen dieser Erde zur Verfügung stellen will, um ihnen ein selbstermächtigendes Werkzeug in ihrem täglichen Kampf gegen multinationale Agrar-Konzerne in die Hand gibt. Agrar-Konzerne, die auf einander abgestimmtes Saatgut und Pestizide zugleich produzieren und so dafür verantwortlich zeichnen, dass mit dem industriellen Lebensmittelsystem 75% der Artenvielfalt verloren gegangen sind. Bleiben wir bei der Realität: Von Technologisierung in der Landwirtschaft profitiert erwiesenermaßen in erster Linie die Agro-Industrie und nicht jene kleinteiligen, nachhaltig wirtschaftenden Betriebe, die naturerhaltend produzieren.

"Durch den Einsatz digitaler Werkzeuge und fortschrittlicher Rechenkapazitäten können Regierungen Land kaufen, um Nationalparks einzurichten, umweltsensible Ökosysteme und Feuchtgebiete zu schützen, Zufluchtsorte für Wildtiere zu schaffen und Stätten des kulturellen Erbes zu erhalten“, schreibt Smith. Natürlich könnten Regierungen gesammelte und ausgewertete Informationen für ökologisches Landmanagement nutzen, aber da will uns Microsoft wohl ein wenig ökoromantischen Sand in die Augen streuen; Regierungen könnten all das bereits jetzt tun, mit herkömmlichen Bodendaten tun. Machen sie aber nicht. Die Bolsonaros dieser Welt werden aber sicherlich ihre helle Freude an allem haben, was sie ressourcenreiche Böden in indigenen Naturschutzgebieten noch optimierter verscherbeln und ausbeuten lässt.

Gamechanger?

Es sei überdeutlich, dass die Welt einen besseren Zugang zu Umweltdaten brauche, um die natürlichen Systeme, von denen die Gesellschaft abhängt, bewerten, diagnostizieren und behandeln zu können“, preist Microsoft Daten, die durch maschinelles Lernen gewonnen werden, als die ultimativen Gamechanger im Kampf gegen die Klimakrise an.

Technologisch mag der Planetary Computer vielleicht eine Innovation sein, aber mit dieser Aussage entlarvt der Gigant seine Pläne definitiv als alten Hut mit langem Bart in der Klima-Debatte. Denn es liegen seit Jahrzehnten genügend Daten auf dem Tisch. Die wissenschaftliche Basis ist da. Die Welt braucht nicht noch mehr Umweltdaten. Was sie braucht ist einzig und allein der Wille in Politik und Wirtschaft, die längst bekannten notwendigen Schritte zu gehen.

Für die Umwelt ist der Planetary Computer kein Gamechanger, aber sicherlich im Marktstreit der Tech-Riesen darum, wer das beste Öko-Image verkauft.

Über die Autorin

Tina Wirnsberger ist Trainerin für nachhaltige Wirtschaft & Politik und Sozialpädagogin. Sie war bis Jänner 2019 Grüne Stadträtin für Umwelt und Frauen in Graz.