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Peter Glaser: Zukunftsreich Superkontrolle: Die nächsten 10 Jahre.

Foto: Thomas Peter
Ausblicke in die Zukunft der Überwachung: Privatsphäre als Snobismus, offensive Schamlosigkeit – und das absolut Unkontrollierbare

2014: Die Aufregung über den von Edward Snowden losgetretenen Skandal um die totale Überwachung der gesamten digitalisierbaren internationalen Kommunikation hat sich erstaunlich schnell wieder gelegt. In der Folge vorherrschend ist eine Mischung aus Resignation und der Verführung durch die unwiderstehlichen Anreize und Bequemlichkeiten des Internet.

Neue Regulierungsmaßnahmen kann die NSA teils mit einfachen Mitteln umgehen. So sammeln beispielsweise spezialisierte Unternehmen wie ChoicePoint die persönlichen Daten von Abermillionen Privatpersonen und verkaufen sie an die Behörden. Am Erfolg dieser Branche ist in den USA kurioserweise ein Datenschutzgesetz schuld. Der Privacy Act von 1974 untersagt es Behörden, Daten zu sammeln, die nicht unmittelbar ihre Arbeit betreffen. Den privaten Datensammlern ist keine solche Beschränkung auferlegt. Sofern ein Budget verfügbar ist, brauchen sich Beamte dafür, was Hardware und Software angeht, nicht zurückzuhalten. Neue Technologie zu kaufen, ist integraler Teil der 9/11-Mentalität. Gesucht sind technische Lösungen für soziale Probleme.

Algorithmen unterscheiden „normales“ und „ungewöhnliches“ Verhalten

2015: Weltweit sind mehrere 100 Millionen Überwachungskameras aktiv, die von Sicherheitsbehörden betrieben werden. Bereits 2003 hatte die Forschungsabteilung des US-Verteidigungsministeriums DARPA das Projekt „Combat Zones That See“ (CTS) begonnen. Über ein massives Netz von vernetzten Überwachungskameras kann damit alles verfolgt werden, was sich in einer Stadt bewegt. Und Kameras, die einfach nur aufnehmen, was zu sehen ist, sind Schnee von gestern: Visuelle Künstliche Intelligenz erkennt nun Autonummern und analysiert Live-Videos. Die Algorithmen können zwischen „normalem“ von „ungewöhnlichem“ Verhalten von Menschen unterscheiden, Zusammenhänge zwischen Orten, Personen und Aktivitätszeitpunkten herstellen und die vorliegenden Daten so analysieren, dass daraus Schlüsse auf künftige Aktivitäten und Situationen gezogen werden können.

Die Software, ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt, wird nun auch zivil eingesetzt, unter anderem in den polizeilichen Real Time Crime Centers von Großstädten. Deren Software war schon zuvor in der Lage, Daten aus bisherigen Straftaten mit Wetterberichten, wirtschaftlichen Indikatoren, Veranstaltungshinweisen, Zahltagen u.ä. zu verknüpfen und Kriminalitätsmuster sichtbar zu machen, die darauf hinweisen, wann und wo es Probleme geben könnte. Seit die Software 2005 eingeführt wurde, sei beispielsweise die Kriminalitätsrate in Memphis, Tennessee, um 30 Prozent gesunken.

Privatsphäre kommt ganz aus der Mode

2016: Privatsphäre wird zunehmend als Snobismus empfunden und gerät, gemeinsam mit mechanischen Festplatten, aus der Mode; dementsprechend werden die Menschen - online wie offline - schamloser („Ich habe nichts zu verbergen“).

2017: Seit klar ist, dass überseeische wie europäische Geheimdienste sämtliche Verbindungsdaten einkassieren, aus denen sich die sozialen Beziehungen eines Individuums ablesen lassen, sind die klassischen Schutzmechanismen - Verschlüsselung und Anonymisierung - wirkungslos. Nun werden die ersten Versuche publik, der Schnüffelei auf anderem Weg zu entgehen – etwa, indem man ein ganzes Beziehunggeflecht simuliert. Aber wie fälscht man ein soziales Netz? 2011 hatte die britische Journalistin Jenny Kleeman von zunehmenden Fällen berichtet, in denen Menschen schwere Krankheiten oder Traumata vortäuschen, um online Sympathien und Aufmerksamkeit abzusammeln. Der Aufbau einer solchen falschen Identität dauert oft Monate und erfordert eingehende Recherchen, um eine bis ins Detail glaubwürdige Geschichte präsentieren zu können. Um das Lügengespinst möglichst überzeugend wirken zu lassen, gehört meist noch eine Gruppe fiktiver Freunde dazu. Der Psychiater Marc Feldman hat für das Syndrom die Bezeichnung „Münchhausen By Internet“ (MBI) eingeführt. Die Methode wird jetzt in veränderter Form dazu eingesetzt, um seinem realen Freundeskreis zu schützen.

Das Gegenteil von Angst

2018: Bemerkenswert, wie viele Menschen das Gegenteil von Angst vor Überwachung zu empfinden scheinen. Nie war der Wunsch, zu sehen und gesehen zu werden, so ausgeprägt und obsessiv wie heute. Themen wie Datenschutz und Überwachung scheinen unter einer Art Aufmerksamkeits-Jetlag zu leiden. Immer mehr Menschen begegnen den Entwicklungen affirmativ. Sie geben einer Freude an einer Art gemeinschaftlichem Exhibitionismus nach, die offenbar die ganze Gesellschaft erfasst hat. Noch weiß niemand, wohin uns diese neue Art von Offenheit führen wird. Werden ins Geheimnislose entleerte Menschen übrigbleiben? Im Wilden Westen wurden Leute per Steckbrief gesucht. Nun möchte man sich gern finden lassen und pinnt deshalb seinen eigenen, möglichst ausführlichen Steckbrief an möglichst viele digitale Bäume.

2019: Überwachung verwandelt sich von einem passiven Akt - beobachten, belauschen, analysieren - zunehmend in eine steuernde Aktivität. Waren die Nutzer bislang Dienstleister ihrer eigenen Maschinen, die mit immer mehr Daten versorgt werden wollen, werden sie nun zu einem Teil der Maschine, die Anleitungen gibt, bei Entscheidungen hilft – und die kontrolliert, ob auch alles richtig gemacht wurde. Nicht nur der Einzelne, auch die Masse unterliegt zunehmend verdeckten Beeinflussungen im Netz. So hat etwa HBGary, ein Unternehmen der US-Security-Branche, eine Software entwickelt, mit der man beliebig viele Identitäten in Sozialen Netzen erzeugen kann, um beispielsweise den Eindruck einer breiten Meinungsfront zu erzeugen.

Gebäude, die Aufstände bekämpfen

2020: Öffentliche Gebäude in Problembezirken werden zunehmend in Form von „Intelligent Buildings“ errichtet, die in der Lage sind, kleinere Aufstände selbständig zu erkennen und unter Kontrolle zu bringen, indem sie Unruhestifter im Aufzug einschließen oder beruhigende Psychopharmaka versprühen.

2021: Die zunehmend alternden Bevölkerung macht notgedrungen neue Überwachungsmaßnahmen nötig, etwa die Ortung verwirrter Patienten oder lebensunterstützende Räume, deren Fußboden den Bewohner wiegt, dessen Sensorium Medikamenteneinnahme oder Flüssigkeitskonsum im Auge behalten, etc. Ein Wertewandel beginnt, im Zuge dessen auch sehr intime Überwachungsmaßnahmen positiv besetzt werden.

Die Unkontrollierbaren

2022: Eine Untergrundbewegung, die sich „unkontrollierbar!“ nennt, versucht neue Anläufe gegen die Allmacht der Abhörer und staatlichen Spanner. In der Art von Spam-Wellen breiten sich Massenverschlüsselungen und Krypto-Bots aus, die Mails und Chats zwangsverschlüsseln. So gehören Leute, die ihre Nachrichten verschlüsseln, plötzlich nicht mehr zu einer Minderheit, die sich durch ihre Schutzmaßnahme auffällig macht. Man pflegt analoge Netze („Freundschaften“), verständigt sich auf Geheimzeichen und lernt Bewegungsverschlüsselung (Kryptomotion), um automatische Überwachungssysteme in die Irre zu führen. Und: Methoden, die ursprünglich zur Unterstützung von Dissidenten in totalitären Staaten angewandt wurden, werden nun im eigenen Land genutzt.

Kontrollkrise

2023: Die zu bürokratischen und machtversessenen Kolossen herangewachsenen Nachrichtendienste, allen voran die NSA, geraten in eine Sinnkrise ähnlich der Raumfahrtindustrie zu Anfang des 21. Jahrhunderts. Immer deutlicher tritt zutage, dass den immensen Kosten kaum ein praktischer Nutzen gegenübersteht. Die ständige Beschwörung der Terrorgefahr hat sich abgenützt. Allfällige Anschlagspläne werden nach wie vor hauptsächlich durch herkömmliche Aufklärungsarbeit aufgedeckt. Der Moloch zeigt Risse.

(futurezone) Erstellt am 05.10.2013, 06:00

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