Meinung
11.01.2014

Wir Zeitreisende

Anläßlich der Weltausstellung 1964 in New York beschrieb der SF-Autor Isaac Asimov, wie er sich eine solche Ausstellung 50 Jahre in der Zukunft vorstellte – im Jahr 2014.

Wie es sich für Visionen gehört, liegen Asimovs Entwürfe für‘s Zukünftige etwas im Nebel. So beschreibt er allgegenwärtige „elektrolumineszente Armaturen“, die manchen heutigen Betrachter wohl an die Touchscreens von Smartphones, Tablets und E-Lesegeräten erinnern werden, bei denen immerhin die Hintergrundbeleuchtung elektroluminesziert. Genausogut kann man sich aber auch auf kitschige Ambientbeleuchtung hingewiesen fühlen, die ihre Pastellfarben im weichen Wechsel durchläuft, wenn der Autor von „sanft glühenden Decken und Wänden“ spricht, die er in den Räumlichkeiten des 21. Jahrhunderts vermutet. Dass Fenster nicht mehr in Mode sein sollen, dafür aber Untergrund-Städte, wollen wir ihm nachsehen; immerhin setzt er für die verbleibenden wenigen Scheiben hellsichtig auf die Entwicklung von photochromem Glas, das sich je nach Lichteinfall von selbst abdunkelt oder aufhellt.

Imbiss in der Algen-Bar

Neben der für die Sechzigerjahre typischen Lust an vollautomatisch zubereiteten Fertiggerichten findet sich eine ungewöhnlich realistische Prognose: „Ich vermute, dass es auch 2014 eine kleine Ecke in der Kücheneinheit geben wird, in der individuelle Gerichte von Hand zubereitet werden können.“ An kulinarischen Angeboten 2014 sieht Asimov auf der Weltausstellung 2014 eine „Algen-Bar“, in der „falscher Truthahn“ und „Pseudosteak“ serviert werden.

Roboter werde es zwar geben, „aber sie werden weder besonders verbreitet noch besonders leistungsfähig sein.“ Von den großen Elektronengehirnen im IBM-Pavillon des Jahres 1964 schließt er auf künftige, stark verkleinerte Versionen, die als „Gehirn“ eines Robo-Dienstmädchens fungieren werden. Staubsaugroboter? Vielleicht. Natürlich werden im Jahr 2014 Filme im Kino in 3D gezeigt, zur Vorstellung muß man sich allerdings nach wie vor drei Stunden anstellen – „manche Dinge ändern sich nie“. Zu Hause haben wandgroße Bildschirme die herkömmlichen Fernsehkisten ersetzt. Stattdessen gibt es transparente Würfel, die dem 3D-Fernsehen im Wohnzimmer dienen, jedenfalls bei Asimov.

Mondkolonien und Unterwassersiedlungen

Elektrogeräte werden kabellos von langlebigen Nuklearbatterien angetrieben, billige Nebenprodukte der weitverbreiteten „Kernspaltungs-Kraftwerke“. Gut, dass der Visionär sich darin getäuscht hat. Sonnenkraftwerke in der Erdumlaufbahn lenken die gewonnene Energie mit großen Parabolspiegeln auf die Erdoberfläche, auf denen die überfüllten Highways besser genutzt werden durch Schwebefahrzeuge, die notfalls ganz ohne Straßen auskommen. Selbstverständlich gibt es auch Mondkolonien und Unterwassersiedlungen.

Nahe an den selbstfahrenden Google-Autos sind AsimovsFahrzeuge mit Roboter-Gehirnen“, die ein eingestelltes Ziel selbständig ansteuern, „ohne dazu die langsamen Reflexe eines menschlichen Fahrers in Anspruch nehmen zu müssen“. Sie sieht er als eine der Hauptattraktionen der Weltausstellung 2014 – angesichts des Rummels um autonome und vernetzte Autos auf der aktuellen Consumer Electronics Show muß man ihm hier für seine Weitsicht gratulieren.

Warum mancher Heutige Asimov hellseherische Fähigkeiten unterstellt, weil er „die Videotelefonie vorausgesagt“ habe, ist allerdings nicht ganz nachzuvollziehen. Denn zu den Ausstellungsstücken von Bell System gehörte bereits auf der Weltausstellung 1964 sowohl ein „Picturephone“ als auch die Demonstration der ersten Computermodems. Und ein Jahr zuvor hatte Douglas Engelbart die Computermaus erfunden. Sich deren Siegeszug vorzustellen, überforderte aber auch alle anderen Science-Fiction-Autoren.

Massenleiden Langeweile

Der Ausflug in die Zukunft endet skeptisch. Trotz - oder wegen - der immensen Fortschritte in der Automatisation „leidet die Menschheit bitterlich unter Langeweile, die mit jedem Jahr an Intensität zunimmt“, weshalb Psychiater in jener Zukunft, die nun Gegenwart ist, die mit Abstand verbreitetsten Fachärzte sein werden. „Die wenigen Glücklichen, die irgend eine Art kreativer Tätigkeit ausüben können, werden deshalb zu einer Elite der Menschheit gehören, die mehr tut als nur Maschinen zu bedienen.“

In einem hat Asimov sich übrigens grundlegend geirrt: 2014 gibt es überhaupt keine Weltausstellung (und die von 1964 war im übrigen nicht offiziell anerkannt worden). Die nächste vom Bureau of International Expositions (BIE) abgesegnete Weltausstellung wird 2015 in Mailand stattfinden.

Isaac Asimov: „Visit to the World's Fair of 2014