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Meinung

Die größten Knutschflecken der Welt

Bei den Schwimmbewerben sind einige Sportler mit Cupping-Spuren zu sehen

Wenn man Olympiasportlern zusieht, kann man oft nur staunen: Das sind tatsächlich Menschen? Die gehören zur selben Spezies wie ich? Mit denen teile ich fast meine gesamte DNA? Warum führen die dann Bewegungen vor, die von den meinen ähnlich weit entfernt sind wie die eines Delfins oder einer Königskobra? Warum haben diese Profischwimmer durchtrainierte Muskeln sogar an Stellen, wo ich nicht einmal Stellen habe?

Bei den Olympischen Spielen in Tokyo stach bei den Schwimmern noch eine weitere Besonderheit ins Auge: Bei manchen von ihnen waren große, tiefrote Kreise auf der Haut zu erkennen, als hätte man eine Muskelpizza mit Salamischeiben belegt. Schon bei den Olympischen Spielen 2016 hatte man das gesehen, bei Schwimm-Superstar Michael Phelps. Es handelt sich um die Folgen einer alternativmedizinischen Behandlung – dem Schröpfen, auch „Cupping“ genannt.

Heiß und blutig

Dabei wird meist ein brennender Wattebausch in ein Glas gehalten, danach wird das Glas mit der Öffnung nach unten auf die Haut aufgesetzt. Die Luft im Glas kühlt ab und zieht sich zusammen, dadurch entsteht ein Unterdruck und die Haut wird ein Stück weit in das Glas hineingezogen. Dabei werden Blutkapillaren in der Haut zerrissen, so entstehen die typischen roten Kreise – genau wie bei Knutschflecken, nur eben ohne die angenehmen Nebeneffekte.

Radikaler ist das sogenannte „blutige Schröpfen“. Dabei wird die Haut vorher angeritzt, dadurch saugt das Vakuum im Schröpfglas Blut aus dem Körper, angeblich werden dabei gefährliche Giftstoffe entfernt. Überzeugende wissenschaftliche Belege für irgendwelche positiven Effekte dieser Prozedur fehlen. Aber darum geht es eigentlich auch gar nicht. Das Schröpfen ist Teil einer viel älteren und ziemlich falschen Idee: Der Vorstellung, alles Übel im Körper käme von geheimnisvollen Giften die man irgendwie heraussaugen muss.

Aberglaube und Körpersäfte

Schon in der Antike machte man falsche Mischungen von Körpersäften für Krankheiten verantwortlich. Heute hat sich ein merkwürdiger Natürlichkeitsmythos verbreitet, der uns Angst vor allen Substanzen einredet, die „künstlich“ oder „chemisch“ hergestellt wurden und unseren Körper durcheinanderbringen sollen. Und die muss man dann angeblich entfernen – mit dem Detox-Fußbad, mit einer radikalen Entschlackungskur, oder eben durch das Schröpfen.

Doch das ist nichts als magisches Denken. So funktioniert der Körper nicht. Ja, wir haben täglich mit Giftstoffen zu tun, das ist wahr. Zum Glück hat unser Körper ein sehr hochentwickeltes, komplexes System, um diese Gifte auszuscheiden. Nieren sind eine wunderbare Sache. Denen ist es auch ziemlich egal, ob sie mit natürlich vorkommenden oder im Chemielabor hergestellten Giften zu tun haben. Und die Vorstellung, man könnte irgendwie durch Unterdruck genau jene Stoffe aus dem Körper herausholen, die schädlich sind, entbehrt jeder Logik. Der Unterdruck im Schröpfglas ist kein Toxikologe, er kann Giftiges nicht von Ungiftigem unterscheiden.

Und so ist klar, wie man Schröpfspuren bei Olympiasportlern einordnen muss: Es ist Aberglaube. So wie ein magischer Talisman, den man um den Hals trägt, oder ein Mannschaftsritual vor dem Spiel. Natürlich kann das die Nerven beruhigen und Selbstsicherheit bringen. Placebowirkungen können im Sport durchaus wertvoll sein. Aber einen echten Einfluss auf Körper und Leistungsfähigkeit haben sie nicht. Und nur weil irgendwelche Stars seltsame Theorien glauben, muss man ihnen das noch lange nicht nachmachen.

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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