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Netzpolitik
05/08/2019

Cory Doctorow: „Wir müssen Online-Monopole zerschlagen“

Der Autor und Aktivist spricht sich gegen Regulierung großer Tech-Konzerne und für eine Zerschlagung von Facebook aus.

von Barbara Wimmer

Bei der Netzkonferenz re:publica, die in Berlin zum 13. Mal stattfand, ging es auch darum, wie wir das freie Internet aus den Händen der Tech-Konzerne retten können. Mit dieser Frage beschäftigte sich auch der bekannte Buchautor Cory Doctorow, der für seine Science-Fiction-Romane „Little Brother“ oder „Walkaway“ bekannt ist.

Das Problem, so Doctorow, sei nicht, dass uns Tech-Konzerne wie Facebook überwachen würden, sondern dass sie ein Monopol haben. „Auf Facebook reagieren Menschen auf die Nachrichten ihrer Freunde und antworten emotional aufgeladen. Es spielen Wut, Hass oder Liebe mit. Zwischendurch bekommen sie eine Werbung von Kühlschränken angezeigt, dann debattieren sie wütend weiter, um daraufhin noch mehr zielgerichtete Anzeigen von Kühlschränken zu bekommen“, sagte Doctorow.

Alternativen und Zerschlagung

„Wir brauchen Alternativen, damit nicht nur Facebook die Regeln zur Debattenkultur diktiert, sondern Menschen viele verschiedene Plattformen zur Auswahl haben, die sie zum Kommunizieren nutzen können“, so der Autor, der sich auch bei der Electronic Frontier Foundation (EFF) für Bürgerrechte einsetzt.

Würde man Plattformen wie Facebook nur strenger regulieren, würde man dem Konzern damit sogar in die Hände spielen, warnte Doctorow. „Facebook forderte vor kurzem gegenüber dem US-Kongress sogar, dass man sie strenger regulieren soll. Das geschieht mit dem Hintergrund, dass sich dies ein Konzern wie Facebook leisten kann, während kleinere Start-ups zu kämpfen haben, je mehr Auflagen man ihnen macht." Facebook könne zudem durch geschicktes Lobbying mitbeeinflussen, wie weit die Regulierung geht. Das Einzige, was helfen würde, wäre Facebook aufzubrechen. „Wir müssen Online-Monopole zerschlagen“, forderte Doctorow.

Monopolisierung ein generelles Phänomen

Eine ähnliche Ansage war vor kurzem auch von der EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager gekommen. Facebook sei nicht so stark, weil sie so gute, neue Produkte entwickeln würden, sondern lediglich deshalb, weil sie viele kleine Firmen aufkaufen würden und sich so Innovation einverleiben. Das würde man wettbewerbsrechtlich verhindern müssen, so die Ansicht des Buchautors.

Doctorow sprach allerdings nicht nur Monopole im Technologie-Bereich, sondern erklärte zudem, dass es in allen Bereichen immer weniger Unternehmen geben würde, weil große Firmen kleine schlichtweg aufkaufen würden. „Das Ganze passiert auch bei Brillen, oder in der Film- und Musikindustrie.“ Das Jahr, das er ausmachte, in dem der Grundstein für diese Entwicklung gelegt worden war, war 1979, das Jahr des ersten, kommerziellen Computers. Damals seien fast überall auf der Welt reiche Politiker an die Macht gekommen, die in Monopolen keine Probleme sahen, solange diese Konsumenten nicht benachteiligen würden. „Die Technik-Branche ist mies, weil alles mies ist“, sagte Doctorow.

Gegen Uploadfilter

Doctorow sprach zudem die EU-Urheberrechtsreform an, die von Kommission, Parlament und den Mitgliedstaaten beschlossen worden war und jetzt in den nächsten zwei Jahren von den Nationalstaaten umgesetzt werden muss.

Auch wenn darin vom Wording keine Uploadfilter enthalten seien, würde es technologisch auf den Einsatz von Uploadfiltern hinauslaufen, um urheberrechtlich geschützte Inhalte vorab überprüfen zu können. „Die Datenmengen schafft kein Mensch“, so Doctorow. „Damit werden Internet-Nutzer gesprochen, bis ihre Unschuld bewiesen ist“, sagte der Aktivist.

Auf die Frage aus dem Publikum, welche Politiker man bei der kommenden EU-Wahl, die am 26. Mai stattfindet, wählen solle, sagte er: „Diejenigen, die die EU-Urheberrechtsreform vor den Europäischen Gerichtshof bringen werden!“

Noch gibt es eine Chance

Für das freie Internet gefährliche Entwicklungen sah Doctorow allerdings auch in Australien, Großbritannien und den USA. „Das vergangene Jahr haben diese gefährlichen Entwicklungen rasant zugenommen“, warnte Doctorow. Er glaube jedoch daran, dass es eine Zukunft gebe, in der Menschen nicht von Tech-Konzernen überwacht werden und in der Technologie demokratisch eingesetzt werde.