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Netzpolitik
07/14/2020

Huawei wird zum 5G-Schreckgespenst gemacht

Großbritannien schließt Huawei aus, um sich an den USA anzubiedern. Diese werfen Huawei Spionage für China vor.

von Franziska Bechtold

Großbritannien hat sich dafür entschieden, Huawei vom Ausbau des 5G-Netzes auszuschließen. Denn neben zahlreichen Verschwörungsmythen über die gesundheitlichen Folgen eines 5G-Ausbaus, die beispielsweise in Großbritannien zum Niederbrennen mehrere 5G-Masten führten, werden vor allem Sicherheitsaspekte heiß diskutiert.

Und im Zentrum der Debatte steht Huawei. Dass das so ist, liegt an den USA. Diese übt derzeit Druck auf europäische Länder aus, um Huawei von Infrastrukturunternehmungen auszuschließen. Und Großbritannien hat dem Druck nachgegeben. Das Argument der USA: Huawei würde im großen Stil für die chinesische Regierung spionieren.

Hintertür für Spionage

Huawei, Ericsson, ZTE, Nokia und Cisco liefern Hardware, mit denen die Mobilfunker ihre Infrastruktur ausbauen. Hier setzt die Befürchtung an, dass Unternehmen wie Huawei bereits bei der Produktion eine sogenannte Hintertür (Backdoor) einbauen könnten. Diese nachträglich zu finden ist dann fast unmöglich und zum Schließen der Hintertür muss oft die ganze Hardware-Komponente getauscht werden. Bei einem laufenden 5G-Netz würde das bedeuten: Netzausfälle.

Politiker und Behörden, vorrangig aus den USA, befürchten, dass Huawei mit der Hintertür jederzeit absichtlich das Netz ausfallen lassen könnte - speziell in Krisenzeiten. Auch die Sorge, dass die Standorte, Nachrichten und Telefonate von Millionen Bürgern und Regierungsinstitutionen abgegriffen und an die chinesische Regierung weitergegeben werden, ist groß.

Vorwürfe auch von Deutschland

Anfang des Jahres hatte das Wall Street Journal mit Bezug auf Vertreter der US-Regierung berichtet, so eine Hintertür gebe es bei Huawei-Hardware seit 2009. Huawei dementiert die Verbindung nach Peking seit jeher vehement und handfeste Beweise für die Behauptung wurden bisher keine vorgelegt.

Anfang 2020 hatte das Handelsblatt berichtet, die deutsche Regierung habe Informationen darüber, dass Huawei mit der chinesischen Regierung zusammenarbeite. Tatsächliche Belege wurden für die Behauptung wurden auch hier nicht veröffentlicht. Huawei dementiert die Vorwürfe gegenüber der futurezone. In einem Statement von Roman Hoffmann, Vize-Präsident von Huawei Austria, heißt es: 

"Huawei ist ein unabhängiges Unternehmen im Eigentum der Mitarbeiter. Wir würden niemals ein Land, eine Organisation oder eine Einzelperson gefährden oder schädigen, insbesondere wenn es um Cybersicherheit und den Schutz der Privatsphäre von Benutzern geht.

Huawei hat noch nie den Auftrag bekommen, Backdoors oder Spyware in die Systeme zu integrieren. Selbst wenn eine solche Anfrage gestellt werden würde, wäre es Huawei nicht einmal theoretisch möglich diese zu erfüllen, da Huawei die Netzwerke weder besitzt oder betreibt geschweige denn Zugriff darauf hat."

US-Spionage und Cisco

Diese Backdoor-Technologie, mit der Staaten Zugriff auf die Netze anderer Staaten erhalten und so Spionage betreiben, ist weder neu noch eine chinesische Erfindung. In Österreich wird etwa in der Verordnung über „die Überwachung des Fernmeldeverkehrs“ festgelegt, dass Telekommunikationsbetreiber die Möglichkeit zur Überwachung, beispielsweise zur strafrechtlichen Verfolgung, ermöglichen müssen. Dass Geheimdienste Schlupflöcher nutzen, um andere Staaten und die eigenen Bürger auszuspionieren, sollte spätestens seit Edward Snowdens Enthüllungen keine Überraschung mehr sein.

Der Whistleblower machte 2013 auf die umfangreiche Spionage durch den amerikanischen Geheimdienst NSA aufmerksam. Seither steht auch der US-Netzwerk-Anbieter Cisco immer wieder in der Kritik, durch Sicherheitslücken und bewusst eingebaute Hintertüren die US-Spionage zu unterstützen. So gab es die Vermutung, dass die NSA Cisco-Technik abfängt, Überwachungswerkzeuge implementiert und dann weiter versendet. Erst zu Beginn des Jahres hat Cisco erneut 5 große Schwachstellen geschlossen, die es Angreifern ermöglichen konnten, sich ins Netzwerk einzuklinken.

Mangelhafte Cybersicherheit

Großbritannien hatte zur Evaluierung der Sicherheitsrisiken durch Huawei das Huawei Cybersecurity Evaluation Centre (HCSEC) eingerichtet. In dessen Bericht werden dem Unternehmen „ernsthafte und systemische Defekte in der Software-Entwicklung und Cybersicherheits-Kompetenz“ vorgeworfen. Man habe zahlreiche Sicherheitslücken gefunden, allerdings ist auch hier an keiner Stelle von einer Hintertür die Rede.

Auf eine parlamentarische Anfrage an Bundeskanzler Sebastian Kurz vom April hieß es, er habe „keine Kenntnisse“ darüber, ob es „bei 3G- und 4G-Equipment von Huawei und ähnlichen chinesischen Unternehmen Verdachtsfälle von Cyberspionage oder ähnlichen Sicherheitsrisiken gab". Der Ausschluss des chinesischen Mitbewerbers würde derzeit eher aufgrund der politischen Beziehungen zur USA basieren, als auf einer tatsächlichen Beweislage.

EU warnt vor "risikoreichen Anbietern"

Die EU-Kommission hat sich im Jänner auf einen Kompromiss geeinigt. In ihrer Risikobewertung der 5G-Netze wird kein Anbieter ausgeschlossen. Allerdings wird empfohlen, „risikoreiche Anbieter“ – Huawei wird nie namentlich benannt –  von „kritischen oder sensiblen“ Teilen der Netzwerke fernzuhalten. Als Beispiele solcher sicherheitsrelevanten Bereiche nannte Magrethe Vestager von der EU-Kommission Verteidigungseinrichtungen oder Forschungsinstitute. 

In Österreich hält man sich aus den Diskussionen weitestgehend raus. In der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage hieß es im März lediglich: „Für den Netz-Rollout sind die Telekomunternehmen zuständig, weshalb diesen auch die Auswahl der Netzwerkhersteller obliegt. Es gelten die gesetzlichen Regelungen des Telekommunikationsgesetzes und der einschlägigen Verordnungen."

Huawei, Magenta und die Telekom

Keiner der 3 großen österreichischen Mobilfunker hat bisher eine Entscheidung getroffen, ob beim 5G-Ausbau mit Huawei zusammengearbeitet wird. Während A1 die Zusammenarbeit mit Nokia fortsetzen möchte, arbeitet Drei für 4G und 5G vor allem mit ZTE zusammen. Allerdings habe Huawei bei Drei einen „kleinen Footprint“. Magenta hingegen verfolgte bisher eine „Multi-Vendor-Strategie für die verwendeten Netzwerkelemente. Hersteller sind vor allem Ericsson, Nokia, Cisco und Huawei“, wie ein Unternehmenssprecher der futurezone mitteilt. Für den 5G-Ausbau gebe es noch keine Entscheidung.

Der Magenta-Mutterkonzern Deutsche Telekom fährt eine deutlichere Strategie. Sie will die langjährige Zusammenarbeit mit Huawei auch für den 5G-Ausbau weiterführen und sogar auf „US-freie“ Netzbauteile setzen, wie das Handelsblatt berichtet. Da die gesamte bestehende Infrastruktur der Deutschen Telekom auf Bauteilen des chinesischen Herstellers basiert, würde ein Umbau aufgrund von gesetzlichen Regulierungen für den Konzern ein Schaden in Milliardenhöhe bedeuten. In Großbritannien müssen alle bisher verbauten Huawei-5G-Komponenten bis 2027 ausgetauscht werden. 4G-Komponenten dürfen nach jetztigem Stand bleiben.

Würde die EU statt der eher seichten Richtlinien ein umfassendes und konsequentes Verbot von Hardware verlangen, die nicht in der EU hergestellt wird, wäre der finanzielle Schaden enorm. Mit Huawei und ZTE sind 2 chinesische Anbieter am Netzbau beteiligt, Cisco ist aus den USA. So blieben noch Nokia (Finnland) und Ericsson (Schweden) übrig. Der Umbau aller Netze in den EU-Staaten und alle bisher verwendeten Bauteile anderer Anbieter zu entfernen, könnte Analysten zufolge Kosten in Milliardenhöhe produzieren.

Huawei kontert 

Huawei ist derzeit um Schadensbegrenzung bemüht und versucht mit eigenen Zahlen zu kontern. Das Ausscheiden von Huawei beim Netzausbau könnte laut einer vom Unternehmen selbst beauftragen Studie zufolge eine Verzögerung bis 2023 und einen Verlust des Bruttoinlandprodukts der EU bis 2035 von 40 Milliarden Euro bringen. Für Österreich würde das einen Verlust von 1,1 Milliarden Euro bedeuten, so die Studie.

Bisher ist noch keine Entscheidung in Österreich gefallen, ob Huawei weiterhin am Netzausbau teilnehmen darf. Die britische Entscheidung Huawei auszuschließen ist Analysten zufolge vor allem politischer Natur, da nach dem Austritt aus der EU ein günstiges Handelsverhältnis mit den USA angestrebt wird und diese wiederum andere Staaten von einem Huawei-Bann überzeugen wollen.