Netzpolitik
05/09/2017

Reinhold Mitterlehner: "Kanzler als Pizzabote ist kein Vorbild"

In einer fünfteiligen futurezone-Serie stellen sich die österreichischen Partei-Spitzen einem Social-Media-Check und geben Einblick in ihre Strategien.

Es hat ein wenig gedauert, aber inzwischen sind Online-Kampagnen und Social-Media-Aktionen bei österreichischen Parteien und Spitzenpolitikern Standard geworden. Niemand kommt mehr ohne Facebook-Seite aus und regelmäßig führen mehr oder weniger gut geglückte Postings zu mehr oder weniger heller Aufregung in den sozialen Medien.

Grund genug einmal bei den Parteispitzen nachzufragen, wie sie es denn persönlich mit Social Media halten, wie sie mit Shitstorms umgehen und wo vielleicht etwas Selbstkritik angebracht wäre. Im vierten Teil der futurezone-Serie spricht ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner über seine Strategie im Umgang mit den sozialen Medien.

futurezone: Im Vergleich zu anderen Spitzenpolitikern, vor allem auch zu Ihrem Parteikollegen Sebastian Kurz, sind Sie eher unscheinbar in den sozialen Medien unterwegs. Können Sie dieser Kommunikationsform wenig abgewinnen oder ist es einfach nicht wichtig für Sie?
Reinhold Mitterlehner: Nein, wir nützen alle Kanäle intensiv: von klassischen Medien in Print, TV, Radio und Online bis zu Twitter und Facebook, sowohl über die persönlichen Seiten, als auch über die ÖVP-Bundespartei.

Der Bundeskanzler hat kürzlich Pizza ausgeliefert und damit großen Wirbel in den sozialen Medien ausgelöst. Wäre eine solche oder ähnliche Aktion für Sie vorstellbar - immerhin, der Aufmerksamkeit kann man sich sicher sein?
Der Kanzler als Pizzabote ist kein Vorbild. Bei aller Notwendigkeit von PR-Aktionen darf man nicht die eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen. Inszenierung ist wichtig, aber eben nicht alles. Irgendjemand muss ja auch noch die Arbeit machen. Man darf nicht vergessen, dass Politik immer noch das mühsame Bohren harter Bretter ist. Von der Ansage bis zum Beschluss ist es oft ein langer Weg.

Was ist im Wahlkampf heute wichtiger: Eine Kampagne auf Facebook oder sind es immer noch Klassiker wie Plakate oder das Verteilen von Flyern auf der Straße?
Beides hat seine Berechtigung und muss aufeinander abgestimmt sein. Der persönliche Kontakt ist aber nach wie vor extrem wichtig. Ich glaube auch, dass sich Politiker wieder stärker der hierarchiefreien Diskussion stellen sollten: an den Stammtischen, in den Betrieben, auf der Straße. Auch in den USA setzten Wahlkämpfer neben professionellen Online-Kampagnen zuletzt auch wieder verstärkt auf persönliche Hausbesuche. Unabhängig davon wollen wir unsere vielen Bürgermeister besser einbinden. Sie sind wichtige Verstärker in den Regionen und haben das Ohr nahe an den Anliegen der Bürger. Daher tauschen wir uns stärker und systematischer als früher mit ihnen aus.

Wünschen Sie sich strengere gesetzliche Regeln für soziale Medien? Welche Verantwortung tragen die Plattformbetreiber aus Ihrer Sicht bei Hass und Hetze?
Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, in dem alles erlaubt ist. Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, endet aber etwa dann, wenn andere bedroht werden oder zu Gewalt aufgerufen wird. Hier sind auch die Plattformbetreiber stärker gefordert.

Wie viel Zeit pro Tag verbringen Sie persönlich mit Social Media?
Eine halbe Stunde.

Wie viel Persönliches geben Sie im Netz von sich preis und wo ziehen Sie die Grenze?
Bei meiner Familie.

Wie gehen Sie mit Angriffen auf Ihre Person, mit Shitstorms um? Sind diese Dinge “part of the game” oder eine echte Belastung?
Darauf gibt es nur eine richtige Reaktion: professionell und sachlich.

Über welche Diskussion/Aufregung in den sozialen Medien haben Sie sich am meisten geärgert?
Keine.

Auf welche Social-Media-Kampagne Ihrer politischen Mitbewerber waren Sie ein bisschen neidisch?
Auf keine.

Welches Handy haben Sie?
Ein iPhone.

Morgen im letzten Teil unserer Social-Media-Serie mit den Parteispitzen: Bundeskanzler Christian Kern. Wo er die Grenzen zum Privaten zieht, wie er mit Kritikern umgeht und wie sein Resümee nach #Kernliefert ausfällt.

Nachlese:
Teil 1: Matthias Strolz im Social Media Check
Teil 2: Eva Glawischnig im Social Media Check
Teil 3: Heinz-Christian Strache im Social Media Check