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12/18/2018

Canon EOS R im Test: Besser als befürchtet, schlechter als erhofft

Die erste Vollformat-Systemkamera von Canon macht viel richtig, ist aber nicht das, worauf Canon-Fotografen so lange gewartet haben.

Willkommen in der Gegenwart Canon, wir haben schon auf euch gewartet. Sony hat vor fünf Jahren seine erste Systemkamera mit Vollformat-Sensor auf den Markt gebracht – jetzt ist auch der Digitalkamera-Weltmarktführer Canon soweit. Zwar hatte der vorher schon ein paar Systemkameras, aber eben noch nicht mit Vollformat-Sensor.

Was der Vollformat-Sensor bringt: Mehr Lichtempfindlichkeit und damit weniger ISO-Rauschen, ein schöneres Bokeh und meist eine allgemein bessere Bildqualität. Er ist deshalb die Wahl für die meisten Profi- und halbprofessionellen Fotografen. Kombiniert man den Vollformat-Sensor mit dem Format der Systemkamera, die kleiner und leichter als eine Spiegelreflexkamera (DSLR) ist, ist das ein Win-Win – und mit Grund dafür, warum etliche Nikon- und Canon-Fotografen in den vergangenen Jahren ihre Setups aufgegeben haben und zu Sony gewechselt sind.

Damit die Abwanderung zur Konkurrenz gestoppt wird, gibt es jetzt die Canon EOS R (2520 Euro, UVP). Ich habe sie getestet und bin irgendwo zwischen erleichtert und leicht enttäuscht.

Neue Bedienelemente

Optisch sieht die EOS R auf den ersten Blick wie eine etwas kleinere Canon-DSLR aus, ohne so günstig wie die Einsteiger-DSLR 200D zu wirken. Der Griff ist gut gelungen und ausreichend groß – auch wenn größere Objektive genutzt werden. Hier kann sich Sony mit seiner A7 III, dem Konkurrenzmodell zur EOS R, ein Beispiel nehmen.

Was mir gar nicht gefällt, ist der Wegfall der typischen Canon-Bedienelemente, wie ich sie von der 5D-Serie kenne und schätze. Es gibt keinen Joystick zum Wählen des Fokuspunktes. Es gibt keine Tasten für ISO, Weißabgleich und Drive. Auch die Bildstil-Taste fehlt an der Rückseite. Ein paar andere Tasten wurden fusioniert, was einigermaßen sinnvoll gelöst ist.

Um die fehlenden Tasten für ISO, Weißabgleich und Drive zu ersetzen, gibt es jetzt ein Menü, das durch Drücken der M-Fn-Taste geöffnet wird. Dieses Mini-Menü wird über die zwei Räder der Kamera bedient. Mit einem Rad scrollt man durch die Funktionen, etwa um ISO oder Weißabgleich zu wählen. Mit dem anderen Rad werden die Werte gewählt, also etwa ISO 800. Das ist gewöhnungsbedürftig und fühlt sich, für erfahrene Canon-Fotografen, langsam und umständlich an. Zudem ist die M-Fn-Taste klein und sehr weit vorne am Gehäuse – für so eine essenzielle Taste ist das keine gute Position. Beim Fotografieren durch den Sucher habe ich ein paar Mal unabsichtlich die Video-Aufnahme-Taste erwischt, als ich nach der M-Fn-Taste gesucht habe.

Unnötige Wischleiste

Die M-Fn-Leiste ist Canons Antwort auf… nichts. Keiner der großen anderen Hersteller verwendet so etwas bei den Vollformat-Systemkameras. Die M-Fn-Leiste ist eine Softtouch-Fläche an der Rückseite, rechts neben dem Sucher. Man kann entweder links und rechts tippen, oder wischen. Es gibt keinerlei Feedback beim Drücken und das Wischen ist ungenau, da man schnell mal über die gewünschte Einstellung hinwegwischt.

Zudem löst man die M-Fn-Leiste beim Hantieren mit der Kamera oft ungewollt aus. Zwar kann man eine Sperre einstellen, allerdings muss man dann zwei Sekunden die Leiste gedrückt halten, um sie zu aktivieren. Das ist eine gefühlte Ewigkeit, nur um etwas Einzuschalten, damit man danach eine Einstellung vornehmen kann.

Die möglichen Belegungen für die M-Fn-Leiste sind nicht ganz durchdacht. So kann man etwa keine getrennten Funktionen für Fotografieren und Filmen einstellen. Wählt man die Movie-Funktion für das Kontrollieren des Audiopegels, ist die M-Fn-Leiste in den Foto-Modi nicht nutzbar. Am sinnvollsten ist für mich die Leiste mit der Lupenfunktion zu belegen, um beim Blick durch den Sucher zu zoomen und so den korrekten Fokus zu kontrollieren. Das ändert aber nichts an dem unbeabsichtigten Auslösen. Nach mehreren Foto-Sessions habe ich die Leiste deshalb deaktiviert.

Always-On-Display

Eine Hommage an DSLRs ist das Display an der Oberseite. Mit dem Haupt-Display und Sucher hat die EOS R somit drei Bildschirme. Sony verzichtet bei seinen Vollformat-Systemkameras auf so einen Extra-Bildschirm, da die Infos ohnehin am Display oder im Sucher zu sehen sind.

Canons Grund für das Zusatz-Display ist auch, dass die EOS R kein physisches Moduswahlrad hat. Stattdessen wir der aktuell gewählte Modus immer in dem quadratischen Top-Display angezeigt, auch wenn die Kamera ausgeschaltet ist.

Das Auswählen der Modi ist ungeschickt gelöst. Zuerst drückt man die Mode-Taste, die im zweiten Drehrad untergebracht ist. Jetzt kann man durch Drehen nur zwischen den Foto-Modi wählen. Um zu den Video-Modi zu wechseln, muss man vorher die Info-Taste drücken. Es ist zwar vorbildlich, dass die Video-Modi hier einzeln aufgeschlüsselt anstatt in Sub-Menüs verpackt sind, aber dass zum Wechseln zwischen Foto- und Video-Modi eine zusätzliche Taste gedrückt werden muss, anstatt mit dem Rad hinzuscrollen, ist umständlich.

Kleinigkeiten

Im Fotografie-Alltag fallen noch weitere Kleinigkeiten bei der EOS R auf. So wird etwa der Annäherungssensor, der zwischen Sucher und Display wechselt, nicht deaktiviert, wenn man das Display ausklappt. So kommt es vor, dass man beim unauffälligen Fotografieren oder bei schwierigeren Winkeln ungewollt das Display deaktiviert, weil der Sensor zu nahe am Körper ist oder von einem Teil der Kameraschlaufe bedeckt wird.

Der Verzicht auf den Joystick schmerzt sehr. Sony hat bei seiner A7 III extra einen hinzugemacht, weil die User dies geforderten haben, und Canon lässt ihn weg. Zwar kann die Vier-Wege-Taste genutzt werden, allerdings ist das langsamer als mit Joystick. Um den Fokuspunkt wieder in die Mitte zu bringen, muss die Löschen-Taste gedrückt werden. Bei der 5D Mark IV kann hier hierfür auf den Joystick gedrückt werden. Am einfachsten ist es bei der EOS R den Fokuspunkt durch Tippen auf den Touchscreen festzulegen.

Der Leise-Modus ist in allen seinen Stufen noch immer relativ laut für eine Systemkamera. Er ist nicht unangenehm laut aber nicht so leise, wie bei manchen DSLRs. Das Q-Menü kann nicht mehr selbst belegt werden. Warum diese Software-Funktion gestrichen wurde, die bei der 5D Mark IV vorhanden ist, ist nicht verständlich. Das M-Fn-Menü wird zwar am Touchscreen angezeigt, jedoch kann die Einstellung nicht per Touch geändert werden.

Sucher und Display

Der elektronische Sucher hat eine sehr gute Darstellung, ist kontrastreich, scharf und ohne schwarze Ränder beim Nutzen. Auch das Haupt-Display hat eine angenehme Darstellung und gute Maximalhelligkeit, jedoch keine automatische Helligkeitsregelung. In der Standard-Einstellung ist es für leicht dunkle Umgebung bereits zu hell. Das tatsächliche Foto ist dann viel dunkler, als die Darstellung am Display.

Sehr gut ist, dass das Display ausgeklappt und gedreht werden kann. Auch das Drehen nach vorne ist möglich, was etwa beim Machen von Videos hilft, wenn man keinen Kameramann bei der Hand hat. Der Klappmechanismus hat aber einen toten Winkel, weil er ausgeklappt nicht komplett um 360 Grad gedreht werden kann. Ein kleiner Schönheitsfehler ist auch, dass das Display, wenn es seitlich ausgeklappt ist, leicht schief ist. Das ist beim präzisen Überkopffotografieren irritierend. Außerdem versagt die elektronische Wasserwaage bei Aufnahmen aus der Vogelperspektive.

Sehr gelungen ist der Touchscreen. Der reagiert flott und genau. Außerdem ist er nahezu immer nutzbar, egal ob man durch die Menüs navigiert oder damit Kamera-Einstellungen ändert. Hier ist Canon der Konkurrenz von Sony weit voraus.

Neue Objektive

Die EOS R nutzt einen neuen Bajonett-Anschluss, den Canon „RF“ nennt. Der Durchmesser entspricht den EF-Objekten, allerdings ist er weniger tief. Abgesehen vom Bajonett sind die RF-Objektive mindestens genauso groß wie ihre EF-Gegenstücke – das 24-105 ist sogar etwas dicker als die EF-Version.

Neu ist, dass die RF-Objektive einen zusätzlichen Ring haben, der im Menü der Kamera mit verschiedenen Funktionen belegt werden kann. Ein altes „Problem“ ist, dass Canon nach wie vor auf einen Bildstabilisator im Gehäuse verzichtet. Derzeit haben nur zwei der vier verfügbaren RF-Objektive einen Bildstabilisator eingebaut.

Die EF-Objektive (und auch EF-S-Objektive) können mit einem Adapter auf der EOS R genutzt werden. Der Adapter ist im Lieferumfang enthalten. Er wirkt sich nicht negativ auf die Leistung der EF-Objektive aus. Die Schärfe ist wie gewohnt gut, wobei die RF-Objektive im direkten Vergleich minimal mehr Schärfe produzieren. Auch beim Autofokus ist kein wesentlicher Unterschied zwischen den RF- und EF-Objektiven bemerkbar.

Leistung

In der Alltagsbedienung gerät die EOS R nicht ins Straucheln oder Ruckeln, sondern reagiert so flott, wie es sein sollte. Diese Geschwindigkeit überträgt sich aber nicht auf den Serienbildermodus. Acht Bilder pro Sekunde sind nur ohne kontinuierlichen Autofokus möglich. Mit Autofokus sind es fünf, allerdings gibt es dann im Sucher eine Diashow der gemachten Bilder statt einer Live-Ansicht. Im Menü kann die Live-Ansicht aktiviert werden, diese funktioniert aber nicht mit EF-Objektiven. Hierfür muss der Serienbildermodus auf drei Bilder pro Sekunde reduziert werden. Die Sony A7 III schafft zehn Bilder pro Sekunde mit kontinuierlichen Autofokus und acht mit Live-View für Display und Sucher.

Im Gegensatz zur Sony A7 III und Canons eigener DSLR 5D Mark IV hat die EOS R nur einen Kartenslot für SD-Karten. Immerhin unterstützt dieser den UHS-2-Standard. Als Akku kommt der LP-E6N zum Einsatz, der auch in Canon DSLRs zu finden ist. Dieser kann per USB-C direkt in der Kamera geladen werden, allerdings ist die EOS R wählerisch bei den Ladegeräten. Bevor man sich also darauf verlässt, sollte man vor der Reise testen, ob das Handyladegerät auch die EOS R aufladen kann.

Das Rating des Akkus liegt bei 370 Aufnahmen – bei der Sony A7 III sind es 610. Der Unterschied ist nicht nur auf dem Papier vorhanden, sondern auch im Alltag bemerkbar. Wer die EOS R intensiv nutzen will, sollte in den Batteriegriff und einen zweiten Akku investieren.

Autofokus

Hier ist die EOS R auf Rekordkurs. Laut Canon hat sie 5655 Autofokuspunkte, die 88 Prozent des horizontalen und 100 Prozent des vertikalen Bilds abdecken. Es gibt etwas weniger Autofokus-Modi und -Einstellungen als bei der 5D Mark IV. Dafür gibt es aber einen Autofokus mit Augen-Priorität, was bei Porträts sehr hilfreich ist. Der Modus ist aber nicht für den kontinuierlichen Autofokus verfügbar. Das Motiv und man selbst müssen also sehr ruhig halten, damit der Fokus da bleibt, wo er sollte.

Der kontinuierliche Autofokus mit Motiv-Tracking funktioniert gut im Tele-Bereich, beginnt im Weitwinkel-Bereich aber auch bei gutem Licht gelegentlich zu pumpen. Ab und zu kam es auch vor, dass bei statischen Motiven der Fokus zu pumpen begann. Dies trat am häufigsten bei Kunstlicht und Situationen mit wenig Licht auf. Auch der Single-Autofokus ist nicht ganz konstant. Bei einer Aufnahme eines Hauses in der Nacht, vom Stativ aus, fokussierte die EOS R mit jedem zweiten Drücken auf einen anderen Teil, wie etwa das Dach, die rechte Seite, dann links hinten, usw. Auch die Belichtung wurde unterschiedlich gemessen, obwohl sich die Lichtquellen im Bild nicht änderten.

Bildqualität

Der Vollformat-Sensor der EOS R hat 30 Megapixel, so wie bei der 5D Mark IV. Die Bildleistung ist ähnlich, aber nicht ident. Das Bild ist allgemein schärfer, was auch daran liegt, dass das Standard-Bildprofil in der EOS R, bei der Schärfe einen Punkt höhergestellt ist (4 statt 3). Angenehmerweise sind die Halo-Artefakte, bei denen Motive von einem hellen Schein umringt zu sein scheinen, geringer als bei der 5D Mark IV – ganz weg sind sie aber nicht.

Sehr gut sind die Farben, die die EOS R bei JPGs fabriziert. Rot ist etwas kräftiger als bei der 5D Mark IV, der leichte Gelbstich ist reduziert. Dafür ist bei einigen Situationen mit wenig Licht eine minimale Grünlastigkeit zu entdecken, wenn man Helligkeit, Kontrast und Sättigung im Bildbearbeitungsprogramm korrigiert.

Auch wenn die JPGs sehr ansprechend sind – vor allem, wenn man Canon-Kameras gewohnt ist – bin ich mit der Sony A7 III zufriedener. Der höhere Dynamikumfang liefert bei der Sony-Kamera mehr Bilder, die ohne oder mit wenig Nachbearbeiten genutzt werden können. Bei der EOS R sind gerade bei Fotos mit wenig Licht doch einige Korrekturen nötig. Die 5D Mark IV liefert bei höheren ISO-Werten etwas mehr Dynamikumfang als die EOS R.

ISO-Rauschen beginnt, bei den meisten Motiven, ab 1600 bei der EOS R in der 100-Prozent-Ansicht bemerkbar zu werden. Bei ISO 6400 sieht man es auch in der verkleinerten Darstellung am PC. Bei der Sony A7 III ist das Bildrauschen merkbar geringer.

Video

Die Canon EOS R kann 4K-Videos aufnehmen, allerdings wird dazu nur der entsprechende Teil des Sensors verwendet. Das bedeutet einen Crop-Faktor von 1,8. Ein 35mm-Weitwinkel-Objektiv wird so zu einem 63mm-Tele-Objektiv. Downsampling, wie bei der Sony A7 III, gibt es nicht.

Der Rolling-Shutter-Effekt macht sich bei den 4K-Videos stark bei Schwenks bemerkbar. Immerhin sind die Farben der Videos gut. Dafür sind die Videos aber sehr weich, verglichen mit wie scharf die Fotos sind. Auch im direkten Vergleich mit der Sony A7 III und anderen Systemkameras fehlt den 4K-Videos der EOS R Schärfe, wodurch Details verloren gehen.

Wenn man schöne Videos machen will, sollte man zum 1080p-Modus wechseln. Die Videos sind schärfer und haben mehr Details. Die EOS R sticht hier die Sony A7 III aus, deren 1080p-Modus eine der größten Schwächen der Kamera ist.

Fazit

Zuerst das Positive: Die Canon EOS R ist nicht so schlimm wie befürchtet. Canons erste APS-C-Systemkamera war damals mittelmäßig furchtbar, die EOS R ist aber durchaus gelungen. Sie ist allerdings nicht das, was viele Canon-Fotografen erhofft hatten. Es ist keine Systemkamera-Version der 5D Mark IV und kann diese nicht ersetzen oder ablösen. Sie ist nicht mal als Zweitkamera für Profifotografen gedacht, die primär mit der 5D-Serie fotografieren – dazu sind die Bedienelemente zu verschieden.

Die EOS R ist für ambitionierte Amateure, die sich noch nicht an die 5D-Serie herangetraut haben. Es ist für die, die von der 80D oder 6D Mark II auf etwas neueres oder Kompakteres wechseln wollen. Wer jetzt eine 5D Mark IV oder 5DS besitzt und aus Marken- oder Objektiv-Loyalität bei Canon bleiben möchte, sollte lieber auf die zweite Generation der EOS R warten. Wer sie jetzt kauft, könnte so enttäuscht davon sein, dass aus Frust zu Sony gewechselt wird. Und wer einfach nur eine leistungsstarke Systemkamera sucht, die für möglichst viele Fotosituationen geeignet ist, ist mit der Sony A7 III besser dran.

 

Technische Daten der EOS R auf der Website des Herstellers