pew pew pew! Die Mesh-WLAN-Flotte greift das Router-Flaggschiff an

© Gregor Gruber

Produkte
08/17/2019

Netgear Nighthawk AX12: Schlägt der Raumschiff-Router das Mesh-WLAN?

Mesh-WLANs haben das Ende der überdimensionierten Super-Router eingeleitet. Der 400 Euro teure AX12 will das Gegenteil beweisen.

von Gregor Gruber

Bis vor ein paar Jahren musste man noch brachiale WLAN-Router aufstellen, wenn man Internet in alle Winkel des Hauses bringen wollte. Die schwarzen Brocken hatten meist etliche abstehende Antennen. Dadurch sahen sie wie auf dem Rücken liegende Roboterkrabben oder -spinnen aus – eine Ästhetik, der höchstens Gamer etwas abgewinnen konnten.

Dann kamen die Mesh-WLANs. Freundlich weiß integrieren sich die dazu benötigten Stationen in die Wohnlandschaft. Preislich besteht kaum ein Unterschied. Ein Mesh-WLAN einer bekannten Marke mit drei Stationen kostet meist ähnlich viel wie ein High-End-Router, oder sogar weniger. Ist das das Ende der Robo-Router-Spinnen? Nicht, wenn es nach Netgear geht.

Mit den neuen Modellen der Nighthawk-Serie bringt der Hersteller Router, die sich optisch eher an Science-Fiction-Fans als an Arachnida-Freunde richten. Zudem sind sie vollgepackt mit den neuesten Technologien. Ich habe getestet, wie sich das Spitzenmodell Nighthawk AX12 (399 Euro) im Vergleich zu einem aktuellen Mesh-WLAN schlägt.

Nighthawk vs Deco P7

Orbi, Nighthawk und Deco P7

Wieso weshalb warum

Wenn es funktionierende Mesh-WLAN-Systeme gibt, wieso sollte man einen einzelnen, großen Router nutzen? Genau das versuche ich mit diesem Test herauszufinden. Der AX12 ist derzeit einer der leistungsstärksten Router für den Heimgebrauch. Er bietet Funktionen, die es in dieser Form und Leistungsklasse bei Mesh-WLAN-Systemen (noch) nicht gibt.

Aber auch User, die nicht nach genau diesen Funktionen suchen, können möglicherweise Mesh-WLANs nichts abgewinnen. Denn auch wenn die Verlockung überall WLAN zu haben groß ist, sind es dennoch drei Mesh-Stationen, die man aufstellen muss und die jeweils eine Steckdose benötigen. Ein einzelner Router scheint da das kleinere Übel zu sein – vorausgesetzt natürlich, er ist leistungsstark genug.

Das Raumschiff unter den Routern

Ein nicht zu unterschätzender Bonus für mich ist das Design des AX12: Er sieht wie ein Raumschiff einer feindseligen Gruppierung aus einem Science-Fiction-Film aus. Das ist ein deutliches Upgrade zum Facehugger- und Spinnen-Design von Highend-Routern anderer Hersteller.

Die Flügel sind außerdem einklappbar, was das Raumschiff-Feeling noch zusätzlich erhöht. Der AX12 kann auch mit eingeklappten Flügeln genutzt werden, wenn etwa weniger WLAN-Abdeckung benötigt wird. Für die maximale Leistung – und aus optischen Gründen – klappt man die Flügel aus.

So ist der Router allerdings nicht gerade unauffällig. Er misst 31 x 19 x 4,5 cm und wiegt 1,3 Kilogramm. Mit eingeklappten Flügeln ist er etwa 8 cm hoch. Er hat einen aktiven Lüfter eingebaut. Dieser aktiviert sie je nach Bedarf. In meinem mehrwöchigen Test wurde er nie wahrnehmbar laut.

Anschlüsse

An der Rückseite gibt es einen Schalter, um die LEDs zu deaktivieren. Die zwei LEDs an der Oberseite sind aber ohnehin recht dezent, selbst in dunklen Räumen. Weiters gibt es an der Rückseite einen Ethernet-Anschluss für das Modem und vier normale 1-Gigabit-Anschlüsse. Zwei davon unterstützen Link Aggregation. So kann etwa ein NAS-Server mit 2 Gbps angeschlossen werden, sofern der diese Funktion unterstützt.

Als der erste Netgear-Router für den Heimgebrauch hat der AX12 einen Multi-Gigabit-Anschluss, der 1, 2,5 und 5 Gigabit unterstützt. Natürlich muss auch das damit verbundene Endgerät diese Geschwindigkeiten unterstützen.

Außerdem gibt es zwei USB-3.0-Anschlüsse, die ebenfalls 5 Gigabit unterstützen. Ein mögliches Anwendungsszenario: Über den Multi-Gigabit-Anschluss ist ein Computer mit einer 10-Gigabit-Netzwerkkarte angeschlossen. Von dort aus kann man jetzt mit hoher Geschwindigkeit Dateien auf die SSD spielen, die per USB 3.0 mit dem AX12 verbunden ist. Die Inhalte der SSD können dann andere Geräte im WLAN streamen. Natürlich kann man das Ganze auch ohne 5-Gigabit-Port machen, es dauert nur etwas länger.

WiFi 6 und WPA3

Ebenfalls an Bord ist der neueste WLAN-Standard WiFi 6 (802.11ax). Wie schon beim Test des Magenta-Gigabit-Tarifs beschrieben, ist das der derzeit schnellste WLAN-Standard, um drahtlos Daten zu übertragen. Router, die diesen Standard unterstützen, sind derzeit noch rar, genauso wie Endgeräte. Mit dem AX12 ist man jedenfalls zukunftssicher.

Auch WPA3 wird unterstützt, der Nachfolger des derzeit gängigen Sicherheitsstandards WPA2. Hier muss man aber beachten, dass die Endgeräte WPA3 unterstützen müssen. Wird das WLAN mit WPA3 gesichert, können sich nur WPA3-kompatible Geräte verbinden – und davon gibt es momentan nicht viele.

Der AX12 unterstützt 12 WLAN-Streams – daher auch der Name. Dadurch sollte es keine Engpässe geben, wenn viele Geräte gleichzeitig das WLAN mit hohen Bandbreiten beanspruchen. Allerdings sind 4 dieser Streams für das 2,4-GHz-Band vorgesehen, das eigentlich nur noch von alten Geräten genutzt wird. Im 5-GHz-Band stehen die 8 Streams nur zur Verfügung, wenn eine Kanalbreite von 80 MHz genutzt wird. Wählt man eine Kanalbreite von 160 MHz (bis zu 1.2 Gbit/s pro Stream statt 600 Mbit/s) sind nur noch 4 Streams verfügbar. Man muss sich also entscheiden, ob man die maximale Geschwindigkeit haben oder mehr Geräte störungsfrei betreiben will.

Installation und App

Falls das alles schon zu kompliziert geklungen hat, wird man vermutlich eher zu einem Mesh-WLAN geneigt sein – oder jetzt erst recht Lust bekommen haben, sich mit WLAN- und Netzwerktechnik zu beschäftigen. Das Einrichten des AX12 ist zum Glück wenig kompliziert. Wer schon Erfahrung mit Netgear-Produkten hat, wird vermutlich das Web-Interface routerlogin.net nutzen. Alternativ kann die Nighthawk-App am Smartphone genutzt werden.

Die App ist simpel aufgebaut, ohne Optionen, die allzu sehr in die Tiefe gehen. Das Aktivieren des AX-Modus für WiFi 6 kann etwa nicht in der App gemacht werden. Auch das Auswählen der Kanalbreite ist nicht möglich. Immerhin gibt es die Geräteverwaltung und einen Speedtest (keine automatische Messfunktion), sowie die Möglichkeit per App aus der Ferne auf die Routereinstellungen zuzugreifen.

Router vs Mesh: Fight!

Bei der Ethernet-Verbindung gewinnt der AX12 deutlich. Auch bei der reinen Maximalgeschwindigkeit im WLAN ist der AX12 dem Mesh-WLAN, einem Netgear Orbi RBK23 (300 Euro), überlegen. Dies hat der Magenta-Gigabit-Test gezeigt, bei dem die günstigere Variante, der Nighthawk AX8 (315 Euro) zum Einsatz gekommen ist. Jetzt muss der AX12 zeigen, wie er sich in der Kategorie WLAN-Abdeckung gegen das Mesh-WLAN Orbi schlägt. Auch das TP-Link Deco P7 wurde getestet. Da es aber schlechter abgeschnitten hat als das Orbi-System und der AX12, wird es nicht im Detail erwähnt.

Getestet wurde in einer knapp 110 m² großen Wohnung, mit einer tragenden Trennwand. Diese schwächt das Signal von günstigeren WLAN-Routern meist signifikant. Erschwerend kommt hinzu, dass sich der AX12 gegen acht weitere WLAN-Netze durchsetzen muss, die von den Nachbarn hereinstrahlen.

Getestet wurde mit dem Samsung Galaxy S10+ mit der RTR Speedtest-App. Es wurde die maximale Internetgeschwindigkeit getestet, weil dies für die meisten User der Hauptgrund ist, ein flächendeckendes WLAN zu betrieben: Um überall zuhause Internetzugang haben. Die maximal mögliche Geschwindigkeit sind 260 Mbit/s. Für den Test wurde das 2,4-GHz- und 5-GHz-WLAN des AX12 getrennt betrieben. Auf Wunsch können die beiden Bänder auch zu einer Netzwerk-SSID zusammengefasst werden.

And the winner is…

Der Router wurde im Wohnzimmer, neben Modem und der Orbi-Basisstation, platziert. Dort lieferte er 260 Mbit für 5 GHz und 110 Mbit für 2,4 GHz, genauso wie Orbi. Im Zimmer nebenan waren es dieselben Messwerte. In einem weiteren Zimmer daneben (Luftlinie 8 bis 9 Meter) waren es 260 (5 GHz) und 85 Mbit (2,4 GHz). Bei Orbi waren es „nur“ 250 Mbit.

Spannender wird es auf der anderen Seite der tragenden Wand. Im hintersten Eck des Badezimmers konnte die Netzwerk-SSID des 5-GHz-Netzes des AX12 nicht mehr gefunden werden. Habe ich mich aber vorher damit verbunden und bin dann ins Eck gegangen, waren es 110 Mbit (5 GHz). Das 2,4 GHz schaffte immerhin 53 Mbit. Orbi hat hier einen klaren Vorteil, da eine der drei Stationen eine Sichtlinie zum Bad hat: 200 Mbit.

In Küche und Esszimmer lieferten sowohl AX12 (5 GHz) als auch Orbi 250 bzw. 260 Mbit. Das ist sehr beachtlich. Andere getestete WLAN-Router ohne Mesh haben aufgrund der tragenden Wand in diesen Zimmern schon ordentlich Leistung eingebüßt. Die 2,4-GHz-Leistung des AX12 lag bei 62 Mbit in der Küche und 95 Mbit im Esszimmer. Im Schlafzimmer schafft der AX12 noch 210 Mbit (5 GHz) und 66 Mbit (2,4 GHz). Orbi profitiert hier von der nahegelegenen Station im Esszimmer und liefert 250 Mbit.

Was die Abdeckung angeht, ist das Mesh-WLAN Orbi, wie zu erwarten war, der Sieger. Der AX12 hat sich aber deutlich besser geschlagen, als ich es vermutet habe. Lediglich das Badezimmer stellte ein kleines Problem dar. In alle anderen Ecken der Wohnung wurden zwischen 210 und 260 Mbit geliefert. Bis auf das Badezimmer schneidet der AX12 auch besser ab als das Mesh-WLAN TP-Link Deco P7. Das nutzt ebenfalls drei Stationen, die aber kompakter gebaut sind als Orbi. Außerdem kostet es mit 200 Euro weniger als Orbi.

Fazit

Der Netgear AX12 lässt mich meine Entscheidung ein Mesh-WLAN zu nutzen tatsächlich nochmal überdenken. Als einzelnes Gerät liefert er fast dieselbe Leistung wie ein Mesh-WLAN mit drei Stationen und bietet noch zusätzliche Funktionen, wie etwa einen USB-Speicher für Netzwerkstreaming. Dafür kostet der AX12 mit 400 Euro aber auch nahezu 100 Euro mehr als ein gutes Mesh-WLAN-System mit drei Stationen.

Der Nachteil des AX12: Man ist weniger flexibel. Die Mesh-Stationen kann man herumschieben, um noch mehr Abdeckung herauszuholen. Man kann sogar, wenn nötig, weitere Stationen hinzufügen. Der Router wird hingegen meist in Modem-Nähe stehen, wenn man nicht gerade Ethernet-Kabel durchs Haus verlegen will.

High-End-Router sind jedenfalls im Heimgebrauch noch nicht obsolet, auch wenn Mesh-WLAN-Systeme sie zunehmend verdrängen. Man muss sich allerdings gut überlegen, ob man für Features eines High-End-Routers zahlen will, die man dann vielleicht nicht nutzt. Hat man keine Lust darauf sich gute Orte in Steckdosennähe für drei Mesh-WLAN-Stationen zu suchen, wird einem der Aufpreis für den AX12 vermutlich nicht sonderlich schmerzen.

 

Technische Daten auf der Website des Herstellers