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10.01.2019

Überwachung und Unterhaltung: Was Auto-Konzerne von Google lernen

Wie werden sich Passagiere von selbstfahrenden Autos beschäftigen? Offenbar holt man sich Inspiration von Tech-Konzernen.

Üblicherweise dominieren Flat-TVs, Laptops und andere Gadgets die Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas. Doch seit einigen Jahren ist auf der größten Unterhaltungselektronik-Messe der Welt auch jeder namhafte Auto-Konzern zu finden. Dahinter steckt,dass die Technologie- und Auto-Branche näher zusammenrücken. Insbesondere das Wettrennen um selbstfahrende Autos zwingt Unternehmen, die früher fast nichts miteinander zu tun hatten, verstärkt zusammenzuarbeiten. Dabei beschäftigt viele Experten jetzt eine Frage: Was machen wir künftig im Auto, wenn wir nicht mehr selbst am Steuer sind?

Holoride, ein Audi-Start-up, hat beispielsweise eine Technologie entwickelt, die Bewegungen des Fahrzeuges auf Virtual-Reality-Spiele überträgt. Passagiere können sich während der Fahrt eine VR-Brille aufsetzen und in die Rolle von Marvel-Superheld Iron Man schlüpfen, der im gleichen Tempo wie das Auto über eine Landschaft fliegt und Gegner bekämpft. Da die virtuellen Bewegungen an die realen Gegebenheiten angepasst werden, wird das Erlebnis intensiver und der „Seekrankheit“-Effekt tritt nicht auf. Oftmals verspüren Nutzer Übelkeit, Schwindel oder Kopfschmerz, wenn die virtuellen Erlebnisse von den eigenen Sinnen abweichen. Obwohl es sich um eine Audi-Tochter handelt, soll die Technologie auch in Autos anderer Hersteller zum Einsatz kommen.

Zusätzliche Freizeit

Intel und Sensor-Hersteller Mobileye demonstrierten unterdessen einen umgebauten BMW X5, bei dem alle Fenster durch Bildschirme ersetzt wurden. Während der Fahrt kann der Nutzer ein auf die Fahrt angepasstes Batman-Abenteuer ansehen. Butler Alfred benachrichtigt über den Lautsprecher, dass eine Baustelle für Verzögerungen sorgt und eine andere Route gewählt werden muss. Für Stille bei derartiger Unterhaltung könnte aktive Geräuschunterdrückung sorgen, wie sie von Bose nun auch für Autos angeboten wird.

Auch Arbeit soll im Auto der Zukunft möglich sein. BMW, Volvo und Microsoft präsentierten bereits entsprechende Konzepte für Meetings in fahrenden Autos, beispielsweise per Videochat oder Virtual Reality. Die Fahrt zum Supermarkt oder Shoppingcenter soll ebenfalls obsolet werden, einfach per Bildschirm das Benötigte auswählen und die Bestellung wird parallel nach Hause geliefert. Honda demonstrierte bereits, wie man in seinem Infotainment-System Dream Drive Einkaufen, Restaurants buchen, Essen bestellen und Kinotickets kaufen kann.

Die Hersteller setzen große Hoffnungen in derartige Angebote. Eine Studie des Chip-Herstellers Intel besagt, dass bis 2050 jährlich 200 Milliarden US-Dollar mit derartigen Diensten generiert werden. Allein in den verkehrsreichsten Städten der Welt sollen dank selbstfahrender Autos bis zu 250 Millionen Stunden pro Jahr frei werden, die statt Fahren für andere Zwecke genutzt werden können.

Blickrichtung wird überwacht

Derzeit erfordern Autos noch die Aufmerksamkeit des Fahrers, auch jene mit Fahrassistenzsystemen. Das soll künftig mithilfe von im Innenraum verbauten Kameras sichergestellt werden. Wer während der Fahrt zulange nicht auf die Straße schaut, wird per Rütteln im Lenkrad oder Fahrersitz daran erinnert. Audi und Tesla verbauen bereits in einigen ihrer Modelle entsprechende Systeme, diese sind aber noch nicht aktiv. Subaru, Mazda und das deutsch-chinesische Start-up Byton bringen 2019 ebenfalls Autos mit derartigen Technologien auf den Markt. Laut Reuters haben zudem zahlreiche Zulieferer von Gesichtserkennungs-Systemen Verträge mit namhaften Auto-Herstellern abgeschlossen. Der Verband NCAP, der die Sicherheit neuer Fahrzeuge bewertet, will künftig Fahrzeuge mit derartigen Assistenzsystemen zudem besser einstufen.

Kameras im Innenraum können auch Personen erkennen und zahlreiche Details, wie Temperatur, Musik und vieles mehr personalisieren. Der Byton M-Byte soll noch dieses Jahr mit einer derartigen Lösung auf den Markt kommen, andere Auto-Hersteller haben ähnliche Ideen bereits als Konzept präsentiert.

Der südkoreanische Hersteller Kia demonstrierte unter anderem ein System, das den emotionalen Zustand des Fahrers per Kamera und Pulssensor erfasst und diesen in Stresssituationen zu beruhigen versucht, beispielsweise durch Umleiten auf eine weniger stark befahrene Strecke oder das Anpassen von Temperatur und Musik. Samsung-Tochter Harman, das vorwiegend für Audio-Zubehör bekannt ist, demonstrierte eine ähnliche Lösung, die Auto-Hersteller zukaufen können.

Für Werbezwecke

Obwohl derzeit noch Sicherheits- und Komfort-Aspekte in den Vordergrund gestellt werden, könnten Auto-Konzerne diese Daten künftig auch zu anderen Zwecken nutzen. Wirft der Fahrer beispielsweise für längere Zeit einen Blick auf ein Lokal, Geschäft oder ein Plakat, könnte dieser später personalisierte Angebote dafür erhalten. Hier hoffen die Auto-Hersteller die Lücke zu Technologie-Konzernen wie Google, Facebook und Amazon schließen zu können.

Unklar ist, ob Konsumenten diese Daten teilen wollen. Ein aktuelles Produkt liefert einen Indikator, dass Fahrern der Datenschutz wohl nicht so wichtig ist: Bereits im Vorjahr präsentierte der US-Versandhändler Amazon "Echo Auto", mit dem der Sprachassistent in älteren Pkw installiert werden kann. Mehr als eine Million Vorbestellungen gingen seit September ein, mittlerweile wird das unscheinbare, günstige Gerät ausgeliefert.