Zerstörte Satelliten im Weltall

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Science

Starlink-Satelliten für die Hälfte aller Beinahe-Kollisionen verantwortlich

Die ständig steigende Anzahl von Starlink-Satelliten im All ist für Expert*innen besorgniserregend. Derzeit sind die Satelliten von SpaceX bereits für 1.600 Beinahe-Kollisionen im Orbit verantwortlich – pro Woche.

Diese Zahlen kommen von Hugh Lewis, Europas führenden Experten für Weltraumschrott, berichtet space.com. Er hat dafür die Datenbank Socrates (Satellite Orbital Conjunction Reports Assessing Threatening Encounters in Space) analysiert. Diese enthält Daten von den Orbits von Satelliten und berechnet deren Flugbahnen, um Kollisionen zu vermeiden.

Bald entstehen 90 Prozent der Beinahe-Kollisionen durch Starlink

Die 1.600 Beinahe-Kollisionen entfallen zum Großteil auf nahe Vorbeiflüge von 2 Starlink-Satelliten. In 500 Fällen pro Woche kommt ein Starlink-Satellit einem Satelliten eines anderen Betreibers gefährlich nahe.

Insgesamt ist das Starlink-Satellitennetzwerk bereits für 50 Prozent der wöchentlichen Beinahe-Kollisionen verantwortlich. Wenn SpaceX seine Ausbauphase 1 beendet hat, sollten 12.000 Starlink-Satelliten im All sein. Laut Lewis werden diese dann für 90 Prozent aller knappen Vorbeiflüge verantwortlich sein.

Beinahe-Kollision bei weniger als ein Kilometer Abstand

Als Beinahe-Kollision, im englischen „Close Encounter“, gilt für Raumschiffe und Satelliten im Erdorbit eine Annäherung von weniger als ein Kilometer. Das scheint zwar viel, allerdings bewegen sich Satelliten im Orbit mit über 7 km/s fort (über 25.000 km/h). Eine kleine Fehlberechnung oder eine falsch eingeschätzte Situation kann große Auswirkungen auf die Flugbahn haben.

Zudem können die berechneten Flugbahnen um bis zu 100 Meter abweichen. Ein vermeintlich immer noch sicherer Vorbeiflug von 2 Satelliten mit 90 Meter Abstand, könnte tatsächlich ein Crashkurs sein.

Kaskaden-Effekt kann Leben auf der Erde stark beeinflussen

Die Folgen können weitreichend sein. Ein Crash würde nicht nur die 2 Satelliten zerstören, sondern erzeugt auch Trümmer und Weltraumschrott. Durch die Wucht des Aufpralls kann sich das Trümmerfeld in höhere und niedrigere Orbits erstrecken, was das Ausweichen folgender Satelliten erschwert. Geraten die auch ins Trümmerfeld und werden zerstört, entstehen noch mehr Trümmer.

Diese Kettenreaktion, auch Kaskaden-Effekt genannt, könnte solange weitergehen, bis die meisten Satelliten rund um die Erde zerstört sind. Das betrifft nicht nur Kommunikations- und Fernsehsatelliten, auch das GPS wäre dann lahmgelegt. Das würde nicht nur den weltweiten Frachtverkehr stark einschränken, sondern auch Infrastruktur, die das GPS-Signal als Zeitdienst nutzt. Bei der Stromversorgung könnten dadurch Spannungen nicht korrekt angeglichen werden, was wiederum einen Blackout auslösen kann.

Ausweichen kostet Geld

Damit das eben nicht passiert, gibt es die Close-Encounter-Alarme. Weil bisher nur wenig passiert ist (derzeit gibt es nur 3 bekannte Zusammenstöße von Satelliten), könnten Unternehmen hier nachlässig agieren. Denn Ausweich-Manöver kosten Geld.

Satelliten haben nur eine gewisse Menge an Treibstoff an Bord. Ist der verbraucht, können sie nicht mehr manövrieren und sind damit meist nutzloser Weltraumschrott. Je mehr also ausgewichen und manövriert wird, desto schneller wird der Satellit unbrauchbar und muss durch einen neuen ersetzt werden.

SpaceX nutzt ein automatisches System für Kurskorrekturen

Zudem sorgen Ausweichmanöver dafür, dass möglicherweise der Dienst für die Kund*innen beeinträchtigt ist. Im Fall von SpaceX kommt noch hinzu, dass bei einer so großen Menge an Satelliten nicht mehr alle Manöver von Menschen ausgeführt werden können.

SpaceX nutzt deshalb ein automatisch System zum Vermeiden von Kollisionen. Weil dies anscheinend bereits jetzt teilweise autonom arbeitet, gibt SpaceX nicht alle Manöver weiter, die seine Satelliten machen, sagt Lewis. Dies stellt alle anderen Satelliten-Betreiber und Raumfahrt-Behörden vor Probleme. Denn ohne die Bekanntgabe der Manöver, kann nicht präzise berechnet werden, wo sich der Starlink-Satellit als nächstes befinden wird.

Bereits im September 2019 kam es zu einem Vorfall mit SpaceX, der besorgniserregend war. Die europäische Weltraumagentur ESA musste den Kurs eines Wetterbeobachtungssatelliten korrigieren, weil ein Starlink-Satellit zu nahe kam. Eigentlich hätte SpaceX ausweichen müssen, reagierte aber nicht auf die Kontaktaufnahme der ESA. Später behauptete SpaceX, der Starlink-Mitarbeiter hätte wegen eines Bugs im Mail-System nicht die Nachricht der ESA gesehen.

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