Zu Besuch im A1 Start Up Campus

© KURIER/Michaela Bruckberger

Start-ups
06/24/2016

"Faymann hatte für Start-ups wenig übrig"

Seit einem Jahr betreibt A1 einen Start Up Campus in Wien. Die Fläche soll verdoppelt werden. Die Start-ups erhoffen sich von Bundeskanzler Kern bessere Rahmenbedingungen.

Gut ein Jahr nach dem offiziellen Start des A1 Start Up Campus haben die Projektverantwortlichen, aber auch die dort angesiedelten Start-ups eine erste Zwischenbilanz gezogen. A1, das im Rahmen des Programms Büroflächen, Infrastruktur, Beratung und Medienarbeit beisteuert und an den Start-ups beteiligt ist, freut sich über die ersten, teils internationalen Erfolge der jeweiligen Teams. Die Start-ups wiederum loben die Möglichkeiten, die sich durch den Konzern als „Türöffner“ in viele Vorstandsetagen ergeben.

Konzern vs. Start-up

„Konzernen wird eine gewisse Langsamkeit nachgesagt. Was man dabei vergisst – in den einzelnen Abteilungen sitzen oft Topleute, die ihrerseits selber wie Start-ups agieren“, sieht Parkbob-CEO Christian Adelsberger mehr Berührungspunkte als es viele erwarten würden. Die Macher hinter der App, die das Finden von freien Parkplätzen in der Stadt erleichtert, aber auch vor Parkverboten warnt, sind bereits das zweite Jahr am Campus. Kürzlich wurde die Warnung vor Kurzparkzonen in Wien auch in die von A1 betriebene Handy Parken App integriert. Weitere Parkbob-Funktionalitäten werden im Lauf des Jahres folgen.

Im Start-up-Hub ist neben Parkbob, der Registrierkassen-LösungReady2Orderund dem Immobilien-Finanzierungs-Start-upRevalauch der Gewinner von „Austria’s Next Top Start-up 2015“,HolidaysonWheelsvertreten, das sich auf barrierefreie Urlaubsdestinationen spezialisiert hat. Auch 2016 können Start-ups im Rahmen der von futurezone und A1 gemeinsam durchgeführten Start-up-Aktion „Austria’s Next Top Start-up“ einen der begehrten Plätze am Campus ergattern.Bewerbungen sind noch bis 1. August möglich, das Gewinner-Start-up wird von futurezone-Lesern und einer Experten-Jury gewählt.

Campus soll wachsen

„Kapazitätsmäßig sind wir hier schön langsam am Limit. Angedacht ist, die Campus-Fläche zu verdoppeln und weitere Start-ups auf den Campus zu holen“, erklärt Mario Mayerthaler, Leiter des A1 Start Up Campus, im Gespräch mit der futurezone. Von der Start-up-Kultur profitieren will der Konzern neben konkreten Geschäftskooperationen wie mit Parkbob und Ready2order auch über eine stärkere Anbindung des Konzerns an den Campus. Mitte Juni ist unter anderem ein A1-Projektteam vorübergehend am Campus eingezogen, das Produkte und Lösungen für jugendliche Kunden entwickeln soll.

Unter den Start-ups selbst herrscht am Campus ein freundschaftliches Miteinander. „Natürlich hilft man sich und bekommt auch den einen oder anderen wertvollen Tipp bezüglich Akquise oder Geschäftsstrategie“, sagt Reval-CEO Philipp Hain, der eine Crowdinvesting-Plattform für Immobilienprojekte auf die Beine stellen will. Investieren soll praktisch jeder können, die wählbaren Investitionsbeträge sind von 100 bis 10.000 Euro angesetzt. Auf diese Weise unterstützt Reval Bauträger und Projektentwickler und vermittelt attraktive Investitionsmöglichkeiten für Kleinanleger.

A1 als Türöffner für Vorstandsetage

Neben den Annehmlichkeiten am Campus profitiert Reval eigenen Angaben zufolge vor allem auch vom Namen und Image des A1-Konzerns in der Branche. „Das ist natürlich schon was ganz anderes, wenn man als Start-up quasi das Gütesiegel von A1 in der E-Mail-Signatur hat. Wir haben in den vergangenen Wochen mit Vorständen praktisch jedes großen Projektentwicklers in der Baubranche, aber auch in Banken persönlich sprechen können. Als kleines Start-up kommt man da sonst einfach nicht hin“, ist Hain im Gespräch mit der futurezone überzeugt.

Auch Ready2order, das im futurezone-Test vor wenigen Wochen als beste Registrierkassen-Lösung punktete, führt sein rasches Wachstum auf die Unterstützung durch den Konzern zurück. „Nach kurzer Zeit in allen A1-Shops in ganz Österreich und bei Mediamarkt/Saturn vertreten zu sein, das schafft man allein nicht“, sagt CEO Markus Bernhart. Dass andererseits die Eigeninitiative nicht zu kurz geraten darf, liege ohnehin auf der Hand. „Wer ein Unternehmen gründet, muss eine Portion Leichtsinn und Naivität mitbringen und auch bewusst das Risiko in Kauf nehmen, scheitern zu können“, fasst Bernhart seinen Zugang zur Start-up-Gründung zusammen.

Barrierefreies Urlauben

Die Erfahrung, dass auch jede noch so gute Idee nicht automatisch das richtige Geschäftsmodell findet, mussten die Entwickler von HolidaysonWheels machen. Sie arbeiten an einem Portal für barrierefreien Aktivurlaub für Rollstuhlfahrer und wollen die Plattform, die derzeit barrierefreie Tipps in der Region Villach-Faakersee-Ossiachersee abdeckt, auf ganz Österreich ausweiten. In Zukunft sollen zudem auch Angebote für seh- und hörbeeinträchtigte Urlauber inkludiert sein.

Aktuell sucht das Start-up aktiv nach Testern, welche barrierefreie Urlaubsangebote einem Realitätscheck unterziehen. „Man lernt jeden Tag dazu, so eine Idee zu einem funktionierenden Geschäftsmodell weiterzuentwickeln, ist enorm spannend“, meint HolidaysonWheels-CEO Agnes Fojan.

Selbstdarsteller nicht gefragt

„Die Auswahl der richtigen Start-ups ist enorm wichtig. Dabei müssen nicht nur die Idee, sondern auch die Chemie im Team stimmen. Wenn die Rollenverteilung unklar ist oder das Team mit dem ausgeprägten Geltungsdrang eines einzelnen kämpft, wird das Start- up die schweren Phasen, die noch bei jeder Unternehmensgründung auftreten, nicht überleben“, ist A1-Campus-Leiter Mayerthaler überzeugt. Als großen Vorteil des A1-Start-up-Hubs wertet er, dass das Programm den jungen Firmen drei Jahre Zeit gebe, um ihre Ideen bzw. ihr Geschäftsmodell zu optimieren.

Damit Wien sich noch stärker als Start-up-Zentrum etabliere, seien neben A1 auch andere große Konzerne gefordert. „Die müssen sich definitiv stärker engagieren“, richtete Mayerthaler einen Appell an die Branche. Vorstellbar und wünschenswert sei diesbezüglich auch, dass Wien, wie andere große Städte, endlich auch einen großen konzern- und branchenübergreifenden Start-up-Hub bekomme. „Bisher sind diese Bemühungen ja leider immer gescheitert, A1 ist aber immer daran interessiert, mit anderen Partnern auch etwas Größeres auf die Beine zu stellen“, so Mayerthaler.

Kanzler Kern als Start-up-Hoffnung

Kritik an den gesetzlichen Rahmenbedingungen und der Standortpolitik übten praktisch alle Start-up-Vertreter. „Wien hat sich als Start-up-Standort sicher super entwickelt in den vergangenen Jahren. Wir brauchen aber viel mehr, um mit London oder Paris mithalten zu können. Alles ist überreguliert. An den Universitäten werden Leute weit weg von den Bedürfnissen von Firmen ausgebildet anstatt zu vermitteln, dass unternehmerisches Denken nichts Böses oder Anrüchiges sein muss. Und auch die Rot-Weiß-Rot-Karte, um talentierte Leute aus dem Ausland anzulocken, ist viel zu kompliziert“, kritisiert Adelsberger von parkbob.

„Dass Kanzler Kerndas Thema zur Chefsache erklärt hatund mit Staatssekretär Mahrer einen Verbündeten hat, ist definitiv eine positive Entwicklung. Faymann hatte für Start-ups ja wenig übrig“, meint Ready2order-CEO Bernhart zur futurezone. HolidaysonWheels-Chefin Anges Fojan beurteilt Kerns Ansagen vorsichtiger: „Das war ein Zugeständnis an die Start-up-Branche, aber schauen wir mal, was jetzt konkret passiert.“

"Austria's Next Top Start-up" gesucht

Auch 2016 können Start-ups im Rahmen der von futurezone und A1 gemeinsam durchgeführten Start-up-Aktion "Austria’s Next Top Start-up" einen der begehrten Plätze am Campus ergattern. A1 steuert im Rahmen des Programms neben Bürofläche und technischer Infrastruktur auch juristische Beratung und Unterstützung bei der Medienarbeit bei. Bewerbungen sind noch bis 1. August möglich, das Gewinner-Start-up wird von futurezone-Lesern und einer Experten-Jury gewählt. Es ist zudem automatisch als Fixstarter für den jährlich stattfindenden futurezone Award nominiert.

Alle Informationen und Bewerbungsunterlagen sind unter folgendem Link abrufbar: https://futurezone.at/thema/austria-s-next-top-start-up