Analysis (installing) of processor in CPU socket
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Chipkrise wird 2022 zu Preiserhöhungen führen

Mikrochips waren 2021 sehr gefragt am Markt. Das liegt daran, dass es kaum mehr technische Geräte gibt, in denen diese nicht drin stecken: Neben Grafikkarten, Monitore, Laptops, Smartphones sind sie auch in Spielekonsolen oder Waschmaschinen verbaut.

In Autos sind im Schnitt gar 500 Stück Mikrochips drin. Vom Autofenster, das sich elektrisch öffnen lässt, bis zur Steuerung der Navigation reichen die Anwendungsszenarien, bei denen Chips dort notwendig sind. „Die Autobauer sind auf Chips angewiesen, denn das sind keine Nebenprodukte mehr, sondern zentrale Komponenten“, erläutert Arne Schulke, Professor für Transport und Logistik an der Internationalen Hochschule (IU) gegenüber der futurezone.

Keine langfristigen Bestellungen

Doch gerade die Autobranche hat während der Corona-Krise vergessen, sich um diese wichtige Komponenten rechtzeitig zu kümmern und kämpfte 2021 mit zahlreichen Produktionsstopps. Das liegt laut Schulke daran, dass Autohersteller*innen zu Beginn der Krise zahlreiche Lieferungen storniert und Bestellungen gestoppt haben.

Außerdem würde die Branche großteils erst dann Mikrochips bestellen, wenn sie tatsächlich benötigt werden. „Die Nachfrage bei den Chipherstellern ist aber so groß, dass sie sich um bestehende Kunden und langfristige Bestellungen zuerst kümmern. Das ist verständlich“, so Schulke. „Deshalb müssen Automobilhersteller*innen ihr Mindset ändern. Sie müssen verstehen, dass sich die Welt der Chips nicht um sie dreht“, sagt der Logistik-Experte.

Arne Schulke, Professor an der Internationalen Hochschule (IU)

Folge: Höhere Preise auch für Endkund*innen

Laut dem deutschen Elektronindustrieverband ZVEI führt die anhaltende Chipkrise auch zu steigenden Preisen. 2021 sind Halbleiter im Wert von rund 551 Milliarden US-Dollar verkauft worden. Die Zahl ist somit um 25 Prozent höher als 2020, beinhaltet neben den steigenden Preisen aber auch eine gestiegene Stückzahl an Mikrochips. "Es ist ein Mix, wobei wir den Mix jetzt nicht prozentual erklären können", sagte Christoph Stoppo von ZVEI.

Für Käufer*innen hat der steigende Preis bei Chips ebenfalls Auswirkungen. „Sie müssen damit rechnen, dass Autos immer teurer werden. Das Problem des Chipmangels trifft vor allem Kund*innen von kleineren Fahrzeugen, weil diese sich zuerst verteuern, weil sich der Markt in diesem Segment verdünnt“, erklärt Schulke. Zudem würde der Gebrauchtwagenmarkt boomen und auch hier die Preise massiv steigen. „Das sind Sekundärfolgen des Chipmangels. 2022 ist kein guter Zeitpunkt, sich ein neues Auto zu kaufen auf einem leergefegten Markt.“

Dass die Preise steigen, gilt freilich nicht nur für Autos. "Unsere Daten zeigen, dass sich die andauernden Halbleiter-Engpässe offenbar auch auf die Verbraucherpreise auswirken", sagt Michael Stempin, Preisexperte bei Idealo. Der Preisanstieg fiel teils deutlich aus und das galt für Waschmaschinen genauso wie für Laptops.

Keine Besserung für 2022 in Sicht

Doch wie geht es dieses Jahr weiter? Dass sich die Situation 2022 rasch bessern wird, glauben die Experten nicht. „Die jetzigen Engpässe werden sich fortsetzen. Entweder Autohersteller*innen lernen um, und geben Abnahmegarantien, oder sie werden noch lange leiden. Der Chipmangel wird uns aber locker bis 2023 beschäftigen“, so Schulke.

Schuld sei daran nicht nur die verstärkte Nachfrage nach Mikrochips, sondern auch Ereignisse, die sich schwer planen lassen. So hatten etwa 2021 Wetterkapriolen in Texas und ein Brand in einer japanischen Fabrik wichtige Chipwerke lahmgelegt. Immer wieder gab es Produktionsstopps wegen Corona-Lockdowns in einzelnen Ländern. „Ich rechne damit, dass entweder Corona oder weitere Extremwetterereignisse wieder zu Kapazitätsausfällen führen werden“, sagt Schulke.

Auswirkungen auf die Digitalisierung

Diese Ansicht teilt auch Günter Neubauer, CEO des IT-Dienstleistungsunternehmens APC TechRent in Österreich. Er vertreibt in Monitore, Laptops und andere IT-Hardware in großem Umfang. Große Aufträge würden sich durch die Lieferengpässe von Elektronikgeräten manchmal verschieben. Bei Standardmonitoren gäbe es etwa aktuell Vorlaufzeiten von 4-6 Monaten.

„Projekte können nicht fertig gestellt werden, oder werden teilweise storniert oder verspätet abgerechnet. Für unsere Branche ist der Zustand eine Herausforderung“, sagt Neubauer zur futurezone. Dabei sei die Digitalisierung derzeit in aller Munde. „Obwohl die Nachfrage riesig ist, liegt der Produktverkauf derzeit aufgrund des Chipmangels unter den Vorjahreswerten“, so Neubauer. Natürlich werde sich die Branche wieder erholen, so der IT-Berater, doch das werde dauern.

Günter Neubauer, CEO von APC TechRent

Neue Fabrik im Entstehen, aber es dauert

Alle Chipfabriken würden derzeit an ihren Kapazitätsgrenzen laufen und bis neue Werke fertig seien und in Betrieb genommen können, würden Jahre vergehen, meint der IT-Experte. „Meines Erachtens nach wird es bis Ende 2022 keine Besserung geben“, sagt Neubauer. Expert*innen von der Analysefirma Gartner sind hier optimistischer. „Wir rechnen mit einer weiteren Knappheit bis Mitte 2022. Doch im Laufe des Jahres wird sich die Situation dann bessern“, sagt Alan Priestly auf futurezone-Anfrage.

Auch der Gartner-Experte verweist jedoch darauf, dass sowohl der Bau von Fabriken nur langfristig helfen werde, und die Produktionsprozesse von Mikrochips aufwendig und langwierig seien. "Von der Produktion des Chips bis zur Lieferung des fertigen Produkts vergehen oft Monate", so Priestly.

Ein Unternehmen, das in Österreich angesiedelt ist, profitiert freilich von der hohen Nachfrage: Infineon, der einzige europäische Chiphersteller in den weltweiten Top Ten, hatte im Sommer 2020 in Villach sein Forschungszentrum eröffnet und ein Jahr später die Produktion im neuen Werk aufgenommen. Die Investition von 1,6 Milliarden Euro wird sich 2022 mit Sicherheit bereits auszahlen.

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Barbara Wimmer

shroombab

Preisgekrönte Journalistin, Autorin und Speakerin. Seit November 2010 bei der Kurier-Futurezone. Schreibt und spricht über Netzpolitik, Datenschutz, Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Social Media, Digitales und alles, was (vermeintlich) smart ist.

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