© Attac Österreich

B2B
02/18/2020

Razzia bei Amazon Österreich

Beim österreichischen Amazon-Paketzentrum Großebersdorf kam es am Dienstag zu einer Razzia. Die Finanzpolizei ermittelt.

von Martin Stepanek

Das österreichische Amazon-Verteilzentrum Großebersdorf bekam am Mittwoch unangemeldeten Besuch der Finanzpolizei. Ermittelt wird gegen Subunternehmen, die Amazon zum Ausliefern seiner Pakete beschäftigt - der Verdacht lautet auf "gewerbsmäßige Schwarzarbeit". Das berichtet die Tageszeitung "Die Presse", die offenbar gerade eine Werksführung des US-Konzerns bekam, als über 60 Beamte vor der Tür standen.

500 Fahrer betroffen

Laut dem Bericht werden alle 500 eingesetzten Fahrer der diversen Subunternehmen geprüft, entsprechende Mitarbeiter-Listen wurden abgesammelt. Viele der Subunternehmen, die ihrerseits auch wieder Subfirmen und Ein-Personen-Unternehmen beschäftigen sollen insgesamt Steuerschulden von 385.000 Euro angehäuft haben. Amazon selber teilte mit, dass man Maßnahmen gegen Lieferpartner ergreifen werde, die Mitarbeiter nicht im Einklang mit geltendem Recht beschäftigen.

Wie prekär die Situation für Paketzusteller ist, hat die futurezone vor kurzem erst thematisiert. Zustellungen von bis zu 250 Paketen pro Tag, eine Bezahlung nach ausgelieferten Paketen anstelle von Stunden sowie Scheinselbstständigkeit und andere ausbeuterische Praktiken sind einige der Kritikpunkte, die vida-Gewerkschafter Karl Delfs im Gespräch mit der futurezone anführte: „Der gesamte Online-Handel lebt von diesem Geflecht an Subsubsub-Firmen, in denen die Verantwortung meist an das schwächste Glied - den Fahrer - abgegeben wird“.

Neue Gesetze gefordert

Seit längerem fordern Arbeitnehmervertreter mehr Verantwortung für Unternehmen ein, die ihre Logistik mittels Sub-Firmen abwickeln. Sie sollen als Generalunternehmer für arbeitsrechtliche Verfehlungen haften, fordert nicht nur die Gewerkschaft, sondern etwa auch die Arbeiterkammer. Weitere Forderungen sind verstärkte Kontrollen bei der Scheinselbstständigkeit sowie eine Lenkaufzeichnung für Kleintransporte unter 3,5 Tonnen. So können Arbeitszeiten und Fahrpausen kontrolliert werden.

Neben Großhändlern wie Amazon, der über eigene große Logistikzentren verfügt und die Zulieferung künftig über eigene Paketzusteller durchführen will, ist aber auch die Österreichische Post betroffen. Denn neben ihren eigenen Angestellten arbeitet auch sie - nicht zuletzt seit der Übernahme des Privatkundengeschäfts des deutschen Anbieters DHL - verstärkt mit externen Zulieferern und Subunternehmen zusammen.

Viele Kundenbeschwerden

Die schlechten Arbeitsbedingungen in der Branche wirken sich zunehmend auch auf die Qualität der Zustellung aus. Beschwerden über nicht oder fehlerhaft zugestellte Pakete häufen sich. Neben Benachrichtigungen über gescheiterte Zustellversuche, obwohl der Empfänger zu dem Zeitpunkt zuhause war und nicht geklingelt wurde, landen manche Pakete ungefragt vor der Haus- oder Wohnungstür oder landen ohne entsprechende Hinweise bei unbekannten Nachbarn.

„Der Druck auf Arbeitnehmer ist enorm, gerade für selbstständige Ein-Personen-Unternehmen, die mit ihrem eigenen Fahrzeug zustellen. Wenn sie die enormen Zustellmengen nicht schaffen, gibt es Strafsanktionen“, erklärte Susanne Bauer von der Arbeiterkammer Steiermark im futurezone-Interview. Dass sich diese Bedingungen in der Zustellqualität und letztlich auch in der Kundenzufriedenheit niederschlage, liege auf der Hand.

Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will kommentierte die Razzia gegenüber der futurezone wie folgt: „Wir begrüßen die heute von Finanzminister Blümel veranlasste Großrazzia der Finanzpolizei bei Amazon. Es braucht eine strukturierte Betrugsbekämpfung, um Steuerhinterziehung und Sozialbetrug hintanzuhalten. Damit wird einer Wettbewerbsverzerrung entgegengewirkt und für mehr Fair Play gesorgt. Österreich hat sich seine Arbeits- und Sozialstandards hart erarbeitet, daher ist ein effektiver Vollzug nur fair.“