DF-5

DF-5

© EPA / WU HONG

Militärtechnik

Chinesische Atomraketen sollen mit Wasser statt Treibstoff gefüllt sein

Chinas Armee (PLA) hat mit Korruption zu kämpfen. Besonders betroffen ist die PLARF (People's Liberation Army Rocket Force), die für Chinas Raketenarsenal zuständig ist. Dies inkludiert bodengestützte atomare und konventionelle ballistische Raketen, Marschflugkörper, Hyperschallraketen und die dafür nötige Infrastruktur und unterstützenden Elemente.

Im Juni 2023 wurde der Chef der PLARF und 2 seiner Vertreter entlassen. Im Juli starb ein früherer hochrangiger Offizier der PLARF unter mysteriösen Umständen. Im Oktober 2023 wurde der chinesische Verteidigungsminister wegen Korruptionsvorwürfen seiner Position erhoben. Er hatte diese nur 7 Monate inne, nachdem im März 2023 sein Vorgänger in Pension gegangen ist. Am 29. Dezember 2023 wurden 9 chinesische Militärs ihrer Posten enthoben, wovon 5 mit der PLARF zu tun hatten. Ein paar Tage zuvor wurden öffentlich 3 hochrangige Manager von staatlichen Raketenherstellern entlassen.

Der aktuelle Kommandant der PLARF ist ein Admiral der chinesischen Marine. Dass der Chefposten nicht innerhalb der PLARF nachbesetzt wurde, wird als Zeichen gesehen, dass die politische Führung Chinas eine tiefgehende Korruption bzw. Missmanagement innerhalb der Raketenstreitkräfte vermutet.

Wasser im Tank, defekte Silodeckel

Jetzt dürfte ein Teil der Korruption bekannt sein. Zumindest stellt das Bloomberg so da.

Laut den US-Geheimdiensten wurden viele Beispiele für das Ausmaß der Korruption gesammelt. Dazu gehören „Raketen, die mit Wasser statt Treibstoff gefüllt sind und große Mengen von Raketensilos im Westen von China, deren Deckel nicht richtig funktionieren, um einen effizienten Raketenstart durchzuführen.“

Nähere Details nennt Bloomberg nicht. Auch die Quellen bzw. von welchen Geheimdiensten die Quellen ihre Informationen haben, wird nicht verraten.

Womöglich Treibstoff geklaut, um Geld zu verdienen

Das sorgt für Spekulationen. Die scheinbar offensichtlichste Möglichkeit ist, dass Wasser statt Treibstoff getankt wurde, damit sich Menschen bereichern. Weil heimlich die Raketen mit Wasser gefüllt wurden, konnte der Treibstoff an anderer Stelle verkauft werden.

Andere Theorien gehen von menschlichem Versagen, bzw. Schlamperei aus. So hat Chinas Präsident Xi Jinping in den vergangenen Jahren massiv Druck gemacht, um die PLA bis 2027 vollständig zu modernisieren. Das hohe Tempo könnte zu Flüchtigkeitsfehlern geführt haben.

Die Suche nach der betroffenen Rakete

Um der Sache mit den wasserbetankten Raketen auf den Grund zu gehen, muss man erst wissen, um welche Raketen es sich überhaupt handelt. Offensichtlich müssen es Modelle mit Flüssigtreibstoff sein – sonst könnte man den Treibstoff nicht durch Wasser ersetzen. PLARF hat vermutlich mehr als 300 Marschflugkörper im Arsenal, die Flüssigtreibstoff nutzen, berichtet The Drive. Diese werden aber von Fahrzeugen gestartet und nicht aus Silos. Außerdem haben wenig Treibstoff, verglichen mit ballistischen Raketen. Da in dem Bloomberg-Bericht Silos im selben Atemzug genannt werden, dürfte es also nicht um Marschflugkörper gehen.

Die Vermutung fällt in Folge auf die Dongfeng 5 (DF-5). Die ballistische Rakete nutzt Flüssigtreibstoff und ist in Startsilos untergebracht. Ältere Modelle sind mit Nuklearsprengköpfen mit bis zu 5.000 Kilotonnen bestückt. Neuere Modelle haben die Option für Mehrfachsprengkörper (MIRV). Eine Rakete hat dann 4 bis 6 Atomsprengköpfe mit 500 Kilotonnen geladen. Die Reichweite beträgt 13.000 Kilometer.

Raketen wurden schlecht ausgewaschen

Raketen mit Flüssigtreibstoff werden üblicherweise nicht betankt gelagert. Der Treibstoff ist nicht nur entflammbar und explosiv, sondern auch toxisch und korrosiv. Er würde also die Rakete von innen heraus zerfressen, wenn er zu lange im Tank bleibt.

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Deshalb werden ballistische Raketen, die permanent einsatzbereit sein sollen, bevorzugt mit Festtreibstoff genutzt. Der hat den Nachteil, dass bei schweren Raketen der Verbrauch höher ist und der Tank wegen des größeren Drucks stabiler gebaut werden muss, was wiederum die Rakete schwerer macht. Raketen mit Flüssigtreibstoff haben also meist mehr Reichweite als Raketen derselben Größe mit Festbrennstoff.

Wenn die DF-5 leer gelagert wird, heißt das, sie muss erst betankt werden, bevor sie starten kann. Dies soll bei der Rakete 30 bis 60 Minuten dauern. Um das zu optimieren, wird das Betanken geübt. Nach der Betankung muss der Treibstoff abgepumpt und der Tank ausgewaschen werden, damit die korrosiven Rückstände verschwinden. Das Schmutzwasser muss dann ebenfalls ausgepumpt werden. Es ist möglich, dass dies nicht gründlich genug gemacht wurde und deshalb Wasser im Tank zurückgeblieben ist.

Denkbar ist auch, dass China ein Rotationsprinzip hat. Es könnten also zB. immer nur 20 Prozent der DF-5s betankt sein, um schnell reagieren zu können. Nach einer bestimmten Zeit werden die Tanks geleert und die nächsten 20 Prozent betankt. So sind immer ein paar Raketen sofort startbereit und es kommt zu einer gleichmäßigen Abnutzung. Das würde das häufige Ausspülen der Tanks erfordern, wobei, wenn es nicht richtig gemacht wird, Wasser zurückbleiben könnte.

MIRV-Booster wurde falsch betankt

Eine weitere Theorie ist, dass das „Post-Boost-Vehikel“ (PBV) falsch betankt wurde. Dabei handelt es sich um die Stufe der Rakete, die die MIRV-Sprengköpfe über ihren Zielen freisetzt. PBVs nutzen üblicherweise flüssige hypergole Treibstoffe. 2 Komponenten befinden sich in getrennten Tanks. Berühren sie sich bei der gemeinsamen Einspritzung ins Triebwerk, zünden sie sofort – es ist quasi der 2-Komponenten-Kleber der Raketentreibstoffe.

LGM-118A Peacekeeper MIRV

LGM-118A Peacekeeper MIRV. Die Sprengköpfe befinden sich auf dem PBV

Damit diese Reaktion nicht verfrüht oder gar bei der Lagerung im Silo erfolgt, muss das PBV dicht sein. Nach dem Bau werden sie deshalb mit Wasser bzw. wasserbasierten Kontrastmittel befüllt, eine Weile gelagert und geschüttelt, um die Vibrationen beim Flug zu simulieren. Sind sie dicht, werden die Tanks ausgepumpt, mit dem hypergolen Treibstoff befüllt und in die Raketen eingesetzt.

Der Theorie zufolge könnte aus Eile, menschlichem Versagen oder Schlamperei das PBV direkt nach dem Test ausgeliefert worden sein – also noch mit Wasser statt Treibstoff im Tank. Bei der Installation in die Rakete wäre das nicht aufgefallen, weil das PBV lediglich gewogen wird, um zu bestimmen, ob es ausreichend betankt wurde bzw. das Gewicht keinen Grenzwert überschreitet.

Die PBVs werden fertig betankt in die Raketen installiert. Denn das Hantieren mit den hypergolen Treibstoffen ist gefährlich und das Betanken im Silo würde ziemlich lange dauern, wenn die PBVs schon in den Raketen verbaut sind. Stattdessen werden sie nach einer bestimmten Zeit, meist zwischen 5 und 7 Jahren, ausgebaut, inspiziert und gewartet. Dazu wird der Treibstoff abgelassen. Und hier hat womöglich die PLARF festgestellt, dass nur Wasser im Tank war. Sollte das bei einer ganzen Charge von PBVs passiert sein, könnten alle davon betroffenen Atomraketen unbrauchbar sein, weil die MIRVs nicht über den Zielen abgeworfen werden.

Umstellung der Doktrin als Mitgrund des Versagens

Möglicherweise ist nicht (nur) Korruption Auslöser für dieses Fehlverhalten. Das Drängen auf den Ausbau der PLA und Umstellung von Doktrinen könnte mitverantwortlich für die Schlamperei sein – etwa, weil Zeit gespart werden sollte.

So hat China in den vergangenen Jahren auf „Launch on Warning“ (LOW) bei seinen Atomraketen umgestellt. LOW sieht vor, dass die eigenen Atomraketen gestartet werden, sobald anfliegende feindliche Atomraketen erkannt wurden. Die eigenen Raketen sind dann schon in der Luft und unterwegs zum Ziel, bevor die feindlichen Atomsprengköpfe einschlagen.

LOW ist mit Raketen mit Flüssigbrennstoff, die erst betankt werden müssen, aber schwer umzusetzen. Die amerikanischen Minuteman III, die Festbrennstoff nutzen, können innerhalb von Minuten aus den Silos abgefeuert werden - während die DF-5 eben 30 bis 60 Minuten betankt werden muss. Der Versuch, diese Zeit zu reduzieren, könnte zu den Flüchtigkeitsfehlern geführt haben.

Auch das Problem mit den Silodeckeln könnte damit zu tun haben. Vor 2 Jahren hat China begonnen, die Anzahl seiner Silos massiv auszubauen. Von früheren 20 Stück für DF-5s wurde auf 250 aufgerüstet. Dieser schnelle Ausbau könnte verantwortlich sein, dass die Deckel nicht ausreichend getestet oder falsch installiert wurden. Es ist auch möglich, dass die Deckel nicht schnell genug öffnen, um Chinas neue LOW-Strategie zu unterstützen. Womöglich wurden die Deckel der neuen Silos mit der Mechanik der ersten 20 Silos ausgestattet. Damals mussten die Deckel nicht unbedingt schnell öffnen, da die Rakete ohnehin erst betankt werden musste.

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Vorbereitung auf die Invasion von Taiwan

Die Modernisierung der chinesischen Armee bis 2027 könnte mehr als nur ein Säbelrasseln sein. Politische Beobachter*innen gehen davon aus, dass China damit eine Invasion auf Taiwan vorbereitet, bzw. schlagbereit sein will, um eine mögliche Invasion zwischen 2027 und 2032 durchführen zu können.

PLARF spielt eine wichtige Rolle dabei. Der Erstschlag, um die taiwanesischen Verteidigungsanlagen zu eliminieren, wird vermutlich mit landgeschützten Raketen und Marschflugkörpern erfolgen. Erst danach kommt der Angriff mit Flugzeugen und Schiffen. Außerdem ist die LOW-Doktrin wichtig, um den mit Taiwan verbündeten Nuklearmächten die „Zähne zu ziehen“. Sie müssten konventionelle Waffen nutzen, da sie bei einem Atomschlag nicht alle chinesischen Atomwaffen ausschalten könnten, bevor China diese gestartet hat.

PLARF hat auch landgestützte Antischiffsraketen im Arsenal. Diese würden bei einer Invasion vermutlich nicht nur gegen Taiwan gerichtet werden, sondern auch gegen die amerikanischen und japanischen Flotten, sollten diese zugunsten Taiwans einschreiten.

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