© Thomas Prenner

Digital Life
05/12/2019

Privatsphäre, Party und kaum Protest: Ein Besuch bei der I/O

Google macht auf seiner Entwicklerkonferenz auf Rockfestival. Wir waren in Mountain View dabei.

von Thomas Prenner

Laute Musik, Geruch nach Gegrilltem, Bier, eine große Open-Air-Bühne und Tausende – überwiegend junge - Menschen: Googles jährliche Entwicklerkonferenz I/O gleicht mehr einem Musikfestival als einer Technologieveranstaltung. I/O steht für Input/Output, also Ein-/Ausgabe. Dabei handelt es sich um einen Begriff aus der Informatik, der die Kommunikation zwischen Computern und der Außenwelt beschreibt.

Austragungsort der I/O ist zum vierten Jahr in Folge das Shoreline Amphitheatre in Mountain View, ein Gelände das eigentlich für Rockkonzerte gebaut ist. Anstelle von Metallica, Lynyrd Skynyrd, oder Deep Purple tritt hier Google-Chef Sundar Pichai auf die Bühne. Er eröffnet die Konferenz traditionell mit der Keynote.

US-IT-GOOGLE-LIFESTYLE-INTERNET

Rockstar

Gefeiert wird er von den anwesenden Software-Entwicklern jedenfalls wie ein Rockstar. „Unser Ziel ist es, ein hilfreicheres Google für alle zu entwickeln“, so Pichai. Ihm jubeln lautstark rund 7000 Softwareentwickler und Google-Fans im Publikum zu, teilweise haben sie ihre Landesflaggen umgebunden und schießen Selfies mit der Bühne im Hintergrund.

Pichai präsentiert nicht nur neue Smartphones, sondern zeigt auch, wie Google künftig mit künstlicher Intelligenz das Leben seiner Nutzer vereinfachen möchte. Bekommt man ein E-Mail, soll der Computer künftig die passende Antwort automatisch vorschlagen. Will man für eine Reise ein Auto mieten, muss man kein langes Online-Formular mehr ausfüllen, sondern lediglich Google sagen, dass man gerne ein Auto hätte. Den Rest erledigt die künstliche Intelligenz – zumindest theoretisch. Weltverbesserung darf auch nicht fehlen: So zeigt Google, wie mit künstlicher Intelligenz Menschen mit Behinderung geholfen werden und wie sie bei der Diagonose von Krankheiten eingesetzt werden kann.

Bis die angekündigten Neuerungen breit verfügbar sind, dürften aber noch Monate vergehen. Bis sie auch außerhalb der USA genutzt werden können, vermutlich Jahre.

Heimspiel

Die I/O ist ein Heimspiel für den Suchmaschinen-Konzern. Das Amphitheater ist nur wenige hundert Meter von Googles Hautquartier entfernt. Jenes wird gerade massiv erweitert: Hunderte Bauarbeiter errichten hier gerade die spektakuläre Dachkonstruktion einer Erweiterung von Googles Gebäudekomplex. Sie erinnert an eine Art überdimensionales Zirkuszelt aus Metall und umfasst mehr als 55.000 Quadratmeter.

So mancher Konzertveranstalter würde sich einen Besucherandrang, wie ihn Google verzeichnet nur wünschen: Die 7000 Tickets werden per Zufallsmodus vergeben, weil die Nachfrage das Angebot um ein Vielfaches übersteigt. Daran ändert auch der hohe Preis der Karten nichts: Ein reguläres Ticket kostet 1150 US-Dollar, umgerechnet etwas mehr als 1000 Euro. Studenten bezahlen „nur“ 375 Dollar (335 Euro). Wie viel Google die Konferenz kostet, ist nicht bekannt. Die Vorbereitungen dauern laut einem Verantwortlichen sechs bis neun Monate.

Coden und Party

Dafür wird den Besuchern auch abseits der Eröffnungs-Keynote einiges geboten: Auf zehn verschiedenen Bühnen wird in zahlreichen Vorträgen und Workshops erläutert, wie man für Googles Plattformen am besten entwickelt. Dominierende Themen auf der heurigen I/O sind etwa künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen.

Viel dreht sich auch um Augmented Reality – also das Einblenden virtueller Produkte in reale Umgebungen mithilfe des Smartphones. Natürlich stehen auch zahlreiche Vorträge am Programm, in denen App-Entwicklern der Umgang mit dem neuen Android sowie dessen neue Funktionen nähergebracht werden. Die Besucher nutzen die Konferenz gleichzeitig, um sich untereinander auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. „So coole Menschen aus meinem Feld treffe ich sonst nirgends“, erzählt ein Teilnehmer. Gleichzeitig geht es bei der Teilnahme an der begehrten Konferenz um Prestige.

Auch für Unterhaltung sorgt Google: Tischtennis im Freien, eine ganze Halle gefüllt mit Videospiel-Automaten und eine Rollerdisko – originalgetreu mit Musik der 80er-Jahre – beschäftigt das Publikum nach Einbruch der Dunkelheit. Auch eine Band wurde für einen Abend gebucht: Die experimentelle Rockformation Flaming Lips tritt auf der Konzertbühne am zweiten Abend auf.

Keine Kritik

Selbstkritik sucht man auf der Konferenz vergebens. Auch kontroverse Themen werden ausgelassen, obwohl der Konzern im vergangenen Jahr mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Durchgesickerte Pläne rund um eine zensierte Version seiner Suchmaschine für China führten zu umfangreichen Mitarbeiterprotesten. Das Projekt mit dem Codenamen „Dragonfly“ wurde schließlich auf Eis gelegt. Ein Rückschlag für Google, eine Expansion nach China wäre eines der lukrativsten Projekte für den US-Konzern. Seit 2010 ist weder die Suchmaschine noch einer der dazugehörigen Google-Dienst in China offiziell verfügbar.

Ein anderes Problem, mit dem sich Pichai auseinandersetzen musste, war Sexismus und mangelnde Diversität im eigenen Unternehmen. Mehrere Tausend Mitarbeiter legten aus Protest ihre Arbeit nieder und gingen auf die Straße. Eine weitere Kontroverse war die Zusammenarbeit mit dem US-Militär. Im Dezember wurde Pichai außerdem sogar vor den US-Kongress geladen, wo er sich gegen Vorwürfe der politischen Befangenheit wehren musste.

Privatsphäre und Protest

Auf der I/O stehen die Probleme im Hintergrund. Stattdessen betont Pichai die Wichtigkeit von Privatsphäre. "Wir sind fest davon überzeugt, dass Datenschutz und Sicherheit für alle ist und nicht nur für manche" sind, sagt er. Nicht alle glauben Google das Bekenntnis zum Datenschutz. „Google-Kontrolle ist nicht Privatsphäre. Rettet lokale Nachrichten", steht auf einem Banner des Flugzeugs, das während der Eröffnung über dem Publikum kreist. Mehr als einige neugierige Blicke der Anwesenden erntet der Flug allerdings nicht. 

Nicht nur das Wetter hat bei der I/O gehalten, sondern auch Googles Image. Es geht hier darum, Relevanz zu zeigen. Nicht nur der breiten Masse, sondern auch Entwicklern, die für das Ökosystem rund um das mobile Betriebssystem Android und anderer Produkte sorgen. Blickt man in die Gesichter und hört sich unter den Anwesenden um, dürfte das gelungen sein.