© Pixabay

Digital Life

Taugen Bitcoin und Co. als Krisenwährungen?

Die Ukraine hat, nachdem sie ausdrücklich darum bat, innerhalb weniger Tage mehrere Millionen Euro in Form von Krypto-Spenden erhalten. Damit kauft sie nun unter anderem kugelsichere Westen und Nachtsichtgeräte. Gleichzeitig geht in den Medien die Frage um, ob Russland die vom globalen Westen verhängten Sanktionen mit Kryptowährung umgehen könnte. Weniger Dollar-Zahlungsverkehr, mehr Bitcoin, so die Logik.

Beide Kriegsparteien nutzen Kryptowährung, um sich in der geopolitischen Auseinandersetzung einen Vorteil zu verschaffen. Der erste große Konflikt in der Krypto-Ära zeigt, wie einfach Geld über Grenzen hinweg auf Krypto-Plattformen verschoben werden kann. „Das ist ein Zahlungssystem, dass nicht nur unter der Kontrolle von Staaten ist. Es ist wertfrei“, so Alfred Taudes vom Forschungsinstitut für Kryptoökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien gegenüber der futurezone. „Niemand kann wirklich verhindern, dass es auf die eine oder andere Weise verwendet wird“.

Dass Ethereum, Bitcoin und Co. zu einer Variable im Russland-Ukraine-Krieg geworden sind, wirft Fragen auf. Können Kryptowährungen die Auseinandersetzung maßgeblich beeinflussen? Und taugen sie als Krisenwährung, als finanzieller „sicherer Hafen“, in politisch und wirtschaftlich brisanten Zeiten?

Spenden nur Tropfen auf dem heißen Stein

Tatsächlich zieht der Handel mit Kryptowährungen sowohl in der Ukraine als auch in Russland durch den Krieg an. Seit dem Beginn der russischen Invasion verzeichnen Kryptobörsen Transaktionsspitzen in ukrainischem Hrywnja und russischem Rubel. Die Spenden an die Ukraine sind allerdings nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Zwar hat noch niemals zuvor ein Land so viele Spenden in Gestalt von Kryptowährung erhalten, im Vergleich zu anderen Ausgaben in der Auseinandersetzung ist der Anteil an Krypto-Transaktionen aber gering.

In Kriegsgebieten hätten Kryptowährungen dennoch einen Nutzen, wie Ökonom Taudes weiß: „Sobald man über Internet und seinen Key verfügt, kann man überall auf der Welt auf seine Wallet zugreifen.“ Wer also dazu genötigt wird, aus einem Kriegsgebiet zu fliehen, hat die Möglichkeit – sofern er das nötige Know-how hat – seine Assets zu übertragen.

Die Kehrseite: Kryptowährungen sind bekannt für ihre starken Wertschwankungen. “Die Kurse gehen enorm rauf und runter, manchmal an einem Tag um 10 Prozent", sagt Jürgen Huber, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Innsbruck, im Gespräch mit der futurezone. „Kryptowährungen sind aber nicht mehr so volatil wie noch vor ein paar Jahren", sagt Taudes. Im Falle des Ukraine-Russland-Konflikts könne es sich außerdem auszahlen, in Bitcoin oder Ethereum zu investieren, denn die nationalen Währungen beider Kriegsparteien hätten in den vergangenen Tagen etwa die Hälfte an Wert verloren. „Im Moment würde ich ehrlich gesagt lieber die ukrainische Währung oder den Rubel abgeben, denn die sind ja noch mehr gefallen“, merkt Taudes an.

Die Ukraine zählt zu einem führenden Land in Sachen Krypto. Mit Krypto-Spenden aus dem Ausland kauft das Land nun Kampfausrüstung.

Umgehen von Sanktionen schwierig

Für Russland scheinen Kryptowährungen keine ausreichende Alternative für Transaktionen ins Ausland zu sein. Das wäre nämlich eine Möglichkeit, den Ausschluss aus dem internationalen Bankenkommunikationssystem SWIFT zu umgehen. Jene westliche Sanktion, die den Kreml besonders hart trifft. Zum einen hängt dies laut Experte Taudes mit dem Ausmaß der westlichen Sanktionen zusammen: „Wenn es unter Strafe steht, von einem russischen Unternehmen etwas zu kaufen, dann nutzt es dem Unternehmen ja nichts, wenn es Bitcoin hat“.

Denn auch bei Kryptowährungen lassen sich Geldflüsse zwischen Wallet-Adressen nachvollziehen. Zwar ohne Angabe eines Namens, Transaktionen sind aber unauslöschlich. Das nutzen einige Krypto-Plattformen dazu, russische Unternehmen oder gar Oligarchen auf eine "Schwarze Liste" zu setzen und deren Wallets zu sperren. Wie viel das bringt, ist allerdings fraglich. Denn nicht alle Plattformen und Coins beziehen Stellung und verhängen Sanktionen, wodurch Schlupflöcher entstehen können.

Für Russland könnte es allerdings schwierig sein, mit Kryptowährung Käufe im Ausland zu tätigen. Denn die russische Wirtschaft, wie auch viele andere in Europa, ist noch nicht ausgereift genug, um mit Kryptowährungen umgehen zu können. Viele Unternehmen seien nicht darauf ausgerichtet, gibt Wissenschaftler Taudes zu bedenken: „Nehmen wir die Voest her. Die wäre nach heutigem Stand ja nicht dazu bereit, eine Firmenzahlung in Bitcoin abzuwickeln".

 “Ich glaube nicht, dass Krypto in diesem Krieg eine wahnsinnig große Rolle spielt."

Jürgen Huber, Universität Innsbruck

Kein sicherer Hafen

Ob Bitcoin eine Alternative für Flüchtende ist, ist das eine. Ob sie in Krisenzeiten für Anleger*innen hierzulande ein gutes Investment darstellt, das andere. Immerhin hat der Bitcoin nach seiner Talfahrt zu Beginn des Krieges zugelegt. Das lockt Investor*innen an und unterstreicht das von Krypto-Befürworter*innen häufig vorgebrachte Argument, Krypto wäre eine gute Anlage in Krisenzeiten.

Finanzwissenschaftler Huber gibt allerdings zu bedenken: “Mit Kryptowährung wird ein alternatives Zahlungssystem aufgemacht und das kann für Gutes und für Schlechtes gebraucht werden. Was es aber auf keinen Fall ist, ist ein garantierter sicherer Hafen." Die zwei größten Kryptowährungen, Bitcoin und Ethereum, wären schlichtweg zu volatil, um ein sicheres Investment in Krisenzeiten zu sein. "Wenn ich in einer Krise bin, will ich Sicherheit haben. Kryptowährungen sind genau das Gegenteil von Sicherheit“, so der Experte.

Regulierungen

Nicht nur die Volatilität, sondern auch ein Verbot von Kryptowährungen erhöhe laut Huber das Risiko für Anleger*innen: “Es besteht auch immer die Gefahr, dass Länder Kryptowährungen verbieten. Und dann sinkt ihr Wert erst recht." Solche Verbote sind laut dem europäischen Parlament zwar vom Tisch, in anderen Staaten könnte allerdings anders entschieden werden.

Ob Kryptowährungen in zukünftigen Konflikten eine Rolle spielen wird, ist laut Finanzwissenschaftler Huber schwer zu sagen. “Ich glaube nicht, dass Krypto in diesem Krieg eine wahnsinnig große Rolle spielt. Weder zur Finanzierung von Putin, noch zur Finanzierung seiner Opposition. Es ist eher ein Randthema.” 

Ökonom Taudes sieht den Russland-Ukraine-Konflikt hingegen als Umbruch. Im Hinblick auf die Krypto-Spendeaktion sagt er: “Das klingt zwar nicht nach viel, aber dass so etwas überhaupt passiert ist, ist ein weiterer Schritt in Richtung Akzeptanz von Krypto. Für Bitcoin war das sicher ein Moment, in dem der Coin ein bisschen erwachsener wurde“.

Mehr News zu Bitcoin und anderen Kryptowährungen lest ihr auf unserem Krypto-Channel futurezone.at/krypto.

Der Bitcoin hat seit Beginn des Russland-Ukraine-Kriegs angezogen. Trotz großer Transaktionsvolumina bleibt ein erheblicher Wertzuwachs allerdings aus.

Frag die futurezone

In der Rubrik „Frag die futurezone“ recherchieren und beantworten wir ausgewählte Fragen zu Tech-Themen für euch.

Stellen könnt ihr sie mit einer E-Mail an die Adresse redaktion@futurezone.at - Betreff: “Frag die futurezone”, ihr könnt uns aber auch gern via Social Media (Facebook, Instagram, Twitter) kontaktieren.

Hat dir der Artikel gefallen? Jetzt teilen!

Lisa Pinggera

LPinggera

Seit 2021 bei futurezone. Erzählt am liebsten Geschichten über Kryptowährungen, FinTechs und die Klimakrise. Schreibt aber über alles, was erzählenswert ist.

mehr lesen Lisa Pinggera

Kommentare